Kurfürstendamm in Scherben - Es geschah am 12. April 1981

Berlin lässt es sich an diesem Sonntag so richtig gut gehen. Das Hochdruckgebiet "Knut" hat warme Luft aus Nordafrika mitgebracht und sorgt am 12. April 1981 für unglaubliche 24 Grad Celsius in der Stadt.

Berlin lässt es sich an diesem Sonntag so richtig gut gehen. Das Hochdruckgebiet "Knut" hat warme Luft aus Nordafrika mitgebracht und sorgt am 12. April 1981 für unglaubliche 24 Grad Celsius in der Stadt. Es ist Palmsonntag, der christlichen Überlieferung nach der sechste Sonntag der Fastenzeit und damit der Tag, der die Karwoche, also die Osterwoche, einleitet.

Viele West-Berliner nutzen das erste Gastspiel des Sommers und nehmen fröhlich die Natur in Besitz: Sie tanken Sonne auf den Ausflugsdampfern und frisch gezapftes Bier in den Lokalen an der Havel. Sie joggen durch den Grunewald und faulenzen in den Parks. Im Strandbad Wannsee sind innerhalb weniger Minuten alle 300 Strandkörbe und 100 Liegestühle vermietet. Eigentlich sollte die Badesaison erst vier Tage später am Gründonnerstag beginnen; weil es aber schon so warm ist, hat der Leiter des Strandbads die Tore eigenmächtig geöffnet. Er rechnet fest mit einem Donnerwetter. Doch er tröstet sich mit dem Blick auf die dicht gedrängten winterweißen Körper.

Auch der Kurfürstendamm ist gut besucht. Tausende flanieren über den Boulevard. Dorothea Bartosch, Geschäftsführerin bei Juwelier Gruschow, Kurfürstendamm 25, ist froh, diesem Trubel vor ihrem Geschäft entflohen zu sein. In der Osterwoche dürfte es einen Ansturm der Kundschaft geben, deshalb will sie einfach nur ihre Ruhe genießen. Nichts scheint dies zu gefährden.

Selbst der Regierende Bürgermeister Hans-Jochen Vogel nutzt die Zeit, um Luft zu holen. Im Januar hatte ihn SPD-Kollege Peter Glotz händeringend um Hilfe gebeten. Die Umbesetzung des Senats war gescheitert, Regierungschef Dietrich Stobbe zurückgetreten, die Stadt unregierbar geworden. Vogel wollte nicht kneifen, verließ seinen Posten als Bundesjustizminister und heuerte von einem Tag zum anderen in Berlin an. Seitdem hatte er die SPD mit stoischem Arbeitseifer einigermaßen wieder auf Kurs gebracht. Doch bereits am 10. Mai soll eine vorgezogene Neuwahl stattfinden, und ihm ist klar, dass die letzte Phase des Wahlkampfes nach Ostern über die Zukunft seiner Partei und seine eigene entscheiden wird. Grund genug für eine Auszeit.

Das denkt auch Polizeipräsident Klaus Hübner. Seit seine beiden Söhne ihr eigenes Leben führen, ist das Haus in der Taubertstraße in Grunewald zu groß geworden. Zufällig gibt ein Bekannter seine Wohnung in der Paderborner Straße auf - nur Minuten vom Kurfürstendamm entfernt. Noch vor Ostern will Hübner mit seiner Frau dort einziehen. Deshalb packt er an diesem Sonntag Umzugskisten. Manfred Kittlaus hat noch keine festen Pläne. Wirklich überzeugen können ihn weder das Kinoprogramm noch das Angebot im Fernsehen. Der Leiter des politischen Staatsschutzes beschließt, an diesem 12. April einfach zu faulenzen. Nichts deutet auf eine Katastrophe hin.

Die Polizeiführung will den Beamten vor Ostern eine Pause gönnen

Noch zwei Tage zuvor waren Hübner und Kittlaus weitaus weniger entspannt. Wie jeden Morgen trifft sich die Polizeiführung im Präsidium am Platz der Luftbrücke. Neben Hübner und Kittlaus sind Landespolizeidirektor Erhard Börner und der Dezernent für öffentliche Sicherheit, Günter Freund, gekommen. Die zunehmend gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der sprunghaft anwachsenden Zahl der Hausbesetzer hatte nicht nur die Stimmung in der Stadt angeheizt, sondern auch das Überstundenkonto der Beamten überquellen lassen. Und Ostern rechnet die Polizeiführung mit weiteren Unruhen. Deshalb will sie in den Tagen bis dahin die Bereitschaft lockern, einem Teil der Beamten freigeben, die Präsenz in der Stadt auf Sparflamme zurückfahren. Doch kann sich Berlin das leisten? Denn außer den Hausbesetzern gibt es seit gut einer Woche ein weiteres Problem.

