Grüne

Wolfgang Wieland verabschiedet sich aus der Politik

| Lesedauer: 9 Minuten
Christine Richter

Foto: Martin U. K. Lengemann

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland verlässt nach 24 Jahren das Parlament. Im Abgeordnetenhaus war er einer der wichtigsten Oppositionspolitiker. Er wird der Berliner Politik fehlen.

Es ist die Stimme. Tief, fast ein Bass, eine sonore Tonlage. Jahrelang hat man sie gehört – im Berliner Abgeordnetenhaus, im Radio, auch mal in einer TV-Talkshow, im Bundestag, bei den Pressekonferenzen nach dem NSU-Untersuchungsausschuss. Wer Wolfgang Wieland schon einmal begegnet ist, hat ihn allein an seiner Stimme sofort erkannt. Im Parlament aber wird man sie bald nicht mehr hören.

Denn Wieland, der langjährige starke Mann der Berliner Grünen, der es 24 Jahre lang im Parlament – zunächst auf Landes-, dann auf Bundesebene – aushielt, hört auf. Freiwillig. Bei der Bundestagswahl am 22. September tritt Wieland nicht mehr an.

„Ich war noch nie Rentner“, sagt Wieland an diesem Nachmittag in seinem Bundestagsbüro. Dorotheenstraße 101, zweiter Stock. Ein kleines Zimmer mit Schreibtisch, Besuchercouch und vollen Bücherregalen. In einem der Regale hockt ein kleiner Teddybär in Polizeiuniform. Den bekommen normalerweise Kinder von der Polizei geschenkt, bei Wieland ist es ein dezenter Hinweis auf sein politisches Thema: innere Sicherheit. In wenigen Tagen muss er sein Büro räumen, dann ist Schluss mit dem aktiven Politikerleben. „Ich betrachte es als experimentelle Phase“, sagt der 65-Jährige. Der Schritt ist zwar selbst gewählt, leicht fällt er ihm nicht.

Was wirklich interessiert

„Mich haben eigentlich immer nur zwei Dinge interessiert: Politik und Zeitgeschichte“, sagt Wieland. Jura, das Fach, das er studiert hat, sei in erster Linie „Broterwerb“ gewesen. Für Außenstehende war es ein bisschen mehr, denn Wieland hat sich auch als Rechtsanwalt einen Namen gemacht. Er verteidigte Fritz Teufel, Anarcho und Kommune-1-Mitglied, er war Nebenkläger im „Mykonos“-Prozess – nach dem Anschlag im griechischen Restaurant „Mykonos“ 1992 in Berlin, bei dem vier kurdische Exilpolitiker auf Befehl der iranischen Staatsführung erschossen wurden –, er kümmerte sich um Asylbewerber und Flüchtlinge.

Sicherlich nie vergessen wird Wieland den Tag, als sein türkischer Mandant Cemal Altun aus Furcht vor der Abschiebung während der Gerichtsverhandlung aus dem Fenster sprang – und in den Tod stürzte.

Die Politik, das aber ist richtig, die war Wielands Leidenschaft. Schon früh engagierte er sich, demonstrierte damals, als junger Mann, in Berlin gegen den Schah-Besuch. An jenem 2. Juni 1967, als Benno Ohnesorg vor der Deutschen Oper erschossen wurde. Wieland wandte sich eine Zeit lang der maoistischen KPD/AO zu, dann wieder ab. 1978 gehörte er zu den Mitgründern der Alternativen Liste in Berlin, dem Vorläufer der Grünen. Er war immer ein Realo, ein pragmatischer Politiker.

Aber er wurde, weil er stets offen war für andere Ideen, weil er mit den Grünen-Fundis fair umging, von allen Lagern geschätzt. Auch das ein Grund, warum er nach der letzten Abgeordnetenhauswahl 2011 in Berlin, als die Grünen mit Spitzenkandidatin Renate Künast scheiterten („Den Präsidentinnen-Wahlkampf mit Künast, den haben wir vergeigt“) und die Fraktion in zwei Teile zerfiel, als Moderator geholt wurde. „Er ist unsere moralische Instanz“, sagen die Berliner Grünen.

„Ich wollte gehen, solange ich noch gesund bin“, erklärt Wieland. Mit „fünfundsechzigeinhalb Jahren“ sei es Zeit aufzuhören. Abschreckende Beispiele wie die Linke-Politikerin, die während der Rede im Plenarsaal zusammenbrach oder den SPD-Abgeordneten, der im Bundestag einen Schlaganfall erlitt, gibt es genug. Er wolle gehen, „solange es alle noch bedauern, dass man aufhört“, fügt Wieland hinzu – feixend. Und das machen sie, nicht nur die Grünen.

Seit 2005 ist Wieland im Bundestag, spezialisiert auf innere Sicherheit. BND-Untersuchungsausschuss, Innenausschuss („Ich habe keine einzige Sitzung versäumt“), zum Abschluss jetzt der Untersuchungsausschuss zum NSU-Mördertrio. Eine Arbeit, die auch ihn, den erfahrenen Parlamentarier, noch einmal Neues gelehrt hat. „Alle Parteien haben zusammengearbeitet, dass ich das noch einmal erleben durfte“, sagt der 65-Jährige. Kein parteipolitisches Geplänkel, kein Streit für die Kulisse und die Medien.

„Assistenten von CDU und Linke haben knifflige Fragen geklärt und den Text zusammen formuliert“, erzählt Wieland. Man hört ihm die Zufriedenheit darüber an, dass so etwas möglich ist, bei einem so schwierigen Thema, als das Versagen von Sicherheitsbehörden so offensichtlich geworden ist. Mit dem Abschlussbericht – „dieses Telefonbuch“, sagt Wieland und klopft auf die 1357 Seiten – ist er zufrieden.

