Englischer Bomberpilot löste die Spendenaktion aus

Charles Jeffrey Gray, englischer Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg, hat die Spendenaktion zur Rettung des Turms der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ins Rollen gebracht.

Charles Jeffrey Gray, englischer Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg, hat die Spendenaktion zur Rettung des Turms der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ins Rollen gebracht. Nachdem er in der Tageszeitung "The Times" schon vor Monaten über das Sanierungsproblem gelesen hatte, schrieb er kurzentschlossen an den Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates, Wolfgang Kuhla, und mahnte: "Sie sollten versuchen, den Kirchturm zu retten und einen Fonds einrichten. Der Turm muss als Mahnzeichen an die Schrecken des Krieges für künftige Generationen erhalten bleiben." Die Gemeinde griff den Vorschlag, Geld zu sammeln, auf, und setzte ihn in die Tat um. 3,5 Millionen Euro sind zur Restaurierung nötig.

62 Jahre, nachdem Gray Bomben über Berlin abwarf, besucht er die Stadt jetzt zum ersten Mal. In der Tasche sein Logbuch, in dem er sorgfältig per Hand alle Flüge, die er jemals absolvierte, verzeichnet hat. Auch einen Scheck über 500 Pfund (713 Euro), mit dem er die Rettungsaktion zum Turm unterstützt, hat er im Gepäck.

Düstere Vergangenheit

Die Fahrt vom Flughafen Tegel über den Kurfürstendamm verläuft still. Es gibt viel zu sehen auf Berlins Prachtboulevard, dessen Bäume wie in London noch Herbstlaub tragen. Zusammen mit Ehefrau Joan (87) und Sohn Stephen (56) sowie der deutschen Schwiegertochter Gerlinde (54) wohnt der ehemalige Lancaster-Pilot gleich neben der Gedächtniskirche. Beim Blick auf die Ruine schauen die Grays anerkennend, wie der durch Bomben zerstörte Turm heute eindrucksvoll als Mahnzeichen Besucher aus aller Welt anzieht. Doch auch Nachdenklichkeit stellt sich bei der Erinnerung an die düstere Vergangenheit ein. Bei seinem ersten offiziellen Bombenflug am 3. November 1943 - das Ziel war Düsseldorf - war Gray 21 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor, 1941, hatte er seine Ausbildung bei der Royal Air Force begonnen, dabei auch Trainingsflüge in Texas absolviert. Am 2. Dezember 1943 hatte er genug Erfahrung gesammelt: Seine Vorgesetzten ließen ihn nach Berlin fliegen.

Es war die Zeit der großen Luftschlacht um Berlin, die bis zum Frühjahr 1944 dauern sollte. Als Vergeltungsschlag für die Nachtangriffe der deutschen Luftwaffe auf London waren Bomber der Royal Air Force erstmals im August 1940 gegen Berlin gestartet. Der Bombenkrieg, der von deutschem Boden ausgegangen war, kehrte schnell in die Heimat zurück.

"Wir waren nicht sehr effektiv. Die Bomben rollten oft von den Dächern auf die Straße, ohne die Häuser zu treffen", erinnert sich der Pilot, der heute in Windsor bei London lebt. Fast acht Stunden dauerte ein Einsatz - inklusive Rückflug zur Ostküste Großbritanniens. Geflogen wurde nur nachts. Tagsüber wären die Flieger wegen der deutschen Luftwaffe noch verletzbarer gewesen. Leipzig, Stuttgart, Essen, Nürnberg - Grays letzter Einsatz nach Berlin war am 15. Februar 1944.

6000 Meter Flughöhe

Ob er auch Bomben auf die Gedächtniskirche abgeworfen hat, weiß er nicht. Es habe zwar Scanner gegeben, um den Untergrund zu erkennen, doch sie seien nicht besonders gut gewesen. Vorausfliegende Pathfinder hätten für die Piloten die Ziele zur besseren Ortung mit fluoreszierenden Stoffen farblich markiert, doch auch dies sei nachts in einer durchschnittlichen Flughöhe von 20 000 Feet (etwa 6000 Meter) nicht sehr gut lokalisierbar gewesen. "Wir wollten die Bevölkerung demoralisieren, hatten aber kaum Erfolg. Die Deutschen gingen trotzdem zur Arbeit", erinnert sich Gray. 500 bis 700 Flugzeuge waren oft gleichzeitig im nächtlichen Einsatz über Berlin.

Seine Ehefrau Joan hat der ehemalige Lancaster-Pilot in Asien kennen gelernt. Sie arbeitete gleich nach dem Krieg ein Jahr in Sri Lanka. Gray war der Pilot, der sie auf einem Vier-Tage-Flug mit nächtlichen Stopps in den Royal-Air-Force-Stationen Karachi, Bagdad und Malta nach Hause flog. Beim Abschied tauschten sie ihre Adressen aus, und es dauerte nicht lange, bis sie sich trafen.

Deutschen Verletzten geholfen

Im Krieg arbeitete sie als Krankenschwester. Nur wenige Tage nach dem 6. Juni 1944, als die Landung der alliierten Truppen in der Normandie begann, versorgte sie dort im Krankenhaus verletzte Soldaten. "Gleich am ersten Tag habe ich für mich eine wichtige Entscheidung getroffen, nämlich, dass die deutschen Verletzten, die uns auf Tragen gebracht wurden, keine Feinde, sondern Patienten wie alle anderen sind."

Eine Entscheidung, über die sie noch heute froh und auf die sie auch ein bisschen stolz ist - schließlich ist ihr Sohn Stephen seit 1975 mit einer Deutschen verheiratet. Das Motto von Schwiegervater Ernst Joswig (Einst waren wir Feinde, nun müssen wir Freunde sein) stehe nicht nur für ihr eigenes Schicksal, sondern für alle Menschen, die durch den Krieg Schreckliches erlebt hätten. Dem Versöhnungsgedanken misst sie große Bedeutung bei. Deshalb ist auch sie von der großen Symbolkraft der Gedächtniskirche überzeugt.

Gray war 40 Jahre lang Berufspilot. Nach dem Krieg arbeitete er viele Jahre bei British Airways. Vor seiner Pensionierung war er sieben Jahre für die Gulf Air im Königreich Bahrain am Persisch-Arabischen Golf als Pilotentrainer tätig. Wie ist es für einen Mann mit solch einer Flugerfahrung, sich auf dem Flug nach Berlin in die Hände eines anderen Piloten zu begeben? "Das ist schon okay. Aber der Flug war viel kürzer als früher. Wir haben noch nicht einmal etwas zu essen bekommen."