Integration

Pro und Contra zum umstrittenen Sprachen-Antrag der CSU

Die CSU fordert, dass Migranten in der Familie Deutsch sprechen sollen. Ein gut gemeinter aber misslungener Beitrag zur Integrationsdebatte - und ein reichlich weltfremder Vorschlag aus München.

Pro: Nur ein Appell

Heike Dietrich über einen schlecht gemachten Antrag

Geht man einmal davon aus, dass Sprache dazu da ist, Gedanken, Gefühle, Erlebnisse oder Sachverhalte möglichst treffend in Worte zu fassen, dann ist der Antrag der CSU in München in seiner ersten Fassung misslungen. Ein Gedanke zur besseren Integration, unnötig provokativ und womöglich absichtlich missverständlich. Und in einer Zeit geäußert, in der die Diskussion um Integration oft genug zur Gratwanderung wird. Dass in vielen bayerischen Küchen womöglich nicht hochdeutsch gesprochen wird, spielte wohl nur eine untergeordnete Rolle.

Was eigentlich stand genau in dem ursprünglichen Antrag? „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, hieß es. Was aber bedeutet „anhalten“? Man weiß es nicht. Von Verbot und Zwang, von Videokontrollen in der häuslichen Küche oder gar Abschiebungen bei Verstößen stand da jedenfalls nichts. Die CSU ließ vielmehr offen, was sie meinte.

Zwang und Kontrolle wären allerdings ebenso realitäts- und menschenfremd wie rechtlich ausgeschlossen. Mit einer freien demokratischen Gesellschaft hätten sie ohnehin nichts mehr gemein. Verfassungsrechtlich ist ein derart tiefer Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht nicht zu rechtfertigen. Die Sprache ist im engsten Familien- oder Freundeskreis immer eine hoch emotionale Angelegenheit. Je näher einem Menschen ein Thema geht, je näher ihm der Gesprächspartner steht, desto stärker wird er geneigt sein, seine Muttersprache zu verwenden. Für Familien, die aus Krisengebieten stammen und sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden müssen, aber generell für alle, die sich ihrer Herkunft stärker verbunden fühlen als dem neuen Wohnort Deutschland, bleibt wohl die eigene Sprache das Verständigungsmittel erster Wahl.

Mit ihrem populistischem Antrag hat die CSU dem eigentlichen Anliegen keinen Gefallen getan. Richtig ist es dennoch. Versteht man den CSU-Antrag also als Appell, als zugegeben misslungenen Beitrag zu einer Diskussion über eine bessere Integration, ist gegen ihn kaum etwas einzuwenden. In diesem Sinne besserte die CSU ihren Antrag am Montag nach. Und jetzt noch mal auf Deutsch, könnte man sagen.

Contra: Du sprechen Deutsch?

Diana Zinkler hält den Vorstoß der CSU für falsch

Gut, dass Berlin so weit weg ist von München. Denn hier in Berlin gibt es tatsächlich Familien, die mehrere Sprachen zu Hause sprechen. Zum Beispiel die Rattles, er Brite und Dirigent der Berliner Philharmoniker. Seine Frau ist Magdalena Kožená, Mezzosopranistin und Tschechin. Was sprechen die beiden wohl zu Hause mit ihren Kindern? Richtig: Drei Sprachen. Deutsch, Englisch und Tschechisch.

Oder die Barenboims. Der Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsoper erlaubt es sich doch tatsächlich sechseinhalb Sprachen zu beherrschen und keine davon akzentfrei. Er ist einfach zu oft umgezogen. Seine Frau Elena Bashkirova ist Pianistin und aus Russland gekommen. Niemand würde sich trauen, diesen beiden Vorzeigekünstlern und ihren nicht minder erfolgreichen Frauen zu verbieten, ihre Internationalität und den kulturellen Hintergrund auch ihren Kindern mitzugeben. Auch sie sind Zugewanderte und leben hier dauerhaft.

Also müsste die CSU auch sie „dazu anhalten“, im Privaten und sonst auch überall Deutsch zu sprechen. Doch das macht ja keiner. Manche Privatheit ist halt mehr wert. Nebenbei, die Kinder dieser beiden Familien sprechen sehr gut Deutsch.

Die türkischstämmige Journalistin Özlem Gezer schreibt in einem Artikel, dass es gerade diese Art Vorschläge von Deutschen sind, die sie „türkisiert“ hätten. Also, erst recht zur Türkin gemacht hätten, weil sie in Deutschland immer wieder auf ihren türkischen Hintergrund hingewiesen worden sei. Von „So spät lassen dich deine Eltern noch raus?“ bis „Natürlich isst du kein Schweinefleisch“ über „Wir verstehen, zu Hause darfst du nicht so viel sprechen“.

Abgesehen von dem „Tarzan-Deutsch“, dass ihre Familie zu spüren bekommen hat. Tarzan-Deutsch ist das, was Deutsche mit Ausländern sprechen, wenn sie glauben, ihr Gegenüber würde sie nicht verstehen: „Du sprechen Deutsch?“

Natürlich ist es richtig, wenn man hier lebt, auch Deutsch zu beherrschen. Doch, was die CSU in ihrem Leitantrag anstimmt, ist ein Angriff auf das private Leben und zugleich eine ziemliche Respektlosigkeit. Kein Wunder, wenn man so einen Vorstoß im Ausland wieder als „typisch deutsch“ bezeichnet.