Bereits eine Stunde vor Beginn des Ausnahmezustands liegt auf der Museumsinsel in der schwülen Luft, dass sich im Himmel über Berlin etwas Ungeheuerliches zusammenbraut. Milchig und ein wenig gelbstichig ist das Licht, als die Menschen zu Tausenden in Richtung des städtebaulichen Kleinods strömen, um sich Open Air Musik der Gruppe «Air» anzuhören, die an diesem Abend im Rahmen des Sommerfestivals konzertieren soll.

Trotz der Gewitterstimmung herrscht zunächst die übliche Volksfeststimmung vor. Ringelpiez mit Anfassen. Zumal auf der von Menschen schwarzen Wiese vor dem abgesperrten Konzertgelände. Mehr als 1500 Zaungäste dürften es sein, die sich, zumeist dicht an dicht und auf Decken gefläzt, die 36,50 Euro für das Ticket ersparen und lieber zwischen Sektflöten und Plastikbechern, Nudelsalat und Honigmelonen, eine Mischung aus Woodstock und Familien-Grillparty zelebrieren. Mit allem Komfort. Ein neblig wabernder Geruch aus vielerlei Gras und Nackensteaks hängt schwer in der gewitterschwangeren Luft.

Inmitten der dampfenden Leiber steht ein Rollstuhl. Er ist leer. Sollte da etwa wieder einmal Dieter Bohlen Wunder gewirkt haben? Fliegende Händler bieten Caipirinha für vier, Wasser für einen Euro feil. «Super Stimmung, faire Preise», sagt Björn, 36, aus Pankow, der nach der Trennung von seiner Frau hofft, mit seinem blauen T-Shirt, das den Aufdruck «Einfach besser poppen» trägt, «die eine oder andere Schönheit becircen zu können».

Dazu wird es nicht kommen. Dunkle Wolkentürme nähern sich der Museumsinsel. Als sich der Sturm zu regen, der Regen zu stürmen beginnt, stiebt Staub auf. Beißend, gelbstichig. Es rettet sich, wer kann. Notfalls auch ohne Habe. Die Musik erlischt, die Hoffnung auf einen lauschigen Abend ist dahin. wer