Die Freie Universität schaffe es nicht, ihm eine Aushilfe zu besorgen, seufzt der Leiter des Instituts für Biochemie der Berliner Hochschule. Eigentlich unverständlich, denn Volker Erdmann ist Spitzenforscher. Einer, von dem die Zukunft der Stadt abhängt, dessen Ideen die vielen kleinen Unternehmen Berlins zu Technologieführern machen sollen.
Die Politik in Land und Bund hat dagegen die Bedeutung von Leuten wie Erdmann erkannt. Die Hauptstadt erhielt dem SPD-Bundestagsabgeordneten Swen Schulz zufolge 2007 vom Bund insgesamt 823 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung, so viel wie Hessen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein zusammen. Die Ergebnisse: In Berlins Unternehmen widmen sich 40 000 Beschäftigte der Forschung und Entwicklung. Allein aus der Bund-Länder-Gemeinschaftsfinanzierung für die großen Forschungsinstitute könne die Hauptstadt in den kommenden Jahren bis zu 660 Millionen Euro einwerben, sagt Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD). Das wäre pro Einwohner fast doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt. Dennoch herrscht vielerorts wie im Vorzimmer des Biochemikers Erdmann auch ein absurder Mangel, der die Stadt in Konkurrenz zu Forschungsstandorten in den USA oder Asien zurückwirft.
Dabei war Berlin mal ganz vorn. In Erdmanns Gebäude an der Thielallee wurde Geschichte geschrieben. Otto Hahn entdeckte dort 1938 die Kernspaltung, das Nuklearzeitalter begann in Berlin.
Auch heute arbeiten sich Erdmann und seine drei Professorenkollegen auf wissenschaftlichem Neuland voran. Sie sind weltweit mit an der Spitze in den RNA-Technologien (siehe Kasten). Für die Diagnose und Therapie von Krankheiten ist das Wissen über die Ribonukleinsäuren, die genetische Informationen in Proteine umsetzen, das Versprechen der Zukunft. "RNA-Revolution. Biology's big bang", schrieb kürzlich das britische Magazin "Economist". Ein Quantensprung scheint möglich.
68 Jahre alt ist der Professor, er hält "15 oder 18" Patente, ist der Chef des größten deutschen Netzwerks von RNA-Forschern und Unternehmen, führt selbst eine kleine Pharma-Firma, um erste Erkenntnisse zu vermarkten. Möglich sind zum Beispiel auch völlig neue Schmerzmedikamente, körperverträglich veredelte Implantat-Materialen für die Herzchirurgie und viele weitere Einsatzfelder.
100 Studenten teilen sich einen Professor
Seit 1980 hat Erdmann 1000 junge Leute promoviert und er hat keine Probleme, gute Studenten auch in Harvard unterzubringen. In seinem Vertrag steht, er dürfe sich alle fünf Semester ein halbes Jahr nur der Forschung widmen. "Ich habe 28 Jahre lang kein Freisemester genommen", sagt Erdmann. Denn 100 Studenten teilen sich am FU-Institut einen Professor. In US-Elite-Universitäten liegt das Verhältnis bei eins zu vier oder fünf. Andernorts in Deutschland ist es nicht besser als in Berlin. Laut Senatswissenschaftsverwaltung liegt die Stadt mit einer Finanzausstattung von 605 000 Euro pro Professor auf Platz zwei der Bundesländer.
Claudia Kemfert hat vorerst ihren Platz auf dem Lehrstuhl für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität mit dem Abteilungsleiterposten am privaten Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlins Mitte getauscht. Die 39-jährige Volkswirtin ist eine der weltweit führenden Experten für Fragen der Energiewirtschaft. Seit Jahren weist sie in wissenschaftlichen Publikationen, Gutachten für die Bundesregierung oder in TV-Sendungen auf die Folgen der deutschen Energiepolitik hin. "Hätten wir optimalen Wettbewerb auf dem Energiemarkt, wären die Strompreise nur halb so hoch", hat Kemfert analysiert.
Was wie die schnelle Behauptung einer Umweltlobbyistin klingt, ist bei Kemfert, die auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso berät, Erkenntnis systematischer Forschung. In ihren Computern entwickeln sie und ihr Team mathematische Modelle, die sie mit den Annahmen füttern, wie sich die Spieler auf einem Markt wohl verhalten werden. "Wir simulieren die Zukunft, wir sagen sie nicht voraus", sagt die Ökonomin.
