Am Anfang wird das Terrain markiert. Als Sigmar Gabriel das „Historische Café am Markt“ in Goslar betritt, lässt er die Reporterin demonstrativ warten. Erst nachdem er sich mit der Kellnerin, einer Freundin der Familie, unterhalten hat, kommt er an den Tisch. Meine Stadt, meine Regeln, lautet die unausgesprochene Botschaft. Beim Rundgang durch Goslar wird klar, dass seine Heimatstadt für ihn viel mehr als nur ein Rückzugsort aus Berlin ist.
Berliner Morgenpost: Herr Gabriel, was macht die Mentalität des Harzers aus?
Sigmar Gabriel: Da geht der Ärger schon los: Jemand, der aus Goslar kommt, fühlt sich nicht als Harzer. Die Stadt Goslar war ursprünglich reichsfrei und später preußisch. Die Oberharzer haben die Goslarer gerade mal für Wilddiebe gehalten. Die uns allerdings auch nur für Wegelagerer.
Na gut. Wie tickt der Goslarer?
Er ist oft ein stolzer Bürger, weil Goslar eine ganz besondere Stadt ist. Sie sehen das an den vielen schönen mittelalterlichen Häusern der Altstadt, die ja von Privatbesitzern erhalten werden. Goslars ganze Geschichte hat etwas mit dem Aufstieg Deutschlands zur Industrienation zu tun. Und auch die dunklen Seiten Deutschlands sind mit Goslar verbunden: Im Nationalsozialismus war Goslar Reichsbauernstadt. Man findet hier viel Geschichte, aber eben auch viel Moderne. Denken Sie nur an den weltweit bekannten Kunstpreis für moderne Kunst aus Goslar, den Kaiserring. Ich bin freitags froh, wenn ich abends nach Goslar zurückfahren kann. Aus meinem Mund werden Sie den Satz „Ich bin ein Berliner“ niemals hören. Das mag ungerecht sein. Aber diese Mischung aus Politikern, Journalisten und Wirtschaftslobbyisten in Berlins Mitte geht mir manchmal einfach auf den Geist. Wer da länger bleibt, hält das irgendwann für die Welt. Wer in einer Kleinstadt lebt, kennt Deutschland aus der Froschperspektive. Deutschland ist aber eher wie Goslar als wie Berlin. Die normalen Menschen ticken nicht so weltfremd und schräg, wie die Politikversteher in Berlin-Mitte.
Sie mussten nach der Trennung Ihrer Eltern jahrelang gegen Ihren Willen bei Ihrem Vater, einem despotischen Altnazi, leben. Hat das nicht den Wunsch geweckt, schnell hier wegzukommen?
Nein. Es gibt einen Stadtteil, in dem ich damals mit ihm leben musste: Den habe ich jahrelang gemieden. Noch heute habe ich ein seltsames Gefühl, wenn ich da durchgehe. Ganz generell aber gehöre ich zu den Bürgern, die hier sehr gern leben. Heimat zu haben, ist für mich wichtig. Für mich ist das kein altmodischer Begriff, sondern ein sehr moderner. Die soziale Gesellschaft beginnt in der sozialen Gemeinde und der sozialen Stadt. Die Freiheit, die ich brauchte, habe ich mir bei dem SPD-Jugendverband Sozialistische Jugend Deutschland – Die Falken geholt. Mit denen bin ich schon als Jugendlicher quer durch Europa gefahren. Dabei ging es allerdings vorrangig darum, mit der Freundin ohne Aufsicht allein zu sein. Die Sache mit dem Sozialismus fanden wir eher zweitrangig.
Wenn Sie an die Schulzeit denken: Sind die Erinnerungen eher gut oder schlecht?