Wie an den anderen Morgen auch muss Manfred Kittlaus die gleichen ungeduldigen Fragen beantworten: "Wie ist die Lage? Kann etwas passieren?" Der Staatsschutzleiter greift betont langsam in seine Tasche und zündet sich etwas umständlich eine Zigarette an. Was erwarten sie denn von ihm? Dass er hellsehen kann? Es reicht schon, dass er seine Kollegen in Hamburg mit seinen ständigen Anrufen nervt. Dort liegt der 38-jährige Sigurd Debus im Krankenhaus: Mitglied der linken Terrorszene, verurteilt wegen Raub- und Sprengstoffdelikten, abgemagert bis zum Skelett. Wie 26 andere schwere Straftäter, darunter die RAF-Terroristen Knut Volkerts, Irmgard Möller und Karl-Heinz Dellwo, will er erzwingen, dass sie aus verschiedenen Haftanstalten der Bundesrepublik an einem Ort zusammengelegt werden. Der kollektive Hungerstreik dauert bereits zwei Monate, und Debus muss inzwischen zwangsernährt werden. Sein Tod scheint nur eine Frage der Zeit. "Dann ist der Spuk endlich vorbei", denkt Manfred Kittlaus.

Straßenkämpfe und Hungerstreik haben die Atmosphäre explosiv gemacht

Doch er verwirft den Gedanken sofort wieder. Er weiß nur zu gut, wie wichtig es ist, dass Sigurd Debus am Leben bleibt. Der Hungerstreik der Häftlinge hat seiner Überzeugung nach einen gefährlichen Solidaritätseffekt in der Autonomen- und Hausbesetzerszene ausgelöst. Für den Fall, dass Debus stirbt, haben Szeneblätter Gewalttaten angekündigt.

Eine Drohung, die Kittlaus als massiv einstuft. Er rechnet mit einer terroristischen Tat, die er aber nicht einordnen kann. So gut ist die Unterwanderung der Szene nicht. Zum anderen geht er von Gewalt auf der Straße aus. Nach dem Hungerstreiktod von RAF-Mitglied Holger Meins 1974 waren 800 überwiegend Vermummte noch am gleichen Abend über den Kurfürstendamm gestürmt, hatten Schaufenster eingeworfen und sich mit der Polizei eine Straßenschlacht geliefert. Außerdem erschossen Anhänger den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann. Der Staatsschutz rechnet nun, knapp sieben Jahre später, mit einer Wiederholung. In den letzten Wochen war an Hauswände gepinselt die unverhohlene Drohung aufgetaucht: "Möllenbrock denk an Drenkmann." Peter Möllenbrock gilt in der Szene als einer der schärfsten Staatsanwälte der Stadt. Kittlaus erinnert sich auch an einen eindeutigen Aufruf in der linken "Tageszeitung" für den 13. März, einen Freitag, versteckt zwischen anderen Inseraten. Ein "Schwarzer Freitag" solle es werden, stand in der Anzeige der "taz". Die Stadt solle explodieren. "An allen Ecken soll Mensch spüren, dass es uns gibt. Macht Euch auf den Weg, denn wir haben außer Scheiben noch andere klirrende Stimmen, und die müssen endlich mal Ausgang kriegen." Kittlaus kennt auch das Pamphlet eines sogenannten Provisorischen Rates der Freien Republiken Kreuzberg und Neukölln. Formuliert im schönsten Szene-Slang, heißt es da: "Die einzige Ebene, auf der sie was kapieren, ist Geld! Jeden Tag, den unsere Genossen sitzen, soll 1 Million Sachschaden kosten! Randale, was das Zeug hält! Unsere Geiseln sind ihre Scherben, ihre Wannen, ihr Vermögen! Macht es teuer für sie!!!"

