Öffentlicher Dienst

Prügel für Beamte im Ordnungsamt

Jeden Moment könnte hier Schluss sein und fast alle im Hause wissen das. Durch die Etagen der Kfz-Zulassungsstelle an der Jüterboger Straße in Kreuzberg eilen die Neuankömmlinge mit Dokumenten und Nummernschildern im Gepäck. Den Entgegenkommenden rufen sie atemlos zu: "Schon geschlossen?" und "Wie lange noch?".

Aus dem Erdgeschoss dringt plötzlich das metallische Klappern eines komplizierten Gittersystems, das zwei Beamte zuzerren. Wachschützer bauen sich vor den Etagentüren auf. Von den Fahrzeug-Zulassungsstellen in Hohenschönhausen und Kreuzberg bis zum Bürgeramt Neukölln, wo aufgebrachte Antragsteller am Dienstag Mitarbeiter zusammengeschlagen haben, liegen die Nerven beim derzeitigen Tarifstreik im öffentlichen Dienst blank.

Im Rathaus Neukölln eskalierte die Situation, als ein Bürger, der nicht mehr an die Reihe kommen sollte, einen Mitarbeiter bespuckte und ohrfeigte. Der Zwischenfall vom Dienstagnachmittag wurde erst Donnerstag bekannt. Wer gestern ins dortige Bürgeramt kam, erlebte ein Chaos von Menschen, die in Warteräumen und Gängen hockten. Zornige Erwachsene, übermüdete Kinder, weinende Babys. Dazwischen durchmaßen zwei Polizisten im Stundentakt die Flure, ein Wachschützer versuchte, Aufgebrachte und Abgewiesene zu beruhigen.

Zehn von 35 Mitarbeitern im Dienst

Stefanie Vogelsang, stellvertretende Bezirksbürgermeisterin von Neukölln sowie Leiterin der Abteilung Gesundheit und Bürgerdienste, hat vier der fünf Bürgerämter des Bezirks wegen Unterbesetzung schließen müssen, und alle verbleibenden Mitarbeiter - jene zehn von 35, die nicht streiken, weil sie Beamte oder nicht gewerkschaftlich organisiert sind - im Rathaus zusammengezogen. Während dort üblicherweise pro Tag 250 Bürger erscheinen, waren es gestern bis 9 Uhr bereits 470 Menschen.

Geradezu fassungslos ist Stefanie Vogelsang darüber, dass nach einer Stunde schon alle Wartenummern vergeben sind, die im Streik-Notbetrieb zur Verfügung stehen. Mag das Dienstende auch erst gegen 18 Uhr sein, so werden zu diesem Zeitpunkt aber noch 129 Wartenummern offen sein. Bis nach 20 Uhr werden die Amtsleute im Rathaus noch arbeiten - ohne Publikumsverkehr.

Groß ist die Sorge der stellvertretenden Bezirksbürgermeisterin, ob ihre verbleibenden zehn Mitarbeiter Freitag überhaupt wieder "an Bord sein werden" - als so aufreibend schätzt sie die tägliche Arbeit im Ausnahmezustand ein. Mit Krankmeldungen muss sie jederzeit rechnen. "Diejenigen, die im Senat schön im Trockenen sitzen, sollten einmal hierher kommen und erleben, wie die Situation ist", klagt die CDU-Politikerin. Sie drängt die Entscheidungsträger der Landesebene deshalb, den Forderungen der Streikenden umgehend entgegenzukommen.

Bei allem Unmut in den Gängen und Dienststuben ist laut Vogelsang durchaus "Verständnis für das Anliegen der Streikenden" vorhanden. Die Wut von Mitarbeitern und Wartenden speise sich daraus, "dass der Senat sie so hängen lässt".

Und es ist in diesen Streiktagen für viele bittstellende Bürger unerträglich, was ihnen bei Berlins Behörden widerfährt. In der Kfz-Zulassungsstelle an der Jüterboger Straße etwa ist der Frust allgegenwärtig. Verloren steht die blonde Kosmetikerin Marina Kolodiczyk in einem der Behördengänge. Die 48-Jährige ist am Rand der Verzweiflung, denn man lässt sie nicht mehr vor, um ihr Motorrad, dessen Versicherung abgelaufen ist, abzumelden. Das muss aber heute noch geschehen, denn die Polizei hat ihr ein Ultimatum gestellt.

