Knapp 63 Jahre hat er das Geheimnis für sich behalten und auf diesen Tag gewartet. Jetzt ist es soweit, und der 84-jährige Theodor Bartels kommt endlich an den großen Silberschatz des ehemaligen Berliner Bierpalastes "Franziskaner" heran, der am 3. Februar 1945 nach Bombentreffern vollkommen verschüttet wurde. Gemeinsam mit seinem Vater Ernst, Eigentümer des Lokals am Bahnhof Friedrichstraße, Kellnern und Köchen hatte der damals 23-Jährige in den letzten Kriegstagen 25 000 Besteckteile, Tabletts, Kerzenleuchter, Suppenkellen, Essenhauben und Serviettenringe - alles aus Silber - sowie zum Teil wertvolle Gemälde und Teppiche in einen sehr tief gelegenen Kellerraum geschafft, der als "bombensicher" galt. "Außerdem konnte er nur durch eine Tür erreicht werden, die nicht für jedermann sichtbar war. Eine Art Geheimtür", sagt Theodor Bartels.

In all den Jahren danach hatte Theodor Bartels keine Chance, den Silberschatz zu bergen. Nach den Bombenangriffen versperrten Trümmerteile den Zugang, nach Kriegsende besetzten russische Soldaten den Bahnhof samt der S-Bahnbögen, und danach wurde das gesamte Hofareal über den Kellern mit einer dicken Betondecke überzogen. "Ich hatte keine Möglichkeit, um an das Silber heranzukommen", erzählt der Rentner, der heute mit seiner Frau Eva in Steglitz wohnt.

Tipps von Nachfolgern

Aber seit dieser Woche sieht Theodor Bartels die Chance, den Schatz zu bergen. Ein Hamburger Investor will auf dem Grundstück zwischen Friedrich- und Planckstraße unter anderem ein Fünf-Sterne-Hotel errichten. Im Zuge des in Kürze anstehenden Baubeginns werden derzeit die dicke Betondecke über den verschütteten Kellerräumen hinter den Ladenruinen neben dem Kabarett-Theater Distel aufgestemmt und das Erdreich gelockert.

Seit 1991 hält Theodor Bartels Kontakt zu den heutigen Betreibern des Kunst- und Antiquitätenmarktes in den S-Bahnbögen, Herbert Ernst und Jürgen Badusch. Denn die beiden eröffneten nach umfangreicher Sanierung in den Räumen des ehemaligen "Franziskaners" das Lokal "Nolle" und verwendeten dabei noch Originalteile des "Franziskaners". "Wir restaurierten die Milchglasdecke und ließen den Palmensaal wieder aufleben", berichtet Herbert Ernst; damals habe Theodor Bartels manch hilfreichen Tipp gegeben. "Auch historische Fotos überließ er uns, damit die Erinnerung an den Franziskaner erhalten bleibt", sagt Badusch. Als jetzt auf dem Hofgelände die Arbeiten für den Neubau begonnen hatten, informierten die Unternehmer den ehemaligen Eigentümer.

Theodor Bartels ist davon überzeugt, dass der Silberschatz der Gaststätte immer noch in den verschütteten Kellerräumen liegt. "Vielleicht habe ich Glück und er ist noch da", hofft er, "denn außer der Erinnerung und einigen Alben und Fotos ist nichts aus der Zeit geblieben."

An die letzten Tage des Bierpalastes hat der Rentner aber weitgehend bittere Erinnerungen. Nach Kriegsende hatten die Russen die Reste des Lokals besetzt. Vater Ernst wurde verhaftet und nach Sachsenhausen gebracht. Der sowjetische Geheimdienst NKWD errichtete ab Mai 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zehn Speziallager, in denen deutsche Zivilisten gefangen gehalten wurden.