Der Staatsschutzleiter schaut in die gespannten Gesichter seiner Kollegen. "Sigurd Debus lebt, er wird künstlich ernährt, und die Hamburger sagen, bis Ostern ist nichts zu befürchten", beruhigt er sie. "Das erzählen Sie uns seit Tagen", mault Landespolizeidirektor Börner. "Was ist mit den Meldungen, Debus befinde sich in Lebensgefahr?" Manfred Kittlaus hebt die Schultern und verweist noch einmal auf die Versicherung aus Hamburg. Dezernent Günter Freund amüsiert sich heimlich über Börner. Der Landespolizeidirektor gilt als übergenau, und wie es scheint, ist er auch übernervös. Andererseits findet Freund das verständlich, denn die Personalvertreter sitzen ihnen im Nacken. Der Frust in der Truppe ist groß. Mal werden die Beamten angehalten, energisch gegen gesetzwidrige Hausbesetzungen vorzugehen, was selten ohne blutige Schrammen abläuft. Dann heißt es wieder "Kommando zurück", mit den friedlichen Besetzern verhandeln, um sie von den Gewalttätigen zu trennen - die "Müslis" von den "Mollis", wie das die Szene nennt. Das wiederum regt die Gesetzestreuen in der Stadt auf. Auch ist klar, dass die Polizei nicht auf Dauer ihre Kräfte für den "Häuserkampf" und gleichzeitig für mögliche Gewaltaktionen beim Hungertod eines Häftlings bereithalten kann. Ein paar Tage Erholung könnte den Frust abbauen. Es darf nur nichts passieren.

Den Polizeiführern ist nicht wohl bei dieser Sache. Allen voran Präsident Hübner. "In seiner Haut möchte ich nicht stecken", denkt Manfred Kittlaus. Erst kürzlich hat die Staatsanwaltschaft gegen ihn und Innensenator Frank Dahrendorf ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt eingeleitet. Beide waren einem Durchsuchungsbeschluss für ein besetztes Haus nicht nachgekommen - ihrer Meinung nach drohten gewaltsame Auseinandersetzungen. Dazu plagen Hübner private Probleme. Nur Tage zuvor hatten 850 Polizeibeamte fünf besetzte Häuser durchsucht und 155 Besetzer vorübergehend festgenommen. Darunter auch Hübners 22-jährigen Sohn Kai. Dieser war kurz nach dem Abitur bei ihm ausgezogen, abgestoßen vom spießigen Alltag seiner Eltern. Seitdem sahen sich Vater und Sohn selten, das letzte Mal einen Tag vor der Festnahme, am Geburtstag des Sohnes. Natürlich stritten beide über den Umgang mit Hausbesetzern. Über die am nächsten Tag geplante Polizeiaktion, die auch das Haus des Sohnes betraf, schwieg Klaus Hübner. Für ihn eine Selbstverständlichkeit, nicht jedoch für seine Frau. Das bedrückt ihn am meisten. "Was machen wir nun? Lockern wir die Bereitschaft", fragt der Polizeipräsident in die Runde. Da die anderen zögern, schlägt er vor: "Wir treffen uns morgen wieder und sehen dann weiter."

Am Sonnabend, dem 11. April, sitzen die vier erneut zusammen, Kittlaus hat die neuesten Informationen aus Hamburg mit. Vor dem Haus des Arztes, der zeitweise die Zwangsernährung von Sigurd Debus überwacht hatte, war zufällig eine Bombe entdeckt worden. Außerdem haben die Anwälte des Häftlings eine Erklärung verbreitet. Darin ist von "akuter Lebensgefahr" ihres Mandanten die Rede. Schuld seien die Politiker, beklagen sie und beenden ihre Erklärung mit dem Satz: "Sie tragen die Verantwortung für den Tod von Sigurd Debus." Das ist komisch formuliert, so endgültig, überlegt Kittlaus. Laut sagt er: "Die Hamburger haben mir erneut versichert: alles unter Kontrolle."

Nach einer friedlich verlaufenen Demonstration gibt der Polizeipräsident Entwarnung

Jetzt gibt es für die Berliner Polizei nur noch einen Unsicherheitsfaktor: Für 13 Uhr ist an diesem Sonnabend eine Großdemonstration angemeldet. Die Polizei rechnet mit 10 000 bis 20 000 Teilnehmern, die für eine politische Lösung bei den Hausbesetzungen demonstrieren wollen. Es ist die letzte Großveranstaltung dieser Art bis Ostern. Als die Demonstration, die vom Wittenbergplatz aus über den Kurfürstendamm führt, friedlich bleibt, löst Polizeipräsident Klaus Hübner die Reserve auf. Dann kümmert er sich um seinen Umzug. Manfred Kittlaus instruiert noch einmal seine V-Leute. Die Hausbesetzer haben ein spezielles Warnsystem: eine Telefonkette, die nach dem Schneeballprinzip arbeitet. Jeder, der angerufen wird, informiert nach einer Liste die nächsten. Bei drohenden Polizeieinsätzen hat sich das wunderbar bewährt. Bekam irgendwer Wind von einer Razzia, konnte über die Telefonkette innerhalb weniger Minuten die alternative Szene aktiviert werden. Traf die Polizei dann vor dem Haus ein, blockierten bereits Hunderte den Zugang. Allerdings war es dem Staatsschutz gelungen, V-Leute in die Kette einzuschleusen.

