Berliner Spaziergang

Monika Grütters ist Merkels Frau fürs Kultivierte

Wohin fährt man, wenn man etwas über die Kultur in Berlin lernen will? Für Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist die Sache klar: Nach Marzahn! Dort macht sie Schluss mit Plattenbau-Klischees.

Foto: Amin Akhtar

Endlich. Nach 24 Jahren sitzt Berlin wieder mit am Kabinettstisch im Kanzleramt. Nach dem Ausscheiden von Rupert Scholz als Verteidigungsminister in der Regierung Kohl hat Angela Merkel im Dezember letzten Jahres Monika Grütters zu ihrer Staatsministerin für Kultur und Medien befördert. Das neue Amt ist mit Dienstwagen (Audi A8) und festem Chauffeur verbunden. Das ist in diesem Fall auch für mich bequem. Ich war noch nie in Marzahn, dem Ort, den Monika Grütters für unseren Spaziergang vorgeschlagen hat. Seit sie dort für den Bundestag kandidiert, ist sie wieder und wieder bemüht, Freunde und Bekannte aus dem Westen dorthin zu locken, um Vorurteile abzubauen, zu zeigen, dass Mahrzahn längst viel mehr als Plattenbau zu bieten hat. Zum Beispiel die Gärten der Welt, unser erstes Etappenziel. Wir erreichen es an diesem feuchtschwülen Sommertag stressfrei chauffiert und gut gekühlt im Fond der Dienstlimousine.

Monika Grütters saß als CDU-Abgeordnete zehn Jahre im Berliner Landesparlament, seitdem hat sie ein Bundestagsmandat, war Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Kultur und Medien, bevor sie Staatsministerin wurde. Wie ist das, wenn man plötzlich von einer Abgeordneten zur Ministerin wird? „Das Offensichtlichste ist, dass man von allen so wahnsinnig nett behandelt wird.“ Über diese Erfahrung kann sie, im politischen Kampf nicht unerfahren, jetzt herzlich lachen. Aber zugleich sei die Verantwortung gewachsen. „Was ich jetzt entscheide, ist immer für Menschen relevant. Ob ich einen Vertrag verlängere oder ein Projekt fördere – immer hat es personelle Folgen. Und Denkanstöße allein reichen auch nicht mehr.“

Endlich wieder ein Berliner Gesicht ganz oben in der Berliner Regierungsmaschinerie. Neben gewachsener Verpflichtung auch Stolz? „Na klar, ich bin ein bisschen stolz. Dass es jetzt das Kulturressort ist, macht ja auch viel Sinn, weil ich mich seit vielen Jahren um die Szene kümmere. Das Abgeordnetenhaus war eine gute Schule, dann die Fortsetzung auf nationaler Ebene und jetzt das Regierungsamt. Das ist eine schöne Entwicklung.“

Die Blüte der Haupstadt

Eine Berlinerin mit der Hoheit über die Kulturpolitik und damit auch über die Verwendung der Finanzen angesichts einer Hauptstadt mit viel Kultur, aber wenig Geld – weckt das den Neid der Provinz? „Aus meinem Kultur-Etat von rund 1,3 Milliarden fließen 420 Millionen Euro allein nach Berlin. Nicht aus reiner Liebe zu Berlin. Sondern in Anerkennung der besonderen Rolle als Hauptstadt; mehr übrigens, als Berlin selbst für seine Kultur ausgibt. Darauf braucht der Rest der Republik nicht neidisch zu sein. Denn Deutschland insgesamt profitiert von der Blüte seiner Hauptstadt.“

Das ist für die Wahlberlinerin aus Münster allerdings nur die eine Seite der Medaille. Die andere betrübt sie und ist hausgemacht. „Berlin muss begreifen, dass das Hauptstadt-Sein auch eine dienende Funktion ist. Dieser Gestus fehlt im Senat. Immer nur die Hand aufhalten mit dem Hinweis ‚arm aber sexy’– reicht nicht mehr. Ich habe mit Klaus Wowereit, mit dem ich mich ansonsten ganz gut verstehe, mehrfach darüber gesprochen. Ein bisschen mehr Dankbarkeit seitens des Landes Berlin würde uns 27 Berliner Abgeordneten parteiübergreifend das Engagement für unsere Stadt erleichtern.“

Lobgesänge in der Limousine

Etwa 35 Minuten sind wir unterwegs, haben Marzahn erreicht, biegen von der B1/5 Alt Biesdorf rechts auf den Blumberger Damm, als Monika Grütters abrupt das Gespräch unterbricht und nach rechts aus dem Fenster weist. „Das ist die Unfallklinik Marzahn. Die modernste in Europa. Ein Schwerpunkt ist die Behandlung von Verbrennungsopfern. Dem guten Ruf der Klinik folgen viele Patienten auch aus dem Ausland…“

