Mitgliederentscheid

Es wird groß - So stimmte sich die SPD auf die Koalition ein

In einem stillgelegten Bahnhof zählen Helfer die Stimmen zum SPD-Mitgliederentscheid aus. Das Ergebnis dringt nicht heraus. Es entstehen Spannung und Bilder, die sich eine Partei nur wünschen kann.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Krawatten sind verboten für die Helfer, die um ein Uhr nachts den stillgelegten Postbahnhof in Kreuzberg betreten. Nicht, weil Genossen unter sich auf solche Accessoires verzichten sollen, sondern es geht um ihre Sicherheit. Krawatten könnten in diese Maschine geraten, in den „Omation 206“. Das ist ein Riesengerät, das 40.000 Briefe pro Stunde öffnen kann. Es erinnert an Aufschnittmaschinen, die hinter Fleischertheken stehen. So klingt es auch. Jeder aufgeschlitzte Brief ist ein Kreischen.

Der „Omation 206“ ist ein Wunderwerk aus Zeiten der Massenkommunikation mit Umschlag und Papier. Vielleicht steht er bald im Berliner Technikmuseum, das nicht weit ist vom ehemaligen Bahnhof, wo heute das Veranstaltungszentrum „Die Station“ ist. Hier hat die SPD in einer Nacht und einem Vormittag 369.680 Briefe sortiert und ausgewertet. Ein analoges Großereignis in digitalen Zeiten. Nicht staatlich organisiert wie Bundeswahlen, sondern ausgerichtet von einer Partei für 1,6 Millionen Euro. Vielleicht ist es eines der letzten Ereignisse dieser Art.

Helfer sind nur über eine Notfallnummer erreichbar

Für Andrea Nahles dagegen bedeutet die Schlitzmaschine in diesem Moment die Zukunft. Die SPD-Generalsekretärin und künftige Ministerin füttert am Freitagabend die Maschine probeweise mit leeren Briefen. Es kreischt. Ein bisschen aufgeregt sei sie schon, sagt Nahles. Wieder das Kreischen. 121 Umschläge in wenigen Sekunden. Die Politikerin strahlt, als würde sie Scheiben von einem Schinken abschneiden. Jeder geöffnete Umschlag kann sie näher an ihr Ziel bringen: endlich als Ministerin im Bundeskabinett zu sitzen.

Daniela Bartke, 30, fängt um fünf Uhr in der Nacht an. Die Frau aus Hannover ist eine der 400 ehrenamtlichen Helfer. Sie gehört zur zweiten Schicht. Sie schließt ihr Mobiltelefon in einen Schrank ein, das hat sie schriftlich zugesichert, damit keine Ergebnisse vorab nach draußen dringen. Die Helfer sind nur über eine Notfallnummer erreichbar, ein gut bewachtes Festnetztelefon, versteht sich.

„Ja, aber nur mit Magenschmerzen“

Aus den aufgeschlitzten Umschlägen nimmt Bartke die Zettel und sortiert. Ein „Ja“ in die gelbe Kiste, ein „Nein“ in die schwarze, eine Enthaltung in die graue Kiste. Nicht eindeutige Stimmabgaben landen in einer kleinen grünen Box. So auch jene von dem Genossen, der „Ja“ angekreuzt hat und dazu geschrieben hat: „Nur mit Magenschmerzen“. Diese Zettel werden von Experten geprüft, ob der Wille des Mitgliedes klar erkennbar sei. Daniela Bartke findet auch Zettel, die auf der Rückseite vollgeschrieben sind, mit harschen Beiträgen zur Lage der SPD. Mehr will sie nicht verraten.

Es ist sechs Uhr morgens, da ahnt Bartke bereits, dass die SPD-Mitglieder mehrheitlich die Große Koalition wollen. Sie braucht nur die Kisten anzuschauen. Die vollen mit den „Ja“-Stimmen, die eher leeren mit den „Nein“-Stimmen. Sie schätzt, dass 78 Prozent der eingeschickten Stimmen positiv sind. Das ist nah am Ergebnis, das mehr als acht Stunden später verkündet wird: 75,96 Prozent der abgegeben Stimmen für die große Koalition, was rund 54 Prozent aller SPD-Mitglieder entspricht.

