Die Berliner Mauer fiel Ende März 1962. Allerdings nur in der Klemkestraße zwischen Reinickendorf und Schönholz auf einer Länge von wenigen Dutzend Metern - und nur für kurze Zeit. Dann begannen am 31. März West-Berliner Polizisten, die großen Betonsteine wegzuräumen, aus denen DDR-Bauarbeiter den "antifaschistische Schutzwall" hier wenige Monate zuvor hatten fügen müssen; anscheinend mit qualitativ besonders schlechtem Mörtel.
"Schandmauer zerbröckelt", überschrieb die Berliner Morgenpost ihren Bericht über den Vorfall. Militärpolizisten der französischen Schutzmacht zeigten an der Sektorengrenze Präsenz und unterbanden damit Provokationen. DDR-Grenzer wiederum bewachten den kurzzeitig nur noch aus Stacheldraht bestehenden Todesstreifen scharf - und der Fotograf Karl-Heinz Schubert drückte auf den Auslöser seiner Kamera.
Es entstand ein Bild, das die Absurdität der mörderischen Grenze quer durch die Millionenstadt deutlicher vor Augen führt als viele der ständig wieder abgedruckten Ikonen. An kaum einem Ort der Hauptstadt dürften mehr Fotos zur Berliner Mauer gesammelt sein als im Landesarchiv in Reinickendorf. Eine Auswahl aus den reichen Beständen hat jetzt Volker Viergutz, Abteilungsleiter im Landesarchiv, zu einem ansehnlichen Bildband gebündelt und nebst einer DVD mit wenig bekannten Filmmaterialien über die Mauer herausgegeben (BerlinStory Verlag, 128 S., 9,90 Euro). Gerade die Mischung bekannter und weitgehend unbekannter Fotos macht den Band so interessant.
So sind unter den acht Aufnahmen vom gesperrten Brandenburger Tor die wohl bekannten Motive von den Schützenpanzerwagen vor der klassizistischen Anlage, aber eben auch ein nur selten zu sehendes, weil - auf den ersten Blick - wenig spektakuläres Bild von den ersten Sperranlage an der Ebertstraße direkt südlich des Pariser Platzes, aufgenommen nur einen Tag nach der Grenzsperrung: Da bestand der später an dieser Stelle besonders breite Todesstreifen (etwa so breit wie heute das Holocaustmahnmal) noch aus einer Reihe Betonpfosten und gespannten Stacheldrähten.
Ebenso interessant ist ein am 24. August 1961 von Karl-Heinz Schubert aufgenommenes Fotos vom Potsdamer Platz: Demonstrativ trinken West-Berliner auf der Terrasse eines Cafés direkt an der inzwischen hochgezogenen ersten Sperrmauer Kaffee. Ihre grimmigen Mienen strafen die vermeintlich lockere Situation Lügen.
Ein vielsagendes Bild gelang auch Horst Siegmann, als er am 1. Oktober 1961 über die Mauer hinweg die zwangsweise Räumungen von Wohnungen in Grenzhäusern durch DDR-Soldaten beobachtete. Zwei der Uniformierten halten kleine Spiegel in den Händen, mit denen sie westliche Fotografen zu blenden versuchen.
Viergutz hätte selbstverständlich den gesamten Verlauf der Sperranlagen um West-Berlin mit einer solchen Mischung dokumentieren können. Stattdessen konzentriert er sich auf wenige, besonders wichtige Abschnitte, etwa zwischen Neukölln und Treptow, wo es in der Heidelberger Straße die meisten Fluchttunnel gab, oder auf Kreuzberg. Dafür sind weitere Kapitel den West-Berliner Denkmäler für die Opfer des Schießbefehls gewidmet, den Grenzübergangsstellen und der beiderseitigen Propaganda. Insgesamt entsteht aus über hundert Fotos ein sehr eindrucksvolles Panorama der Berliner Mauer.