Die letzte Amtshandlung von Hans-Jochen Vogel an diesem Tag ist die Enthüllung einer Gedenktafel für den einstigen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Eduard Bernstein. Nach der friedlich verlaufenen Demonstration reist er Richtung Westdeutschland ab. Dorothea Bartosch, Geschäftsführerin bei Juwelier Gruschow, bekommt von dem Marsch nicht viel mit. Sie versteht aber die Demonstranten. Hunderte leer stehende Häuser rotten vor sich hin, und neue Wohnungen sind für viele unerschwinglich. Auch findet sie, dass die Polizei zu hart gegen Protestierende vorgeht, fast brutal, obwohl die doch nur ein demokratisches Recht wahrnehmen. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein in der Stadt. Viele stört auch die soziale Ausgrenzung und die Kriminalisierung der gesamten Hausbesetzer. Am Abend des nächsten Tages wird sie anders darüber denken.

Nach dem angeblichen Tod eines inhaftierten Terroristen machen Gewalttätige mobil

Hoch "Knut" und das sommerliche Sonntagswetter locken am 12. April auch in Kreuzberg viele Menschen auf die Straßen. Es finden kleine Feste statt, organisiert von alternativen Gruppen, Hausbesetzern und Anwohnern. Leute kommen und gehen. Die Hausdurchsuchungen der letzten Tage, aber auch der Gesundheitszustand der Hungerstreikenden sorgen für Gesprächsstoff. Passend dazu meldet der "Tagesspiegel" in seiner aktuellen Ausgabe: "Kaum mehr Überlebenschance für Sigurd Debus". Das hätten die Ärzte den Eltern mitgeteilt. Auf einem der Kreuzberger Feste verbreitet sich am frühen Abend dann die Nachricht, dass Debus gestorben ist. Die Reaktion ist heftig. "Haben die Schweine ihn doch fertiggemacht!"

Wenig später klingelt bei einem V-Mann des Staatsschutzes das Telefon. Er ist Teil der Telefonkette. Der Tod von Debus wird mitgeteilt, wenige Minuten später kennt auch Manfred Kittlaus die Nachricht. Wütend ruft der Staatsschutzleiter bei seinen Kollegen in Hamburg an und brüllt in den Hörer: "Ihr habt behauptet, Debus kann nicht sterben, und hier wird erzählt, er sei tot!" Die Hamburger fallen aus allen Wolken. Ein kurzer Anruf im Krankenhaus, dann die Entwarnung: "Debus befindet sich in einem sehr kritischen Zustand, aber er lebt. Wir wissen nicht, wie du darauf kommst, dass er tot sein soll." Kittlaus ruft sofort seinen V-Mann zurück. "Setzt die Telefonkette in Gang, und gib durch, dass Debus lebt. Sofort!" Er gehorcht, doch Kittlaus behält ein mulmiges Gefühl. Wird man das Dementi glauben? Die Szene glaubt es nicht. Will es auch nicht glauben. Außerdem ist inzwischen das Szenario angelaufen, dass für den Fall des Todes vereinbart worden war. Längst sind Flugblätter hergestellt und werden verteilt. Darauf wird zum Protest aufgerufen. Treffpunkt: 21 Uhr an der Gedächtniskirche.

Gegen 19 Uhr verlangen Anrufer bei der Berliner Tageszeitung "Die Neue", die Todesnachricht in die Montagsausgabe zu nehmen. Ein Redakteur stutzt. Er wisse nichts davon. Die Erklärung der anonymen Anrufer ist simpel: Es sei eine Nachrichtensperre über den Tod verhängt worden. Der Redakteur erkundigt sich jedoch sicherheitshalber bei der Deutschen Presseagentur in Hamburg, die zu den Anwälten von Debus Kontakt haben. Die Anwälte dementieren den Tod ihres Mandanten.