Einer der wichtigsten Oppositionspolitiker

Im Berliner Abgeordnetenhaus, dem er insgesamt 16 Jahre lang angehörte und wo er auch einige Jahre lang die Grünen-Fraktion anführte, war Wieland einer der wichtigsten Oppositionspolitiker. Klug, pragmatisch, geschätzt. Ein brillanter Rhetoriker. Mit dem damaligen CDU-Fraktionsvorsitzender Klaus Landowsky – ebenfalls ein begnadeter Redner – lieferte sich Wieland wahre Rededuelle. Auf Augenhöhe, meist in der Haushaltsdebatte. Unvergessen, als Landowsky über die Verwahrlosung der Stadt sprach und sagte: „Es ist nun einmal so, dass dort, wo Müll ist, Ratten sind, und dass dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist.“

Wieland tobte. Oder als Landowsky zu ihm sagte: „Marx ist tot, Lenin ist tot, und Sie, Herr Wieland, sind auch schon ganz blass.“ Als der CDU-Fraktionschef wegen der Spenden-Affäre und der Banken-Krise in Berlin zurücktreten musste, sagte Wieland damals: „Langweilig und grau wird es im Abgeordnetenhaus ohne ihn werden, da wird er mir schon fehlen. Politisch allerdings überhaupt nicht. Es waren ja nicht gerade Peanuts, die er da verbraten hat.“ Heute erinnert sich der Grünen-Mann gerne an die politischen Auseinandersetzungen: „Die Rededuelle, die haben mir manchmal gefehlt.“

Im Abgeordnetenhaus stand Wieland in der ersten Reihe, war sogar ein paar Monate lang Justizsenator. Damals, 2001, als die große Koalition aus CDU und SPD wegen der Bankenaffäre platzte, als Klaus Wowereit am 16. Juni 2001 mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linken zum Regierenden Bürgermeister gewählt wurde. Wieland übernahm das Justizressort. „Das hätte ich gerne länger gemacht“, sagt er rückblickend. Doch Wowereit entschied sich nach der vorgezogenen Neuwahl im Januar 2002 für eine rot-rote Koalition, obwohl es auch für ein rot-grünes Bündnis gereicht hätte. Eine bittere Enttäuschung für Wieland, für die Grünen insgesamt. Das wiederholte sich 2006: Abgeordnetenhauswahl, eine rechnerische Mehrheit auch für Rot-Grün, doch Wowereit setzte die rot-rote Koalition fort. Wieland sollte bei Rot-Grün Innensenator werden. „Das hätte ich gemacht.“ Das Bedauern ist ihm heute noch anzuhören.

Ein bisschen hat Wieland in dieser Zeit experimentiert – er ließ sich von den Brandenburger Grünen überreden, für sie als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 2004 anzutreten. Ein Misserfolg: Wieland holte nur 3,6 Prozent. Dann kandidierte Wieland im Bezirk Mitte – und zog über die Liste in den Bundestag ein. War das eine große Umstellung nach der Abgeordnetenhaus-Zeit? „Von der Hauptrolle in einem B-Movie habe ich zur Nebenrolle in einem A-Movie gewechselt“, sagt Wieland. Für solche Sätze liebt man ihn.

Auszeit bis Weihnachten

Was bleibt? Die Frage überrascht Wieland. „Ein guter Eindruck.“ Wieland lacht, sein tiefes Lachen. Nein, natürlich nicht nur. „Es wird ja nichts in Stein gemeißelt, das ist aus der Opposition heraus fürchterlich schwer.“ Aber da ist zum Beispiel die Rehabilitierung der sogenannten Kriegsverräter. Zwei Bundestagsabgeordnete und er wollten dies erreichen, fast wären sie an den Stimmen von CDU und SPD gescheitert. Doch CDU-Fraktionschef Volker Kauder verhinderte die Niederlage und machte sich den Vorschlag für die Koalition zu eigen – der Antrag wurde vom Bundestag beschlossen. „Ich habe relativ kleine Dinge mit angestoßen“, sagt Wieland.

Bei den Grünen in Berlin hinterlässt er eine Lücke. Nur die Debatte über mögliche schwarz-grüne Bündnisse, die Wieland in Berlin so gerne geführt hat, will er an diesem Nachmittag nicht aufgreifen. „Das ist kein Thema bei dieser Bundestagswahl“, sagt er, fast schroff. Und überhaupt gilt: „Man redet nicht darüber, man macht es.“ Nach der Bundestagswahl will Wieland sich eine Auszeit gönnen: „Bis Weihnachten.“ Mehr Zeit für seine Frau, mit der er seit vielen Jahren in Kreuzberg wohnt, und für die Familie haben – „auch ein bisschen Gutmachung für 30 Jahre, in denen ich nichts im Haushalt gemacht habe“ –, für die beiden Enkel.

Aber ein Hausmann, nein, das werde er nicht. „Ich kann nicht töpfern, nicht malen, nichts dergleichen“, sagt Wieland. „Und ich will das auch nicht tun.“ Die Anfragen zu ehrenamtlichen Tätigkeiten beantwortet er noch nicht, erst einmal muss er in einem Alltag ohne Politik ankommen. „Es ist ein Experiment“, sagt Wieland zum wiederholten Mal. Und: „Ich freue mich nicht darauf.“ Auch diese Ehrlichkeit, sie hat ihn immer ausgezeichnet.

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