Pro: Signal gegen die Spaltung der Stadt

Es ist eine seiner schönsten und berühmtesten Balladen: Im "Preußischen Ikarus" singt Wolf Biermann vom Stacheldraht, der sich dem Adler auf der Weidendammer Brücke in Haut, Brust und Bein gefressen habe. Mit Stacheldraht und Mauerbau, quer durch die geteilte Stadt, hat sich der Dichter nie abgefunden. Er hat dagegen angesungen und angeschrieben, bis ihn die DDR 1976 ausbürgerte. Und auch danach ließ ihn das Thema nicht mehr los. Biermann war und ist die Fleisch gewordene Teilung Berlins und Deutschlands. Mit seinen Texten setzte er ein mutiges Signal, und das in einer Zeit, als Berlin eine Insel der Nischensucher war. Die DDR wurde in der Folge noch unglaubwürdiger, die Spaltung der Stadt noch unverständlicher. Es ist eines der größten Verdienste Biermanns, dies immer wieder thematisiert zu haben. Es geht nicht um Versöhnung oder Wiedergutmachung der Stasi-Spitzeleien, es geht um seine Verdienste für die Einheit. Somit erfüllt der ewige Provokateur, der sich nie einbinden ließ und wortgewaltig für die Gedankenfreiheit stritt, die Kriterien als Ehrenbürger. Und allein das ist entscheidend.

Kontra: Die Kriterien sind hoch

Keine Frage, Wolf Biermann ist ein beeindruckender Liedermacher, rebellischer Poet und war zu DDR-Zeiten Hoffnungsanker für viele SED-kritische Intellektuelle. Auch deshalb wurde er von der Stasi aufs Übelste bespitzelt, schließlich gar des Landes verwiesen. Biermann ist Opfer. Mit dem von der CDU initiierten Begehren, ihn zum 115. Ehrenbürger zu küren, soll ihm Wiedergutmachung widerfahren. Das ist gut gemeint, aber zu kurz gedacht. Die Kriterien, Ehrenbürger dieser Stadt zu werden, sind hoch. Das Wichtigste und Selbstverständlichste: Der Auszuzeichnende, wie zuletzt Heinz Berggruen, der Berlin eine einmalige Kunstsammlung bescherte, muss sich um die Stadt verdient gemacht haben. Fragt man im Fall Biermann nach dessen besonderem Engagement für die Stadt, ist nichts Außerordentliches zu vermelden. Allein als Wiedergutmachung taugt die Ehrenbürgerschaft nicht. Also den Streit schnell beenden. Zumal Biermanns gesamtdeutsches Verdienst längst gewürdigt wurde: zum 70. Geburtstag mit dem Bundesverdienstkreuz des wiedervereinigten Deutschlands.