Diesem Lobgesang folgt sogleich der nächste, als wir ein paar hundert Meter weiter an der Eisenacher Straße am Erholungspark Marzahn aussteigen. Zu Recht. Die 100 Hektar große Park- und Gartenlandschaft mit ihren Spiel- und Liegewiesen wurde 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins als Gegenstück zum West-Berliner Britzer Garten angelegt, seit dem Jahr 2000 um mehrere Themengärten (u.a. China, Japan, Bali, Orient) erweitert und soll 2017 für die vom Tempelhofer Feld verbannte Internationale Gartenschau ihre Tore öffnen. Schon in diesen Sommertagen ein grünes Paradies in voller Blütenpracht. Zielsicher steuert Monika Grütters den Staudengarten an. Bienen, Schmetterlinge und Libellen umschwärmen sie. Sie ist ganz entzückt und fühlt sich an ihre Jugend in der münsterschen Provinz erinnert, die ihr bis heute jene Bodenhaftung gibt, die vor Überheblichkeit auch im hohen Staatsamt schützt.

Katholikin aus dem Münsterland

Apropos Bodenhaftung. Die hat sich die Katholikin und Kämpferin für die Ökumene auch hinsichtlich religiöser Grundsätze bewahrt. Wenn es in den Gärten der Welt einen orientalischen Garten gebe, an dessen Tor wir an diesem Tag vergeblich rütteln, sei doch wohl auch ein christlicher Garten angemessen. Monika Grütters hat gegen viele Widerstände erfolgreich für ihn geworben. Angelehnt an alte klösterliche Kreuzgänge ist ein moderner Klostergarten entstanden, eingefriedet von goldfarben lackierten durchlässigen Metallwänden, in die Zeilen aus dem Alten und Neuen Testament eingefräst sind. Auch hier versperrt uns ein Seil zunächst den Zutritt. Aber eine Westfälin, mit beiger Hose und dunkelblauem Shirt legerer gekleidet als im Amt mit Hang zu Rock, Perlenkette und edlem Halstuch, lässt sich davon nicht aufhalten. Das Hindernis wird überwunden, eine kurze Erklärung folgt: „Es ist der Versuch, die christlich abendländische Kultur künstlerisch darzustellen. Ein Ort zum Betrachten und Nachdenken.“

Marzahn – eine Plattenbau-Ödnis ohne Lebensqualität? Von wegen! Die nächste Überraschung wartet an der Alten Börse Marzahn, einem früheren Handelsplatz für landwirtschaftliche Güter an der Beilsteiner Straße. Dort versucht Peter Kenzelmann, der gegenüber dem Berliner Dom in Mitte erfolgreich das DDR-Museum gründete, einen Veranstaltungsort mit Menschen, Kultur und kleinen Werkstätten zu etablieren. Eine Künstler-Szene mit „Flüchtlingen“ aus dem ehemaligen Tacheles gründet sich gerade.

Die Sache mit dem Schloss

Während der Fahrt dorthin befrage ich die Staatsministerin zu den aktuellen Problemen, mit denen sie sich in Berlin und mit Berlin herumschlägt. Das Schloss: Bau und Finanzen im Plan, Richtfest im Frühjahr. Inhaltlich ist es bislang nicht gelungen, das Humboldt-Forum für die Menschen „lecker“, sie darauf richtig neugierig zu machen. In vollem Einvernehmen mit dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sucht Frau Grütters deshalb nach einem Intendanten, der das Forum populär macht. Vorbild Michael Blumenthal, dem es gelungen sei, das Jüdische Museum in aller Munde zu bringen. Hat sie schon einen Kandidaten? „Ich habe mehrere Personen im Auge...“ Namen? „Wenn ich sie jetzt nennen würde, wäre es der Sache nicht dienlich.“

Im Übrigen müsse sich Berlin mit seiner Landes-Bibliothek im Humboldt- Forum jetzt endlich mal zu einem exzellenten Auftritt durchringen. Das Einheitsdenkmal: Nach der Einigung über die Verbringung der geschützten Fledermäuse und den Steigungswinkel der Rampe für Rollstuhlfahrer (6 oder 6,8 Prozent) blockieren die Mosaiken jeden Baubeginn. „Man muss sich doch fragen, ob Mosaiken, die jahrzehntelang verschüttet waren und nur unvollständig erhalten sind, ausgerechnet hier konserviert werden müssen, wo sie das gesamte Projekt gefährden. Wir müssen den Koalitions- und Parlamentsbeschluss für das Denkmal am Schlossplatz umsetzen. Berlin muss endlich konstruktiv kooperieren und den Bau genehmigen, sonst ist das Projekt nicht zu realisieren.“ Staatsoper: Der Zuschuss des Bundes zur Sanierung bleibt bei 200 Millionen Euro gedeckelt. „Diese hohe Summe zeigt einmal mehr die Verantwortung des Bundes für seine Hauptstadt.“

