Streit um Ehrenbürger Biermann

Er hat gedichtet, sich gegen die Nomenklatur gestemmt, wurde aus der DDR ausgewiesen und machte sich für den Irak-Krieg stark.

Er hat gedichtet, sich gegen die Nomenklatur gestemmt, wurde aus der DDR ausgewiesen und machte sich für den Irak-Krieg stark. Jetzt soll der Liedermacher und Regimekritiker Wolf Biermann Ehrenbürger Berlins werden. Heute wird womöglich in den Fraktionssitzungen von SPD und Linkspartei.PDS eine Entscheidung fallen. Gestern vertagte der Kulturausschuss des Parlaments die Debatte.

Die rot-roten Regierungsparteien stehen dem Vorschlag des CDU-Kulturpolitikers Uwe Lehmann-Brauns, ein Vertrauter Biermanns, zurückhaltend gegenüber. "Es gibt in unserer Fraktion unterschiedliche Ansichten", sagte SPD-Fraktionssprecher Peter Stadtmüller. "Wir prüfen die Frage. Es kann innerhalb des Abgeordnetenhauses nur einen Konsens geben." Über die Art und Weise, wie Lehmann-Brauns die Ehrenbürgerwürde eingefädelt habe, sei man in der SPD aber nicht sehr begeistert. Die CDU holte zunächst mit den Grünen und der FDP die Opposition ins Boot. Stadtmüller: "Das war vom Stil her nicht so angelegt, den Konsens zu fördern." Bei der Linkspartei.PDS sieht man die Ehrung Biermanns sogar noch kritischer. Vor allem die Unterstützung des Irak-Krieges wirft man dem geborenen Hamburger vor. "Er hat sich für Bürgerrechte ausgesprochen. Aber als Friedenspartei haben wir wegen der Position Biermanns sehr viel Skepsis", sagte Kathi Seefeld, Sprecherin der Linkspartei.PDS-Fraktion.

Mit Berlin tief verwurzelt

Das wichtigste Argument von Lehmann-Brauns: "Als die Stadt gespalten war, hat Biermann die Berliner den aufrechten Gang gelehrt. Mit seinem Mut hat er der DDR die intellektuelle Glaubwürdigkeit genommen. Er ist dichterisch tief verwurzelt in dieser Stadt. Das wollen wir ehren."

Biermann ist kürzlich 70 Jahre alt geworden. Der Bundespräsident verlieh ihm als "Dank des Vaterlandes" das Bundesverdienstkreuz. Die Ehrenbürgerwürde könnte eine Wiedergutmachung und Versöhnung mit dem Dichter sein. Nach der Wiedervereinigung hatte er schon einmal vergeblich versucht, in seine alte, legendäre Wohnung an der Chausseestraße 131 zurückzukehren, die eines der berühmtesten im Westen erschienenen Schallplatten-Cover Biermanns während seiner Berufsverbotszeit in der DDR zierte. In der Wohnung sitzt seit Jahren ausgerechnet der frühere Pressesprecher der PDS (und heutige Feuilletonchef des einstigen SED-Zentralorgans "Neues Deutschland"), Hanno Harnisch. Biermann sagte dazu: "Ich bin zwar Hamburger, aber ich gehöre eigentlich nach meinem Leben her nach Berlin." Auch wenn er vor seiner alten Wohnung "alle zehn Meter einen ehemaligen Spitzel und alle elf Meter einen alten Freund" treffe.

Immerhin bot ihm Ende der 90er-Jahre das renommierte Wissenschaftskolleg zu Berlin einen Jahresaufenthalt in der Stadt an, die ihn geprägt hat. "Trotz meiner hanseatischen Kiemen hinter den Ohren wurde ich doch ein ,Baliiiner', meinte Biermann einmal. Es wird wohl aber so etwas wie eine Hassliebe sein. "Adieu Berlin" nannte er dann auch ein Lied auf seinem 1999 erschienenen "Berliner Bilderbogen". Biermann hat auch den Ost-Berliner Kiez besungen - und mit ihm den "preußischen Ikarus" dauerhaft in Erinnerung gehalten. Es ist jener gusseiserne Adler auf der Weidendammer Brücke neben dem Berliner Ensemble, wo Biermann in den 50er-Jahren Regieassistent war.