Die Bundesrepublik weiß in diesen Morgenstunden davon nichts. Während Ergebnisse sonst allerorten vor ihrer Bekanntgabe auf Twitter zu finden sind, dauert es bis lange in den Tag hinein, ehe die ersten Zahlen kursieren. Eine analoge Auszählung, noch dazu hinter dicken Mauern eines 138 Jahre alten Bahnhofes, ist verschwiegen. Ihre Inszenierung ist umso spannender. Die SPD-Führung wird das mit Genuss bis zuletzt auskosten.

Die Große Koalition kommt: Klatschen statt Twittern

Es ist 14:34 Uhr, der Zählraum ist für Journalisten geöffnet. Zwischen den Medienvertretern und den ehrenamtlichen Helfern liegen 50 Meter und ein Zaun. Das Ergebnis, auf das Deutschland wartet, ist in Reichweite. Fast. In der Ferne stehen einige SPD-Mitglieder, die sich vor Lachen schütteln. Dann fangen sie an zu klatschen, einige Sekunden nur. Ab diesem Zeitpunkt wissen es alle: Die Große Koalition kommt. Entfernter Jubel statt Exit-Polls. Klatschen statt Twittern.

Die Spitzen-Genossen lassen sich noch etwas Zeit. Parteichef Sigmar Gabriel telefoniert hinter den Kulissen bereits mit Vertretern von CDU und CSU. Die Mitglieder wissen, was sie derweil zu tun haben: Um 14:45 schreiten sie in in Richtung Fernsehkameras am anderen Ende der Halle. Es entstehen Bilder, wie sie sich eine 150 Jahre alte Partei wie die SPD nur wünschen kann. Engagierte Parteimitglieder, viele junge, die lachen und klatschen. Sogar die Akustik in der Halle ist gut.

Galionsfigur Sigmar Gabriel trägt als einziger Krawatte

Was wären Likes auf Facebook, verglichen mit diesen Bildern? Zumal die SPD nicht nur gute Erinnerungen an Abstimmungen hat. Bundesweit ist er fast vergessen, der Stimmzettelklau auf einem Parteitag in Hamburg. Damals, 2007, wurde der Abgeordnete Matthias Petersen um seine Kandidatur auf das Amt des Bürgermeisters gebracht. Aus der Urne waren Stimmzettel gestohlen worden, bis heute ist der Vorfall nicht aufgeklärt. So etwas sollte sich nicht wiederholen. Diese Abstimmung hat die SPD beinahe überkorrekt organisiert.

Um 14:47 öffnet sich die Menge der Helfer, „Sigmar, Sigmar“-Rufe ertönen. Ein staatsmännischer Sigmar Gabriel betritt die Bühne, gefolgt von Spitzengenossen, darunter Andrea Nahles, Frank-Walter Steinmeier, Thomas Oppermann, Manuela Schwesig, Barbara Hendricks. Briefe dürfte Gabriel nicht aufschlitzen mit dem „Omation 206“, zumindest jetzt nicht. Er trägt Krawatte, als einziger. Natürlich. Er ist Galionsfigur für ein Bild, das einen Teil der künftigen Regierung zeigt. Der Parteichef steht am Pult und nennt diesen Tag einen historischen, nicht nur für die SPD, „sondern für die Deutsche Demokratie“. Er bedankt sich auch bei dem Drittel der Mitglieder, die gegen die Koalition gestimmt haben. Ein umjubelter Auftritt.

Berliner SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß fordert „SPD pur“

Die skeptischen Töne sind leiser. Dabei steht auch Jan Stöß, der Berliner SPD-Landesvorsitzende. Er fordert später, es müsse „SPD pur“ in Regierung und Fraktion erhalten bleiben, man dürfe nicht als Anhängsel der Unionsparteien wahrgenommen werden. So werde die SPD auch in der Regierung weiter für Ziele kämpfen, die nicht im Koalitionsvertrag stehen. Darunter „ein gerechteres Steuersystem und die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften“, sagt Stöß der Morgenpost.

Daniela Bartke, die Helferin, steht noch in der Halle. Auch sie hat „Ja“ gestimmt. „Mit dem Spatz in der Hand“, wie sie sagt. Dieses Sprichwort bedeutet in etwa: Man nimmt, was man kriegen kann.