Gegen 20 Uhr entdecken Polizisten die ersten Flugblätter und verständigen den Lagedienst der Landespolizeidirektion. Dieser informiert in aller Eile alle örtlichen Direktionen. Mehr als 200 Polizisten kommen jedoch nicht zusammen. Zudem hat der Einsatzleiter der Polizeidirektion City, zu der allein normalerweise 2000 Beamte gehören, ein weiteres Problem: Die herbeigeeilten Polizisten sind nicht aufeinander eingespielt. Nur langsam gelingt es ihm, die Gruppen grob zu gliedern. Wichtige Zeit geht verloren.

Randalierer stürmen über den Kurfürstendamm und hinterlassen ein Scherbenmeer

Kurz nach 21 Uhr haben sich etwa 500 Demonstranten an der Gedächtniskirche versammelt: Hausbesetzer, autonome Gruppen, Sympathisanten. Die Stimmung ist aggressiv. Die ersten Polizeibeamten, die vor Ort sind, reden auf die Massen ein. Die Meldung, Sigurd Debus ist tot, sei nur ein Gerücht. Debus lebt. Niemand glaubt ihnen. Die Polizisten sind unschlüssig, von Taktik keine Spur. Das spüren die Demonstranten. Bevor die Polizisten es verhindern können, zieht ein Teil in kleinen Gruppen den Kurfürstendamm hinunter. Offenkundig sind sie auf Randale aus. Steine werden aus dem Straßenpflaster gerissen, Eisenstangen ausgepackt und Blumenkübel gegriffen. Auf einer nahen Baustelle stehen Schubkarren herum, jubelnd werden die unverhofften Transporthilfen mit Pflastersteinen vollgepackt.

Dann klirren die ersten Scheiben. Zunächst hören Spaziergänger auf dem Kurfürstendamm nur ein dumpfes Geräusch. Es klingt ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch, dass Passanten aus Richtung Gedächtniskirche plötzlich hektisch in Lokale oder Seitenstraßen laufen. Als das Geräusch schnell näher kommt, wächst das Entsetzen. Teilweise vermummte Gestalten schlagen wie besinnungslos auf Fensterscheiben und die Vitrinen auf dem Gehweg ein. Auslagen werden geplündert. Im Juweliergeschäft Mikno-Schmuck sieht eine 68-jährige Reinigungskraft, wie Randalierer Stühle eines Straßencafés greifen und gegen das Fenster feuern. Als die ältere Frau panisch aus dem Laden rennt, wird sie unsanft zur Seite gestoßen. Von der Polizei ist nichts zu sehen. Zwar heulen Sirenen über den Kurfürstendamm, doch die stammen von den Alarmanlagen der Geschäfte. Ein Restaurantbesitzer ruft in seinem Polizeirevier an und erzählt, dass auf dem Kurfürstendamm gewalttätig demonstriert werde. Man wisse von nichts, hier sei keine Demonstration angemeldet, erhält er als Antwort. Offensichtlich werden trotzdem Polizisten losgeschickt; sie parken vor zerstörten Geschäften, steigen jedoch nicht aus ihren Autos aus.

Kurz nach 22 Uhr füllt sich der Prachtboulevard weiter. Die ersten Abendvorstellungen der Kinos und Theater sind zu Ende. Im Theater am Kurfürstendamm sorgte das Stück "Reizende Leute" für Begeisterung, im Kino Gloriette lachten die Besucher über die Komödie "Inspektor Loulou - Die Knallschote vom Dienst". Die Darsteller, die sich den Besuchern dann draußen Steine werfend und Eisenstangen schwingend präsentieren, sind jedoch alles andere als reizende Leute. Und lustig sind sie auch nicht. Erschrocken und wie betäubt, bleiben viele an den Ausgängen stehen. Der Strom staut sich, einer ruft von hinten: "Warum geht es nicht weiter?" Nachdem die Randalierer vorbeigezogen sind, "Solidarität mit den Hungerstreikenden" skandierend und einen Scherbenteppich hinterlassend, löst sich die Starre. Viele sind empört, manche folgen, aus Sensationslust, mit sicherem Abstand der schlagenden Meute. Vor denen ist nichts sicher: weder das Kaufhaus Wertheim und das "Hotel Kempinski" noch eine Drospa-Filiale, ein Fotoladen, eine Peepshow, ein Folk-Pub, die Bank für Handel und Industrie. Auch die Kinderboutique eines Iraners und das Teppichgeschäft eines Türken bleiben nicht verschont. Überall bersten die Scheiben. Bei einem Autohaus und dem Geschäft der KPM werden außerdem wertvolle Ausstellungstücke beschädigt oder zerstört.

