Kommentar

Warum es am 3. Oktober keinen Anlass zum Zweifeln gibt

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Foto: DB dpa / dpa

23 Jahre nach der Wiedervereinigung wurden zumindest infrastrukturell die gröbsten Unterschiede zwischen Ost und West beseitigt. Auch politisch wachsen beide zusammen, findet Jochim Stoltenberg.

Wenn die Meteorologen recht behalten, wird es am Tag der Deutschen Einheit ein Wetter, wie es sich der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, immer gewünscht hat: ein sonniger Herbsttag, an dem wir uns unseres nationalen Feiertags – ein bisschen wie die Franzosen – auf Straßen und Plätzen erfreuen können. Wir sollten es sogar mit einem gewissen Stolz tun. Denn was 1989/90 mit sehr viel Mut und Freiheitswillen der Menschen im unterdrückten Teil Deutschlands begann und dann gemeinsam von Ost und West wirtschaftlich, sozial, kulturell und infrastrukturell wiederaufgebaut wurde, kann sich nach nunmehr 23 Jahren wahrlich sehen lassen. Wer es immer noch nicht glaubt, der gehe offenen Auges durch unsere Stadt, der schaue sich Dresden und Leipzig an, der fahre durch die Industrieregion Bitterfeld-Wolfen, ganz zu schweigen von den wieder erstrahlten Bädern an der Ostseeküste.

Richtig bleibt, dass nicht alle Wünsche und Erwartungen in Erfüllung gegangen sind. Ein Grund dafür ist, dass mit der wirtschaftlich ruinierten DDR ein Erbe übernommen wurde, an dem schwer zu tragen ist, was die Linkspartei, ex PDS, ex SED, so geflissentlich verdrängt. Es hat auch damit zu tun, dass, wie in westdeutschen Regionen, etwa dem Ruhrpott, der Strukturwandel zu Anpassungen zwingt, für die es einen langen Atem braucht. Auch insofern gleichen sich die Unterschiede zunehmend aus. Ein anderes Indiz dafür ist das Wahlergebnis vom 22. September. Die Gysi-Partei musste auch im Osten Deutschlands Federn lassen; und das Wahlverhalten insgesamt in Ost und West weicht immer weniger signifikant voneinander ab, es wird also gesamtdeutscher.

Jeder dritte Deutsche fühlt sich als „richtiger Bundesbürger“

Mittlerweile fühlt sich denn auch jeder dritte Deutsche zwischen Ostsee und Erzgebirge als „richtiger Bundesbürger“. Eine Integrationsleistung von beiden Seiten, die höchsten Respekt verlangt. Dass die überwiegende Mehrheit der Ostdeutschen darüber hinaus die Wiedervereinigung als Gewinn wertet, ist weniger überraschend als die Erkenntnis, dass der Anteil der Zufriedenen über Jahre kontinuierlich wächst. Wer kann da noch ernsthaft zweifeln, dass wieder zusammengewachsen ist, was nie hätte getrennt werden dürfen?

Freuen wir uns also gemeinsam darüber, was dieses Land aus dem ebenso unerwarteten wie großen Geschenk der Geschichte gemacht hat. Überwinden wir zumindest für ein paar Stunden den Hang zu Selbstzweifeln und Nörgelei. Am Tag der Einheit gibt es dazu wirklich keinen Anlass.

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