"Nur wenn ich heute noch die Abmeldung vorlege, erlassen die mir das Bußgeld", klagt die zierliche Wilmersdorferin, die während der Arbeitspause kam und nun unverrichteter Dinge wieder in ihren Heimatbezirk zurückkehren wird. "Was soll ich denn jetzt machen?"

Angriff auf Mitarbeiter

Irgendwo im Haus schreit jemand wild. Wenn es um Autos und Behörden geht, kann es in Berlin eben schnell brutal werden. In der vergangenen Woche kam es in der Zulassungsstelle an der Ferdinand-Schultze-Straße in Hohenschönhausen im Zuge des Tarifstreiks des öffentlichen Dienstes schon zum Angriff eines Mannes gegen eine Mitarbeiterin. Er wurde später angezeigt. Bei der Kreuzberger Dienststelle zeigte die Polizei vorübergehend Präsenz. Seit Dienstag patrouillieren zwei Sicherheitsdienstler am Fuß der Haupttreppe, die in die Amtsstuben führt.

Die aufgeladene Stimmung jedoch haben sie nicht verdrängt. Ein Hinzutretender im Warteraum etwa wird von so vielen feindseligen Blicken der seit Stunden Wartenden empfangen, dass schnell klar ist: Jeder wähnt hier in jedem einen Rivalen im Kampf um die Abfertigung. Dabei sind die, die hier sitzen, noch die Gewinner.

Denn wer bereits eine Nummer gezogen hat, wird bedient. Christoph Krause, als Abteilungsleiter für Kraftfahrzeugwesen der Chef der Zulassungsstellen in Kreuzberg und Hohenschönhausen, sondiert in diesen Streikwochen täglich, wie viel Personal gekommen ist. An diesem Donnerstag ist es die Hälfte. Er entscheidet daraufhin, nach wie vielen Nummern ein Ausgabestopp erfolgt.

"Direkt hinter mir haben sie die Tür geschlossen", sagt der 46-jährige Volker Nürnberger und zeigt freudig Wartenummer 113, die er noch ergatterte. Seinen Job als Solartechniker lässt der Biker heute ruhen, um eine neue Chopper umzumelden. Den Großteil dieses Tages wird er untätig im Amtsgebäude verbringen.

Das Warten dauere momentan mit vier Stunden bis zu dreimal so lange wie üblich, sagt die 30-jährige Emilia mürrisch. Sie ist eine der professionellen Zulasser, die sich für Versicherungen, Autohäuser und Privatkunden gegen Geld die Beine in den Bauch stehen. "Die Hälfte meiner Aufträge kann ich derzeit hier nicht erledigen", sagt ihr nicht minder hektischer, durch ovale Brillengläser blinzelnder Kollege, der deshalb bis heute Abend mal wieder 100 Euro verlieren wird.

Erboste Kunden

"Schweinerei", flucht am Portal Hardy Plötz. Der korpulent-joviale Reinickendorfer, dessen massiver Schlüsselbund am Gürtel vom Job im Gebäudemanagement beim öffentlichen Dienst zeugt, rüttelt vergeblich am vergitterten Portal. Neben ihm scheint es Karin Klein die Sprache verschlagen zu haben. Sie muss die zehn Firmenwagen ihres Handwerks-Unternehmens ummelden. "Ohne neue Papiere wären die Kollegen illegal unterwegs", sagt die 42-Jährige verärgert.

Hardy Plötz poltert erbost, er habe sich doch eigens einen Tag frei genommen, sei aus Reinickendorf mit dem geliehenen Kleinwagen einer Bekannten erschienen. "Wegen der Spritpreise" wollte der 57-Jährige künftig auf seinen Geländewagen verzichten und einen kleinen Corsa aktivieren. "Einerseits weiß ich ja selbst nur zu gut, dass nicht weiter so mit dem öffentlichen Dienst verfahren werden kann, wie bisher", sagt Plötz. "Andererseits ist der Streik ganz schlimm für die Bürger: Die trifft daran doch nun wirklich keine Schuld."