Doch nicht alle Beobachter der Krawalle erstarren vor Angst. Besucher eines Cafés schnappen sich zwei der Randalierer und verdreschen sie. Auch die "Rausschmeißer" von Restaurants und Diskotheken greifen sich Steinewerfer, schlagen und treten auf sie ein. Gefährlich wird es, als sich aus einer Gruppe Schaulustiger Polizisten in Zivil lösen. Einer zieht seine Waffe, stürmt mit erhobener Pistole auf die Randalierer zu, schreit: Halt! Polizei! Das ist kein Spaß, ich schieße!" Mit hektischen Bewegungen, ihm ist erkennbar unwohl, greift er sich einen von ihnen in schwarzer Lederjacke und führt ihn zu einem Polizeiauto. Andere Passanten versuchen zu schlichten und rufen den Prügelnden zu: "Mensch, hört doch auf, das hat alles keinen Sinn." Ein Berlin-Besucher aus der Pfalz staunt: "Das sind ja bürgerkriegsähnliche Zustände."

Die Polizei lehnt es ab, zerstörte Geschäfte über Nacht zu sichern

Nach knapp zwei Stunden ist der Spuk vorbei. So plötzlich, wie sie gekommen sind, verschwinden die Randalierer wieder, nur vereinzelt ist noch das Klirren von Scheiben zu hören. Zurück bleiben auf mehr als einem Kilometer Länge ein sprichwörtlicher Scherbenhaufen und geschockte Menschen. Vor allem aber verzweifelte Ladenbesitzer. Der Innenarchitekt Manfred Tietze, er verkauft Stilmöbel am Kurfürstendamm, findet in der Auslage seines Geschäftes sieben faustgroße Steine. Während er noch fassungslos das Werk der Zerstörung betrachtet, laufen Polizisten vorbei. "Wer schützt mich denn jetzt vor Plünderungen", fragt er. Verblüfft hört er: "Sichern Sie Ihr Geschäft selbst." Ähnlich ergeht es einem Blumenhändler. Aufgebracht alarmiert er in seinem Büro die Polizei. Als er in den Laden tritt, sieht er einen Mann wegrennen - mehrere Topfpflanzen im Arm. Ihm ist unklar, ob es sich um einen der Steinewerfer oder einen Dieb handelt, der die Gelegenheit nutzt. Erst eine halbe Stunde später sind Polizisten zur Stelle. Sie wollen wissen, wie viele Scheiben eingeworfen sind, und notieren alles. Ansonsten haben sie es eilig. "Kann sich nicht ein Beamter von Ihnen vor das Geschäft stellen", fragt der Besitzer. "Geht nicht, wir haben nicht genügend Leute", entgegnen diese. Der Blumenverkäufer ist sprachlos.

Auch Dorothea Bartosch eilt noch am Abend in ihren Juwelierladen. Kurz vor 23 Uhr hat sie einen Anruf des Wachschutzes erhalten, der für mehrere Kudamm-Geschäfte Runden läuft. Chaoten hätten die Scheiben der Schmuckvitrinen auf dem Bürgersteig eingeworfen. Aber das ist doch Sicherheitsglas, fährt es Dorothea Bartosch durch den Kopf; dann läuft sie von ihrer Wohnung aus los, die nicht weit entfernt liegt. Als die Geschäftsführerin die Bescherung sieht, bekommt sie eine Ahnung davon, mit welcher Wucht auf die Vitrinen eingeschlagen wurde. Sie sieht auch sofort, dass Schmuckstücke fehlen: Ringe und Ketten, Goldschmuck mit Farbedelsteinen. Zum Glück sind die Scheiben des Geschäfts unversehrt. Dorothea Bartosch nimmt den restlichen Schmuck aus den zerstörten Vitrinen und schließt ihn im Laden ein. Dann fegt sie notdürftig die Scherben zusammen und geht wieder nach Hause. Eine Erklärung für diesen Gewaltausbruch hat sie nicht.

Nach Mitternacht rollt endlich weitere Polizeiverstärkung an. Als die Beamten, mit Schlagstöcken bewaffnet, aus ihren Fahrzeugen springen, finden sie lediglich harmlose Passanten vor.