Standort Berlin ist von großer Bedeutung
Schon 1994 warnte Kemfert, dass auf dem deutschen Strommarkt nur vier große Anbieter überleben werden. Diese Situation ist eingetreten. An der kalifornischen Eliteuniversität Stanford, wo die Niedersächsin vor zehn Jahren promovierte, lernte sie Modellrechnungen zum Klimawandel kennen, lange bevor das Thema weltweit Schlagzeilen produzierte. Heute ist sie Gutachterin des International Panel on Climate Change der Vereinen Nationen, der kürzlich die Welt mit seinen dramatischen Prognosen zur Erderwärmung schockierte. Zur Pflege ihrer internationalen Netzwerke ist der Standort Berlin von großer Bedeutung. "Was ich tue, geht nur hier", sagt Kemfert.
Internationale Gäste kämen gern, nur hier sei es möglich, wissenschaftliche Exzellenz mit Beratung und Politik zu verbinden. Allen Versuchen aus der Wirtschaft, sie abzuwerben, hat sie widerstanden. "Da muss man sich verbiegen", ahnt Claudia Kemfert. Außerdem habe sie noch "150 000 Fragen", denen sie mit ihrer "wissenschaftlichen Neugierde" nachspüren wolle. "Ich bin in der glücklichen Situation, das zu machen, was mir am meisten Spaß macht", sagt die Volkswirtin.
Begeisterung für seine Arbeit versprüht auch Professor Peter Rudolph vom Leibniz-Institut für Kristallzüchtung (IKZ) im Technologiepark Adlershof. Er und sein Team beendeten just erfolgreich ein großes Forschungsprojekt, das sie vor drei Jahren mit Berliner und Brandenburger Fördergeld zusammen mit zwei kleinen Unternehmen aus der Region angeschoben hatten. Das Anschlussvorhaben, mit fünf Millionen Euro noch einmal deutlich höher finanziert, ist bereits angelaufen.
Rudolph beherrscht wie nur wenige Menschen auf der Welt die Kunst, Metalle wie Silizium, Saphir oder Gallium zu schmelzen und daraus Kristalle zu züchten. Diese stecken heute in jedem Gerät, vom Schaltkreis in der Mikroelektronik über den Laser in der Optik bis zur Solarzelle in der Fotovoltaik. Nur zwei Institute auf der Welt, in der Ukraine und in Berlin, widmen sich in groß angelegter Forschung der Frage, wie man Kristalle besser und billiger herstellen kann.
Um die Schmelzreaktion zu kontrollieren, mussten bisher große Magneten starke Kraftfelder um den heißen Kessel herum entwickeln. Das ist schwierig, weil die Kesselwand die Kräfte ablenkt. Und die Kosten für die bis zu einer Million Euro teuren Kristallzüchtungsanlagen können sich durch die Magneten verdoppeln. Rudolphs Team hat jetzt erstmals die in den Kessel einmontierte Heizspule so konstruiert, dass sie gleichzeitig das Magnetfeld erzeugen kann. "Wir haben getanzt, als wir gesehen haben, dass es klappt", sagt der 63 Jahre alte Wissenschaftler über den großen Moment. Das war vorher nicht absehbar, denn sie probierten auch schon mal häufiger Dinge, die dann nicht funktionierten.
Rudolph, der in Lemberg (heute Ukraine) studierte, gehört zu der Generation DDR-Wissenschaftler, deren Lebenslauf durch die Wende einigermaßen durcheinandergeraten ist. Er verlor seine Professur an der Humboldt-Universität, zog selbst anderthalb Jahre nach Japan. Von seinen ehemaligen Studenten sind ein Dutzend heute Professoren, von Skandinavien bis Kanada. Dass Mitte der 90er-Jahre das IKZ gegründet wurde, hat Rudolph nach Berlin zurückgeführt.
Der Wissenschaftler kennt inzwischen die Bedürfnisse der Unternehmen. Vor allem die Solarindustrie habe weltweit einen riesigen Hunger nach Silizium-Kristallen. Sein neues Verfahren will jetzt die Berliner Firma BerlinSolar GmbH vermarkten. "Da wird sich in den nächsten zehn Jahren einiges abspielen", sagt Rudolph.
Auch an der FU soll demnächst viel passieren. Eine Leerstelle wie im Vorzimmer des Biochemikers Erdmann wird verschwinden. Wenn der Professor im kommenden Jahr emeritiert, soll ihm einer der begehrtesten deutschen Wissenschaftler nachfolgen. Thomas Tuschl, der einst der guten Arbeitsbedingungen wegen in die USA zog, verhandelt mit der FU Berlin über Erdmanns Nachfolge. Der Nobelpreiskandidat wird nicht nur eine Sekretärin verlangen. Aber aus den Millionen des Senats für den Masterplan Wissenschaft sollte ein konkurrenzfähig ausgestatteter Lehrstuhl zu finanzieren sein.



