Die Diskussion um die Finanzierung der drei staatlichen Opern schwelt seit Jahren in der Stadt. Ist es zeitgemäß, mit der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper an der Bismarckstraße und der Komischen Oper an der Behrenstraße gleich drei Musiktheater staatlich zu alimentieren? Oder soll die Staatsoper vom Bund bezahlt, die Komische Oper privatisiert oder die Deutsche Oper geschlossen werden? Kultursenator Klaus Wowereit hat bereits eingeräumt, dass die 100 Millionen Euro Subventionen nur für zwei Häuser reicht.
Bei dem Streit um die Zukunft der Opern geraten die rund 1500 Mitarbeiter aus dem Blick der Öffentlichkeit. Jedes Haus für sich ist ein mittelständisches Unternehmen mit jeweils 400 bis 700 Mitarbeitern. Neben den Finanzen und künstlerischen Fragen geht es vor allem um die Zukunft der Menschen, die seit Jahren in den Opernhäusern arbeiten. Diese Zeitung stellt Ihnen stellvertretend aus jedem Haus einen Mitarbeiter vor.
"Von der Staatsoper geht man nicht weg"
Udo Metzner ist angekommen. Hier in Berlin, in der Staatsoper. Seit 1993 ist er Chef-Inspizient im Haus, Daniel Barenboim hatte ihn aus Köln in die Hauptstadt gelockt. "Das ist die Staatsoper", sagt Metzner. "Von da geht man nicht weg."
Inspizienten sind die Mädchen für alles auf der Bühne eines Theaters. Sie sind Wächter des Ablaufs, ohne den die Aufführungen im Chaos versinken würden. Die Bühnenbilder müssen rechtzeitig stehen, die Schauspieler, Chöre, Komparsen pünktlich auf- und abtreten, das Licht muss stimmen. "Wir sind verantwortlich für jedes Detail, vom Einlass bis zum Schlussvorhang." Das ist genau das Richtige für den Mann mit der fulminanten Erscheinung.
Dabei wollte er eigentlich Musiker werden. Metzner studierte Trompete in Aachen, dann kam "diese blöde Krankheit", wie er sagt, die das Trompetespielen unmöglich machte. Die Musikerkarriere war abrupt beendet.
Vom Musiktheater konnte er dennoch nicht lassen und freundete sich mit einem Operninspizienten an. "Inspizient ist leider noch kein Lehrberuf." Man lernt durch Zusehen und Mitmachen, wie leuchtet man eine Bühne aus, wie funktioniert die Elektronik, wie viel Minuten vorher ruft man die Sänger und Darsteller auf die Bühne? So tat er es. Schließlich bewarb er sich nach Bielefeld - und wurde genommen. Das war vor 31 Jahren. "Auf der Bühne macht mir das Arbeiten mehr Spaß als im Orchestergraben", bilanziert er seine Erfahrungen heute.
Der Kampf mit der Technik ist Alltag
Direkt neben der riesigen Bühne der Staatsoper sitzt er während der Aufführungen in seinem Kabäuschen und verfolgt auf zwei Monitoren den Verlauf der Vorstellung. "Udo Kabuff" steht draußen an der Tür. Das ist Metzners Schaltzentrale. Die Arbeit ist in den vergangenen Jahren nicht leichter geworden. Die letzte Grundsanierung fand in den 60er-Jahren statt, die Technik stammt ebenfalls aus DDR-Zeiten. "Wir basteln wie verrückt." Das unterirdische Kabelwirrwarr ist marode, so dass die Ansagen in manchen Garderoben gar nicht und in anderen ohrenbetäubend laut verstärkt werden. Jeden Tag könnte in der Staatsoper ein größeres Desaster geschehen. "An diesem Tag möchte ich keinen Dienst haben", sagt Metzner. Die Hydraulik unter der Bühne ist bereits außer Betrieb und kann nicht repariert werden.
Es fehlt Geld. Die politische Diskussion stört ihn. "Das ist politisches Geplänkel." Für ihn gibt es nur eine Lösung. "Der Bund muss die Staatsoper übernehmen. Überall in Europa gibt es Staatsopern, die vom Staat finanziert werden", sagt er.
