Studie

Jedes vierte Kind in Deutschland wird geschlagen

Gewalt ist für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland normal. Vor allem in sozial schwachen Familien gehören Missachtung und Ohrfeigen oft zum Alltag. Das belegen auch Berliner Umfrageergebnisse.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Die bunten Krickelkrakel-Bilder erzählen von düsteren Erfahrungen. Auf einem wird ein Kind geschlagen: "Opfa" steht daneben. Auf einem anderen bricht ein Tornado über ein Haus herein.

Die Zeichnungen sind Teil einer Ausstellung , die das Kinderhilfswerk Arche derzeit in Berlin zeigt. Sechs- bis Elfjährige schildern ihre Erfahrungen mit Gewalt. Fast alle stellen diese wie ein Naturereignis da, das über sie hereinbricht. 13 Jahre ist es her, dass das "Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung" verabschiedet wurde.

Gebracht hat es nur zum Teil etwas. Laut einer neuen Studie wird fast ein Viertel (22,3 Prozent) aller Kinder und Jugendlichen manchmal oder oft von Erwachsenen geschlagen. Für die "Gewaltstudie 2013 – Gewalt- und Missachtungserfahrungen von Kindern und Jugendlichen heute" wurden von Wissenschaftlern knapp 900 junge Menschen in Berlin, Köln und Dresden befragt. Die Ergebnisse seien somit repräsentativ, hieß es.

Der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerkes "Die Arche", der Berliner Pastor Bernd Siggelkow, berichtete von seinen eigenen Praxiserfahrungen. Demnach habe es in den vergangenen Jahren "eine extreme Zunahme der Gewalt unter Kindern und Jugendlichen" gegeben. Nichtige Anlässe reichten oft aus, um eine Schlägerei anzuzetteln. "Kinder, die immer unterdrückt und gereizt werden, reagieren irgendwann selber nur noch mit Gewalt", warnte Siggelkow.

Gewalt in allen sozialen Schichten

Die Gewalt kommt dabei zwar in allen Schichten vor, deutlich häufiger aber in sozial benachteiligten Milieus. Hier berichtete fast jedes dritte Kind im Alter zwischen sechs und elf Jahren, gelegentlich oder öfter geschlagen worden zu sein. Bei Kindern aus privilegierten Schichten hatten "nur" 22,7 Prozent diese Erfahrung gemacht, in der Mittelschicht waren es 29,3 Prozent.

In bildungsfernen Häusern ist die elterliche Gewalt zudem deutlich heftiger. 17,1 der befragten Kinder aus diesem Milieu gaben an, von Erwachsenen schon einmal so geschlagen worden zu sein, dass sie blaue Flecken davongetragen hätten. Bei den privilegiert aufwachsenden Kindern waren es nur 1,4 Prozent – in der Mittelschicht 6,6 Prozent.

Weniger Unterschiede stellten die Forscher bei Jugendlichen fest: Hier hatten 22,1 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen aus sozial schwachen Haushalten, aber immerhin auch noch 17,9 Prozent der Gleichaltrigen aus Besserverdienerfamilien Gewalterfahrungen gemacht. Am seltensten erlebten Heranwachsende aus Mittelschichtsfamilien Gewalt durch Erwachsene (12,9 Prozent).

Gefühl, nutzlos zu sein

Für die Studie befragten Forscher der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung rund 900 Kinder und Jugendliche in sogenannten Face-to-Face-Interviews. Ihre Eltern bekamen Fragebögen. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Diskrepanz zwischen der von den Kindern und Jugendlichen berichteten Gewalt und den Angaben der Eltern in privilegierten Haushalten deutlich größer war als bei bildungsfernen Familien.

Bei nonverbaler Gewalt sind Kinder aus sozial schwachen Familien hingegen häufiger betroffen. Knapp 30 Prozent gaben an, Erwachsene hätten ihnen schon einmal das Gefühl gegeben, "dumm" und "nutzlos" zu sein – im Vergleich zu 28 Prozent aus durchschnittlichen Haushalten und rund 22 Prozent aus privilegierten Haushalten.

Problematisch ist nach Angaben des Leiters der Studie, Holger Ziegler, dass viele Kinder die Schule nicht als Korrektiv unfairer Behandlung erleben, sondern als Verstärker. Dass die Klassenlehrer bestimmte Schüler besser als andere behandeln, sagten 44,6 Prozent der befragten Kinder mit prekärem Hintergrund, aber nur ein Drittel der Kinder aus Mittelschichtsfamilien. Bei den Privilegierten waren es 22,6 Prozent.

Vier Gruppen von Kindern unterscheidet Ziegler in seiner Studie: Die "Behüteten" (55 Prozent) wachsen gewaltfrei auf, üben keine oder geringe Gewalt aus und fühlen sich wohl in ihrem Leben. Die "Extremen" (7 Prozent) erfüllen alle Klischees: Sie haben massive Gewalt erlebt, die sie auch selbst ausüben. Am meisten gefährdet sind die "stillen Opfer" (22 Prozent), die häufig Gewalt erfahren, selbst aber nicht gewalttätig sind. Obwohl sie bemüht sind, sich sehr angepasst zu verhalten, erleben sie kaum Unterstützung in der Schule.

Am überraschendsten aber ist die Gruppe der "Piesacker": Sie machen rund 16 Prozent der Befragten aus, sind hauptsächlich Jungen und stammen aus privilegierten Verhältnissen. Obwohl sie die Beziehung zu ihren Eltern selbst als gut beschrieben, übten diese Kinder und Heranwachsenden überdurchschnittlich häufig selbst Gewalt aus. "Das sind Familien, in denen nur scheinbar alles in Ordnung ist", sagte Ex-"Super Nanny" Katharina Saalfrank, Schirmherrin der Bepanthen-Kinderförderung, bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Hinter der scheinbar heilen Fassade würden aber auch diese Kinder Gewalt und Missachtung erleben.

Gefahr der Überforderung

Alex Jacob, Sprecherin des Kinderschutzbundes Berlin, sieht vor allem in der Überforderung der Familien eine Gefahr. "Natürlich gibt es ganz viele arme Familien, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmern. Aber die Gefahr der Überforderung ist eben deutlich größer, wenn viele Probleme, auch finanzielle, zusammenkommen."

Deshalb sei es wichtig, dass arme Familien unkomplizierte Hilfsangebote erhalten. Finanzielle Unterstützung dürfe nicht mit bürokratischen Hürden wie das Bildungs- und Teilhabepaket verbunden werden. Zudem würden Eltern mehr Beratungsangebote in Erziehungsfragen benötigen. "Leider ist die Auffassung, dass ein Klaps noch nie geschadet hat, in allen sozialen Schichten noch relativ weit verbreitet", sagt Jacob. Dabei schade Gewalt immer und nütze überhaupt nichts, wenn es darum geht, Erziehungsprobleme zu lösen.

Die Berliner Senatsjugendverwaltung weist anlässlich der Studie auf die Kinderschutz-Hotline hin. "Die betroffenen Kinder können sich nicht selbst helfen, deshalb ist es wichtig, dass auch Nachbarn, Freunde oder Bekannte wachsam sind", sagt Ilja Koschembar, Sprecher der Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD).

An die Berliner Telefonnummer 61 00 66 kann man sich anonym rund um die Uhr wenden, wenn man Hinweise auf Vernachlässigung, körperliche oder seelische Gewalt bei Kindern und Jugendlichen hat. Diese Beratung wird auch in Türkisch, Russisch und Arabisch angeboten. Eine Erziehungsberatung soll es künftig verstärkt in den 24 Familienzentren der Berliner Bezirke geben.

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