Die Konflikte im kriminellen Rockermilieu spitzen sich zu: Wie in Teilen der gestrigen Ausgabe berichtet, sind am Sonnabend im brandenburgischen Cottbus Angehörige der Bandidos und der Hells Angels aneinandergeraten. Bei der brutalen Auseinandersetzung fielen Schüsse, ein Höllenengel liegt mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus. Aus Angst vor Eskalationen in Berlin zog die Polizei noch am Abend Einsatzkräfte vor den Klubhäusern zusammen. Laut Informationen dieser Zeitung rechnet die Polizei täglich mit Schwerverletzten, auch Tote werden nicht mehr ausgeschlossen.

Die Schüsse fielen am helllichten Tag nahe der Oberkirche in Cottbus. Dabei feuerten angeblich Mitglieder des Bandidos MC mehrmals auf einen Kontrahenten des Hells Angels MC. Die Polizei reagierte blitzschnell, nur wenigen Stunden später saßen 13 mutmaßlich Tatbeteiligte bereits in Haft. Indes kämpfen die Ärzte im Krankenhaus um das Leben des verletzten Rockers, bei ihm wurden zwei Durchschüsse im Bauchbereich diagnostiziert. Sein Zustand ist mittlerweile stabil.

Gruppierungen bundesweit vernetzt

Da bekannt ist, dass Rockergruppierungen bundesweit Beziehungen pflegen, schrillen auch bei den Berliner Beamten die Alarmglocken: Vorfälle dieser Art können auch in anderen Regionen zu spontanen Gewaltausbrüchen führen. "Dieser Angriff ist die Unterstreichung der ohnehin längst ausgesprochenen Kriegserklärung. Die Angels sind jetzt in Zugzwang und werden beweisen müssen, dass sie in der Region Berlin noch mitspielen", so ein szenekundiger Beamter. "Wenn sie diese Sache auf sich sitzen lassen, verlieren sie ihr Gesicht. Deshalb müssen wir mit Racheakten rechnen." Tatsächlich standen am späten Abend Angehörige der Cottbuser Hells Angels vor den Türen des Berliner Partnerklubs an der Greifswalder Straße. Ein Sprecher dieser Bruderschaft wollte sich zum jüngsten Vorfall in Cottbus allerdings nicht äußern.

Bereits im Juli 2006 hatten Kriminalisten des Schutzbereichs Cottbus/Spree-Neiße in einem internen Papier vor einer Eskalation der Gewalt im Rockermilieu gewarnt. Beamten der Sonderkommission "Gewalt" wurde damals bekannt, dass der Cottbuser Rockerklub Gremium MC wegen einer internen Abstufung - dies gilt als Bestrafung - zu den Bandidos MC wechselte. Dies schätzten die Sicherheitsexperten als brisant und beunruhigend ein.

Passanten können zu Opfern werden

"Die Gründung und Etablierung eines Chapters des mit beiden Klubs verfeindeten Bandidos MC dürfte aufgrund von vorliegenden Erkenntnissen und Erfahrungen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen", heißt es in einer internen Polizeieinschätzung. Auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) warnt ob der aktuellen Situation vor Gewaltausbrüchen. "Die latente Gefahr darf mit Blick auf aktuellen Vorfälle nicht unterschätzt werden", sagt Brandenburgs BDK-Chef Wolfgang Bauch. Immerhin scheine ein Bandenkrieg zu laufen, jederzeit könnten auch unbeteiligte Bürger hineingeraten und zu Opfern werden. Wolfgang Bauch fordert deshalb, dass ausreichend Interventionskräfte zur Verfügung stehen, um dies zu verhindern.

In Berliner Polizeikreisen wird ebenfalls vermutet, dass die künftigen Auseinandersetzungen spontan und auf offener Straße ausgetragen werden. "Es gibt ein Gesetz, wonach die Klubhäuser der Feinde nicht angegriffen werden", so ein Ermittler. Er geht davon aus, dass es bei zufälligen Begegnungen sofort zu Handgreiflichkeiten kommen wird, bei denen auch Waffen eine Rolle spielen werden.

Brisant ist in diesem Zusammenhang auch der Machtkampf um das Rotlichtviertel an der Oranienburger Straße in Mitte. Laut Informationen dieser Zeitung versuchen Konkurrenten der Zuhälter, deren Einfluss zu schwächen und das Gebiet selbst zu übernehmen, weil ein Motorradklub bereits Interesse signalisiert hat, den Straßenstrich "kaufen" zu wollen. "Damit soll verhindert werden, dass die Rocker dort Fuß fassen und die Fäden in die Hand bekommen", so ein Beamter.