Die Grundschulzeit war überlagert vom Konflikt zwischen meinen Eltern. Als kleiner Steppke bekam ich ein Fahrrad geschenkt, wollte zu meiner Mutter fahren, die in ein Neubaugebiet gezogen war. Ich nutzte einen Moment, in dem mein Vater nicht aufpasste, und suchte ihre Wohnung, aber ich fand sie einfach nicht. Heute weiß ich, dass es dort noch keine Straßenschilder gab. Ich muss fünfzig Meter von ihrer Wohnung entfernt gewesen sein. Ich habe das als einen verzweifelten Moment in Erinnerung.
Und später?
Nicht lange nachdem ich per Gerichtsbeschluss zu meiner Mutter kam, wurde ich ein ziemlich guter Schüler. Man darf Kinder nicht zu früh beurteilen, manche brauchen länger und bei anderen stecken andere Probleme hinter ihren schulischen Schwächen. Auch deshalb bin ich bis heute gegen das frühe Aussortieren. Die Realschulzeit war dann allerdings auch meine Rabaukenzeit. Was soll auch dabei rauskommen, wenn man pubertierende Jungs in eine „Mittelschule für Knaben“ einschult – also ohne Mädchen. Auf dem Gymnasium wurde das anders, vermutlich weil wir uns da alle bereits für die Mädels in unserer Klasse interessiert haben. Außerdem war ich da schon sehr stark politisiert. Da war ich einer von zwei Schülern, die aus der Realschule kamen. Das war damals etwas ganz Besonders. Die anderen stammten alle aus gut situierten Bürgertumsfamilien, ich war ja Sohn einer Krankenschwester, die auch noch alleinerziehend war. Das war damals noch ein Grund, dass das Jugendamt kam. Und ich kam auch noch aus einem Stadtteil, aus dem niemand außer mir zum Gymnasium ging. Bei den meisten meiner Freunde lautete die Ansage: Neun Jahre Schule ist genug, dann muss Geld herangeschafft werden. Viele haben später die Hochschulreife dann über den zweiten Bildungsweg nachgeholt, aber das war natürlich schwieriger. Ich bin ein echtes Kind der sozialdemokratischen Bildungsreform. Ohne die SPD hätte ich kein Abitur gemacht.
Später haben Sie Germanistik, Politik und Soziologie auf Lehramt studiert, ein Einser-Examen gemacht.
Dabei war ich einmal kurz vorm Abbruch, weil ich mich irgendwo zwischen ehrenamtlicher Jugendarbeit, Politik und Studium verlaufen hatte. Bewahrt haben mich davor der damalige Oberbürgermeister und seine Frau, die mich unter die Fittiche genommen hatten. Als ich einmal an Weihnachten bei ihnen war, sagte ich: Ich glaube, ich muss mein Studium abbrechen. Daraufhin sagten die: „Kannst du machen – aber wir werden dafür sorgen, dass du in dieser Stadt keine Politik mehr machst. Wer in der Politik ist, muss einen abgeschlossenen Beruf haben. Sonst macht er sich von der Politik abhängig.“ Nicht wegen dieser Drohung, sondern weil ich mich dann doch ziemlich schämte, habe ich mich gleich zur Prüfung angemeldet. Später kam dann noch mein Referendariat, und ich wäre sehr gerne Lehrer geworden. Aber die CDU in Niedersachsen stellte damals überhaupt keine Lehrer ein, egal, wie gut die Noten waren. Ich sag das manchmal den jungen Leuten: Geht nicht sofort nach dem Studium ganz in die Politik. Sammelt erst mal Erfahrungen. Bis heute habe ich einen ruhenden Arbeitsvertrag beim Bildungswerk der niedersächsischen Volkshochschulen, BAT III. Die wählen alle SPD, weil ich sonst zurückkäme. (lacht)
Wie weit sind Sie der Droge Politik verfallen?
Früher war ich viel getriebener von der Politik. Heute ist das ganz anders. Ich kann gar nicht recht erklären, wann das vorbei war. Aber vielleicht hat es mit meiner kleinen Tochter zu tun. Mit Anfang 50 noch einmal Vater zu werden, ist ein ganz großes Glück. Ein viel größeres, als man es in der Politik je erleben kann. Ich muss das jedenfalls nicht bis 67 machen.