Und mit dem traditionsreichen Haus Unter den Linden fände die Bundesrepublik ja ein Vorzeigehaus im historischen Stadtzentrum vor. Metzner ärgert sich allerdings darüber, dass die künstlerische Tradition des Hauses während der DDR-Zeit nicht ausreichend gewürdigt werde. "Auch in den 40 Jahren DDR hat das Haus verdammt gute Arbeit geleistet."
Sein persönlicher Favorit an der Staatsoper ist allerdings die Inszenierung von Mozarts Zauberflöte mit dem vor 260 Jahren entworfenen Bühnenbild Karl Friedrich Schinkels. "So muss die Zauberflöte sein: simpel, einfach, keine Kopfstände", schwärmt Metzner.
Für die Zukunft wünscht er sich, dass es gelingt, die Oper lebendig zu halten. "Die Oper ist kein Museum." Neben dem Stammpublikum aus der ehemaligen DDR, kommen jetzt auch immer mehr West-Berliner und Touristen in die Aufführungen. Außerdem bemüht sich die Oper, auch jüngere Menschen für das Musiktheater zu interessieren. "Das muss in der Schule beginnen", sagt Metzner. Die Staatsoper veranstaltet außerdem einmal im Jahr Oper zum Kinopreis, damit die Musik-Begeisterung nicht am schmalen Geldbeutel scheitert.
"Götz Friedrich ist immer noch hier"
So, wie die Deutsche Oper in der Bismarckstraße mit dem Namen ihres langjährigen Generalintendanten Götz Friedrich verbunden ist, so ist das berufliche Leben von Gerlinde Pelkowski mit dem von Friedrich verwoben. Nach dem Abitur in Essen studierte Gerlinde Pelkowski in Hamburg Musiktheater-Regie, einen Studiengang, den Götz Friedrich wenige Jahre zuvor eingerichtet hatte. Während des Studiums lernte sie den schillernden Impresario der Deutschen Oper dann persönlich während einer Hospitanz kennen. Als Friedrich 1981 dann nach Berlin kam, brachte er Pelkowski als neue Spielleiterin gleich mit. Seit dem ist die 48-Jährige in dieser Funktion in der Oper in Charlottenburg tätig.
"Die Deutsche Oper ist mein Zuhause"
"Die Deutsche Oper ist mein Zuhause", sagt Gerlinde Pelkowski. Als sie nach der Hospitanz während des Studiums wieder nach Hamburg musste, "saß ich heulend im Zug, weil ich dachte, ich komme nie wieder", erinnert sich Pelkowski. Doch es kam anders. Die Spielleiterin fühlt sich in Berlin wohl, auch wenn immer mal wieder der Gedanke nach einem Wechsel aufkam. Aber am Ende siegte bislang immer Berlin und der Gedanke an Götz Friedrich. "Er ist immer noch da", sagt Pelkowski. "Und vor allem Ansporn, das künstlerische Niveau zu halten."
Spielleiter sind für die Pflege des Repertoires zuständig. Sie müssen bei der Neuaufnahme eines Stückes die neuen Ensemblemitglieder und Gastsänger mit der Inszenierung vertraut machen, damit sie sich auf der Bühne richtig bewegen. Doch das allein füllt Pelkowskis Tag nicht aus. Sie inszeniert selbst halbszenische Werke, wie Gioacchino Rossinis "La Scala di Seta" - und springt sogar als Schauspielerin ein, sollte es nötig sein. Vor drei Jahren verlor die Sängerin der Hauptrolle in "La Gioconda" die Stimme kurz vor der Aufführung. In München probte gerade Violeta Urmana, die die Rolle kannte, allerdings bislang nur im Studio gesungen hatte. So sang sie mit der Partitur in der Hand von der Seite, Gerlinde Pelkowski doubelte sie auf der Bühne. Als Spielleiterin kannte sie jede Bewegung der Sängerin. "Das war toll." Die Regieassistenz und Spielleitung ist Pelkowskis Wunschberuf.
"In der Regiearbeit muss man sich mit so geistigen Hochkarätern wie Hans Neuenfels und Günter Krämer auseinandersetzen", sagt sie. In der Welt der Regisseure wird die Luft dünner. Da ist ihr die Realisierung der Inszenierungen lieber. Auch wenn die Arbeit in den vergangenen Jahren mehr geworden ist. Durch die Verkleinerung des künstlerischen Personals, müssen mehr Gastsänger engagiert werden. Das heißt, Pelkowski muss mehr Künstler in die Inszenierungen einweisen.