Noch am nächsten Morgen sind die Spuren der Nacht auf dem Kurfürstendamm zu sehen. Fahrzeuge von Glaserfirmen blockieren die rechte Fahrspur. Mehr als 200 Scheiben sind zerbrochen. Auf drei bis fünf Millionen Mark schätzen die Geschäftsinhaber den Schaden. Sie sind noch immer stinksauer. "Unsere Polizei war wieder mal sehr erfolgreich. Sie soll in der Nacht einige Parksünder erwischt haben", ätzen einige. Andere finden, man sollte eine Selbsthilfe organisieren, "am besten eine Bürgerwehr". Innenarchitekt Tietze weiß auch schon, wer dafür infrage käme. "Ich würde Mitglieder von Motorrad-Clubs zu Hilfe rufen. Vor denen haben die Chaoten Angst", sagt er. Die anderen sind skeptisch. Wie soll man sie denn bezahlen? Tietze schlägt vor, die Versicherung für die Motorräder zu übernehmen.

Von den Debatten ahnt Hans-Jochen Vogel noch nichts. Der Regierende Bürgermeister hat seinen vorösterlichen Urlaub abgebrochen und ist nach Berlin zurückgeeilt. Er will, so schnell es geht, mit den Geschäftsleuten reden. Zuvor sind aber Innensenator Frank Dahrendorf und Polizeipräsident Klaus Hübner dran. Sie sollen der Öffentlichkeit erklären, warum es zu den Ausschreitungen kommen konnte und wo die Polizei gewesen ist. Die Beantwortung der Fragen fällt beiden schwer. Sie versuchen auch gar nicht erst, die 21 Festnahmen des Abends als Erfolg zu verkaufen. Blass, mit zusammengepressten Lippen, stellen sie sich den Journalisten. "Aufgrund meiner Informationen konnte ich nicht annehmen, dass sich der Zustand der Häftlinge verschlechtert und einer von ihnen gar sterben könne", verteidigt sich Dahrendorf. Hübner redet sich damit heraus, dass die Polizei erst sehr kurzfristig von der Zusammenrottung erfahren habe und so schnell nicht genügend Beamte aktivieren könne. Schuld sind natürlich andere. "Die vielen Touristen auf dem Kurfürstendamm haben das Eingreifen der Polizei erschwert", klagt der Polizeipräsident. Der Innensenator vermutet, die Großdemonstration am Sonnabend sei einigen der Militanten zu friedlich verlaufen. "Die haben dann nur einen Anlass gesucht, um losschlagen zu können." Dafür habe eine offensichtlich absichtlich verbreitete Falschmeldung genügt. Dahrendorf konsterniert: "Bislang sind auf bloße Gerüchte hin keine Krawalle entstanden."

Ein Geschäftsinhaber fühlt sich an die "Reichskristallnacht" 1938 erinnert

Die Schlagzeilen am folgenden Tag fallen durchweg kritisch aus. "Die Nacht der Steine - Berlin kocht vor Wut", titelt die "BZ". Die Berliner Morgenpost schreibt: "Berlin empört - Kudamm in Scherben". Mehrere Artikel weisen darauf hin, es seien so viele Scheiben zu Bruch gegangen "wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr"; ein Geschäftsinhaber lässt sich mit dem Satz zitieren, er fühle sich an die "Reichskristallnacht" 1938 erinnert. Deutlich wird auf das Versagen der Polizei hingewiesen. "Der Rechtsstaat trug Tarnkappe", kommentiert die Morgenpost. Andere widmen sich dem Auslöser - der Falschmeldung. "Ein Gerücht und die Folgen", heißt es in der "taz". Die "Frankfurter Rundschau" diagnostiziert, die Berliner Polizeiführung hatte nicht bedacht, dass "statt eines konkreten Vorganges bereits ein Gerücht genügen würde, um schwere Krawalle auszulösen".

Mit dieser Erkenntnis schlägt sich seit Sonntag auch Staatsschutzleiter Manfred Kittlaus herum. Ihn wurmt, dass er nicht weiß, wem er die Falschmeldung zu verdanken hat. Er sichtet noch einmal sein Material und versucht, das Geschehen der letzten Tage zu rekapitulieren. Mehr ist nicht möglich: Als heimlicher Zuhörer kann er ja schlecht in der Telefonkette der Hausbesetzer den Schuldigen auffordern, sich zu melden. Schnell werden die Zutaten für das Gerücht deutlich: eine aufgeheizte Situation, eine unklare Nachrichtenlage, vage offizielle Äußerungen. Und eine entsprechende Erwartungshaltung in der Szene. Ein idealer Nährboden für Mutmaßungen.