Besonders gut scheint die Staatsministerin aus Berlin auf Berlin nicht zu sprechen zu sein. „Das Verhältnis zur Kultur der Stadt ist ungetrübt. Aber der Denkmalschutz macht uns bei einigen der erwähnten Projekte große Probleme. Die Verhandlungen sind unfassbar zäh.“ Sie nennt den Namen nicht, zielt aber offenkundig auch auf Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.

Henkels versöhnlicher Charakter

Monika Grütters redet schnell und gern, ist voll im Stoff, was sie sagt, klingt nicht nur gut, auch ziemlich überzeugend. Etwas schmallippig wird sie allerdings, als ich nach ihrem Verhältnis zur Kanzlerin, das mehr als gut sein soll, und ihrer Berliner CDU frage, deren herausgehobene Vizevorsitzende hinter Frank Henkel sie ist. „Mein Verhältnis zu Angela Merkel ist ausgezeichnet. “ Und die Berliner CDU? Die – so der Eindruck – regiert zwar mit, zeigt aber wenig Durchsetzungswillen. Ihre Antwort kommt nach längerem Nachdenken und lobt den eher versöhnlichen, ausgleichenden Charakter Henkels, der dem innenpolitischen Klima der Stadt auch ganz gut tue. „Aber freuen wir uns doch auch über den, in dessen Wahlkreis wir hier sind. Gesundheitssenator Mario Czaja als Kreisvorsitzender und ich sind hier ein wirklich gutes Team.“ Und dann bestätigt sie zumindest indirekt, was auch außerhalb der CDU gemunkelt wird: Mit Czaja sei auch in Zukunft zu rechnen, er sei ein Parteistratege, machtbewusst, fachlich auf der Höhe, mutig. Das war’s zu diesem Thema.

Während des Kombi-Spazierwegs durch Monika Grütters’ Wahlkreis, in dem für den Westimport in den Ortsteilen Biesdorf, Alt-Mahlsdorf und Kaulsdorf mit starker Einzelhaus-Bebauung politisch einiges zu holen ist, erwartet uns noch ein weiteres kulturelles Highlight: Charlotte von Mahlsdorfs Gründerzeitmuseum. Was Charlotte von M. alias Lothar Berfelde über Jahrzehnte an Zimmereinrichtungen, Ornamenten, mechanischen Musikinstrumenten und der Original Zille-Kneipe samt angeschlossener Hurenstube im wahrsten Sinne des Wortes zusammengetragen hat, ist wirklich sehenswert (Hultschiner Damm 333).

Die Sache mit dem Vermächtnis

Wir fahren zurück ins Kanzleramt. Monika Grütters ist zwar erst sieben Monate im Amt, dennoch wage ich die Frage, welches Vermächtnis sie am Ende ihrer Dienstzeit – wann immer es kommt – hinterlassen möchte. Ihr Vorgänger Bernd Neumann geht als Förderer des Films in die Annalen ein. Und Sie? Darüber habe sie auch schon nachgedacht, sagt sie. „Ich möchte das Bewusstsein schärfen für den Wert des Künstlertums in der Gesellschaft. Künstler sind Freidenker. Die nerven uns zuweilen und tun weh. Aber sie schützen die Gesellschaft auch vor Lethargie und Demokratiefrust. Sie helfen mit, dass es nicht wieder zu einer Diktatur kommt. Sie sind ein notwendiges Korrektiv. Ich finde, dass das unterschätzt wird. Ich möchte erreichen, dass sich das Ästhetische und das Politische versöhnen. Beide Milieus brauchen einander.“

Fast fünf Stunden sind wir unterwegs. Das macht Hunger. Frau Staatsminister lässt vor dem Hauptbahnhof halten, steigt aus, eilt zum Asia Imbiss und kehrt mit einem Nudelgericht zurück. Jetzt aber endgültig zurück ins Büro. Das will ich unbedingt noch sehen, weil es, so die Ministerin, das schönste in Berlin sein soll. Sie hat es von ihren Vorgängern geerbt. Und in der Tat, kein Büro im Kanzleramt, auch das von Angela Merkel nicht, hat eine solch große Terrasse und damit einen fast Rundumblick über Berlin vom Reichstag über den Hauptbahnhof zum Tiergarten. Das Büro liegt im 8. Stock, eine Etage höher als das der Bundeskanzlerin. Monika Grütters ist gut geerdet ganz oben angekommen.