Bei der Diskussion um die Finanzierung der drei staatlichen Opern, winkt Pelkowski ab. "Man sollte über etwas anderes reden." Den künstlerischen Wert, zum Beispiel. "Bei der Diskussion um die Schließung vergeht mir die Lust an der Arbeit." Was in zehn Jahren ist? "Keine Ahnung." Im abgelaufenen Dezember verzeichnete die Oper immerhin die besten Einnahmen in der Geschichte des Hauses. Für Pelkowski wäre die Schließung ein wenig, wie ein
Kindsmord. "Die Oper war Götz
Friedrichs Kind." Und das soll auch so bleiben.
"Ich bin stolz, hier zu arbeiten"
Für Vera Rosenow war schon im Alter von 16 Jahren klar: "Ich muss hierher." Seit ihrem ersten Besuch in der Komischen Oper in der Behrenstraße ist sie von der Atmosphäre des Hauses begeistert. Ihre Mutter arbeitete schon hier, deshalb gab es gar keinen Zweifel daran, dass auch Vera Rosenow einmal an der Komischen Oper landet. Nach der Schule ergab sich nicht sofort die Möglichkeit, an ihren Traumarbeitsplatz zu wechseln, also machte sie zunächst eine Lehre als Verkäuferin für Kultur- und Sportartikel.
1989 war es dann soweit. Sie übernahm den Casino-Imbiss bei den Tänzern in einem entlegenen Winkel des Hauses. Doch kurz nach der Wende schienen sich die Wege von Vera Rosenow und der Oper schon schnell wieder zu trennen. Kantine und Casino wurden privatisiert, die Mitarbeiter entlassen. Doch Vera Rosenow ließ sich nicht unterkriegen. Sie wechselte in die Hausverwaltung, putzte die Räume, nähte abgerissene Knöpfe an und absolvierte Botengänge. Es folgten sechs Jahre an der Kasse, bevor auch diese Abteilung privatisiert wurde. Nach einem Intermezzo an der Volksbühne und einem einjährigen Zwischenstopp am Deutschen Theater kam Rosenow zurück in die Buchhaltung der Komischen Oper und setzte ihre Odyssee durch das Haus fort: In der Personalabteilung, im Fotoarchiv, am Einlass und jetzt im Orchestermanagement.
Vom Imbiss ins Orchestermanagement
"Bis heute inspiriert mich die Freundlichkeit unter den Mitarbeitern", sagt sie. "Egal, wer kommt, jeder wird nett begrüßt." Schade sei nur, dass die für einen Kulturbau untypische Plattenbaufassade das nicht widerspiegele. "Ich glaube, wenn man die Freude an der Arbeit weiterträgt, dann hält sich die einmalige Stimmung im Haus", sagt sie nach all den Jahren, in denen sie das Haus kennen gelernt hat, wie kaum jemand sonst der noch 450 Mitarbeiter. Als sie in der Behrenstraße angefangen hat, waren es noch 850. Der Arbeitstag von Vera Rosenow beginnt mit den ersten Proben des Orchesters um zehn Uhr. Sind alle da, ist jemand krank, muss ein Ersatzmusiker bestellt werden? Danach geht es ins Büro, die Post erledigen, Rechnungen und Urlaubsanträge bearbeiten. Dazwischen kommen immer wieder Kollegen mit kleineren und größeren Problemen. Ruhe kehrt in dem kleinen Büro irgendwo in den winkligen Gängen des Hauses nie ein. "Ich glaube, dass ich hier zwischen Büro und Kunst die richtige Arbeit gefunden habe", sagt Rosenow. Die Arbeit mit vielen verschiedenen Menschen liegt der lebensfrohen Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern. "Wer kann schon sagen: Ich gehe gern zur Arbeit?"
An die leidige Diskussion um die Schließung oder Privatisierung einer der drei Opernhäuser verschwendet Vera Rosenow keinen Gedanken. "Das liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft." Für eine Welt ohne Komische Oper, ist im Leben Vera Rosenows kein Platz. Zum Abschied sagt sie noch:
"Ich bin stolz darauf, in diesem schönen Opernhaus zu arbeiten."