Es waren die Anwälte und Angehörigen der hungerstreikenden Terroristen, die mit zunehmend dramatischen Appellen Druck auf die Politiker ausgeübt hatten. Diese wiederum hatten sehr zugeknüpft auf Anfragen kritischer Journalisten reagiert, vor allem wenn es um den Gesundheitszustand der Häftlinge ging. Das löste Spekulationen in den Medien aus. Am 3. April hatte "Die Neue" unter der Schlagzeile "In acht Tagen droht der Tod" geschrieben: "Es sei so gut wie sicher, dass einige Gefangene in acht bis zwölf Tagen sterben würden, wenn der Hungerstreik nicht abgebrochen wird." Acht bis zwölf Tage? Kittlaus rechnet nach: Das wäre zwischen dem 11. und 15. April. Gut. Aber wer glaubt schon Formulierungen wie "droht" oder "so gut wie sicher"?

Unklare Nachrichtenlage und Spekulationen fütterten das Gerücht

Unvorsichtigerweise hatte Bundesjustizminister Jürgen Schmude nach einem Treffen mit seinen Landeskollegen am 9. April die Spekulationen angeheizt, als er erklärte, wegen des schlechten Gesundheitszustandes hätte schon in der vergangenen Woche ein Todesfall eintreten können. Wen meinte er? Sigurd Debus, dessen Gesundheitszustand sich Anfang April so rapide verschlechtert hatte? Für die "taz" schien am 10. April nach Schmudes Einlassung klar. Es werde vorbereitet, "was in den Hinterzimmern der Macht schon beschlossen ist: der Tod von Gefangenen". Dazu nährte die linke Tageszeitung die Verschwörungstheorien mit der Frage: "Ist über die Situation im Hungerstreik von 27 politischen Gefangenen informell eine Nachrichtensperre verhängt worden?" Zwei Tage später war aus dieser Frage in der Szene eine Tatsache geworden. Wie der Tod von Debus.

Auf die weitere Suche nach Gerüchteverbreitern verzichtet Manfred Kittlaus schließlich. Es fehlen die Aussicht auf Erfolg und vor allem die Zeit. Öffentlich hat sich Hans-Jochen Vogel schützend vor die Beamten gestellt. Ihr Verhalten sei objektiv falsch gewesen, subjektiv könne man der Polizei aber keinen Vorwurf machen. Intern jedoch erhebt der Regierende Bürgermeister gegenüber der Führung massive Vorwürfe und beharrt zum Entsetzen der Beamten darauf, oppositionelle Polizeiführer hätten ihn absichtlich ins Messer laufen lassen. Die Beamten halten das für starken Tobak, doch ehe der Streit entschärft werden kann, passiert das, was vor Ostern eigentlich nicht passieren sollte. Am 16. April wird Sigurd Debus in Hamburg für klinisch tot erklärt. Auf die nun zutreffende Nachricht folgen republikweit die befürchteten Reaktionen. In Berlin wird auf das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Dahlem ein Sprengstoffanschlag verübt. Er schlägt jedoch ebenso fehl wie verschiedene Brandanschläge etwa auf das Landgericht in Charlottenburg. Auch Scheiben gehen wieder zu Bruch. Insgesamt bleibt es bei Sachschäden. Ein Schweigemarsch für den Toten, von der Polizei massiv begleitet, verläuft ohne Zwischenfälle. Der Protest ebbt schnell ab, als die 26 anderen Häftlinge nach der Todesnachricht ihren Hungerstreik beenden.

Der Fall Debus verschärft den Wahlkampf und hat politische Folgen

Doch damit ist der Fall Debus noch nicht zu Ende: Die CDU hat das passende Thema für die letzte Phase des Wahlkampfes. Eingeläutet wird er mit der Aussage des ehrgeizigen CDU-Fraktionschefs Eberhard Diepgen: "Die Politik Vogels macht unsere Stadt kaputt." Hans-Jochen Vogel verliert bei der Wahl am 10. Mai 1981 gegen seinen Kontrahenten Richard von Weizsäcker. Eine jahrzehntelange Ära der SPD in Berlin bricht ab und die der CDU beginnt. Das ist der politische Teil. Es gibt auch einen gewalttätigen: Am 31. August 1981 verüben Terroristen einen Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US Air Force in Ramstein. 20 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Das RAF-Kommando trägt den Namen Sigurd Debus.

In loser Folge werden wichtige Ereignisse, Geschichten oder Tage erzählerisch aufgearbeitet - vor allem aus Sicht der Menschen, die daran beteiligt waren.