Das Speziallager Nr. 7 befand sich zunächst in Weesow bei Werneuchen, zog jedoch im August 1945 auf das Gelände des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Sachsenhausen um. Bis zu seiner Auflösung im März 1950 wurden in dem Speziallager mehr als 60 000 Personen inhaftiert, mindestens 12 000 starben an den katastrophalen Haftbedingungen. Auch Bartels senior. "1947 wurde uns sein Tod mitgeteilt", sagt Theodor Bartels.

Er selbst versuchte nach dem Krieg zunächst sein Glück als Fuhrunternehmer. Als das nicht klappte, arbeitete er dreißig Jahre in einem Betrieb, der Röhren für den medizinischen Bereich produziert - bis zur Rente.

Gern denkt Theodor Bartels an die Blütezeit des "Franziskaner" zurück. 1927 hatte sein Vater den 1882 eröffneten Bierpalast übernommen, der damals "Franciskaner" geschrieben wurde. Mit der Übernahme wurde "c" durch ein "z" ersetzt. Bis dahin hatte der Familie das Parkhotel in Dresden gehört. "Das waren wahnsinnige Jahre. Bis zu 3000 Essen wurden täglich bei uns verzehrt", erinnert sich Theodor Bartels und lobt die Geschäftstüchtigkeit seines Vaters. Der hatte nämlich mit der damaligen Reichsbahn ausgehandelt, dass der Zugang zum Bahnhof über einen Seitenflügel durchs Lokal verlief. "Dort wurden Tische aufgestellt, und es gab für 15 Pfennige zwei belegte Brötchen."

Bis zur Olympiade 1936 wurde der "Franziskaner" immer weiter ausgebaut. Zum heutigen Admiralspalast hin stand das Restaurant "Tucher", das Anfang der 30er-Jahre schließen musste. "Da war mein Vater zur Stelle", so Theodor Bartels. Das Lokal wurde übernommen und der "Franziskaner" wuchs weiter. Hauptgrund war die Reichsbahn. Die musste nämlich 1934 bis 1936, also bis zur Olympiade, die Bahnbögen verstärken, weil die neu entwickelten Lokomotiven "01" zu schwer für das Bauwerk waren. "Im Verlauf der Arbeiten vergrößerte sich der Franzikaner zur Planckstraße hin mit dem Volksfestsaal "Münchener Art', und für feierliche Anlässe wurde der Barocksaal mit vielen Kronleuchtern gebaut." Zur Olympiade war alles fertig.

Während der Austragung bewirtete der "Franziskaner" Athleten aus aller Welt mit besten Speisen. "Zu der Zeit hatten wir knapp 400 Angestellte, und jede Schicht verfügte über 38 Köche", erzählt Bartels. "Von morgens 7 Uhr bis nachts um 2 Uhr war es immer rappelvoll."

Es gab damals ein Kuriosum: Weil Speisen und Getränke wegen der günstigen Preise fast ausschließlich mit Münzen gezahlt wurde, wurden diese nicht in Kassen, sondern in Körbe gelegt. "War ein Korb voll, wurde er nach Hause gebracht, wo Familienmitglieder die Münzen in Papier rollten."

In seiner Blütezeit galt der "Franziskaner" auch als Treffpunkt der Prominenz. "Charlie Chaplin wurde gesichtet, und am Schauspieler-Stammtisch trafen sich regelmäßig Heinrich George, Hans Söhnker, Hans Albers oder Willy Fritsch. Auch Marika Rökk und Lilian Harvey gehörten zu den Gästen", berichtete Theodor Bartels.

Der 84-Jährige hofft, bei seiner Schatzsuche auf Erinnerungsstücke aus dieser Zeit zu stoßen. "Das wären aber nur Nebenprodukte. Ich möchte den großen Silberschatz des Franziskaner wieder ans Tageslicht heben. Vielleicht könnte die Nolle den Silberschatz nutzen." In den nächsten Tagen wird sich herausstellen, ob die Kostbarkeiten noch im Tiefkeller liegen. "Erst dann komme ich zur Ruhe", sagt Theodor Bartels.