Doktorarbeit

Schavan will sich Vorwürfe „nicht bieten lassen”

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Robin Alexander

Bildungsministerin Schavan muss um ihren Doktortitel und ihre Karriere bangen. Ein Gutachter wirft ihr bewusste Täuschung vor.

Bisher kamen die Vorwürfe, die vor mehr als 30 Jahren verfasste Dissertation der Bundesbildungsministerin Annette Schavan sei ein Plagiat, von einem unter Pseudonym publizierenden Blogger aus dem Internet.

Die CDU-Politikerin bat deshalb ihre alte Universität in Düsseldorf, die Arbeit formal zu prüfen. Dies wollen die dort zuständigen Gremien dem Vernehmen nach in dieser Woche tun – auf Grundlage eines Gutachtens, das der Vorsitzende des dortigen Promotionsausschusses, Stefan Rohrbacher, verfasste. Doch der 75-seitige Text, den der Professor für Jüdische Studien nach wochenlangen Recherchen verfasste, kursiert bereits. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ zitiert in seiner aktuellen Ausgabe aus dem für Schavan katastrophalen Fazit des Gutachtens.

Denn darin heißt es: „Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbilds, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren.“ Für eine „erhebliche Zahl von Befundstellen“ weise die Arbeit „das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise“ auf. Hat Schavan also abgeschrieben und betrogen? 351 Seiten umfasst ihre Doktorarbeit, davon fand der Gutachter auf 60 Seiten Textstellen, die er beanstandete.

Karriere gefährdet

Schließen sich die weiteren Mitglieder des Promotionsausschusses und der anschließend befasste Fakultätsausschuss diesem Urteil an, würde Schavan ihren Doktortitel wohl verlieren. In diesem Fall könnte sie sicher auch nicht Bildungsministerin bleiben. Eine lange politische Karriere läge in Trümmern.

Noch ist es freilich nicht so weit. Schavan hatte in den vergangenen Wochen bei vielen Gelegenheiten den Eindruck erweckt, sie sähe der von ihr initiierten Untersuchung ihrer Dissertation nicht mit Sorge entgegen. Am Sonntag äußerte sie sich dann verstört: „Es trifft mich. Es trifft mich im Kern. Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“. „Ich habe sorgfältig gearbeitet. Hier und da hätte man auch noch sorgfältiger formulieren können. Heute merke ich zum Beispiel, dass ich damals bei Freud noch ziemlich verdruckst war.“

Schavans Dissertation trägt den Titel „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeiten und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“. Das Gutachten wirft ihr vor, sich in Passagen, die sich auf Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, beziehen, auf Sekundärtexte statt auf die Originale verlassen zu haben.

Täuschungsabsicht zurückgewiesen

Die Bildungsministerin verwahrte sich freilich gegen die Schlussfolgerungen des Gutachtens: „Die Unterstellung einer Täuschungsabsicht weise ich entschieden zurück.“ Die Universität Düsseldorf versuchte den Eindruck einer Vorverurteilung zu umgehen: „Die zuständigen Organe und Gremien haben zu keiner Zeit öffentliche Stellungnahmen abgegeben oder sich an Spekulationen beteiligt und werden es auch weiterhin nicht tun.“

In der Affäre „bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu wehren. Das heißt, ich werde zu den Vorwürfen gegenüber der Universität Stellung beziehen“, sagte Schavan der „Südwest Presse“ und fügte hinzu: „Ich lasse mir das nicht bieten“. Sie beteuerte: „Ich habe keine Quelle bewusst falsch angegeben.“

Der Parlamentarische Geschäftsführer der sozialdemokratischen Fraktion im Bundestag, Thomas Oppermann, enthielt sich einer eigenen Wertung und sprach lediglich von einem „schwerwiegenden Vorwurf“. Oppermann fügte allerdings hinzu, Schavan solle sich schnell erklären.

Damit will Oppermann die Ministerin wohl abhalten, auf Zeit zu spielen. In einer ersten Reaktion am Freitagabend hatte sie erklärt: „Die erhobenen Vorwürfe treffen mich tief und schmerzen mich sehr; soweit die Fakultät mir Gelegenheit dazu gibt, werde ich nach sorgfältiger Prüfung dazu Stellung nehmen.“ Ob sie – falls die Universitätsgremien sich dem Gutachten anschließen – eine weitere Frist bekommt, erscheint freilich fraglich.

Die Vorsitzende des Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), formulierte eine erste Rücktrittsforderung nur konditioniert: Die Ministerin müsse eine „faire Chance“ bekommen, sich zu den Vorwürfen zu äußern. „Wenn sich die Vorwürfe allerdings bewahrheiten, dann muss sie zurücktreten.“

Schavan ist seit 2005 Bildungsministerin und war vorher Kultusministerin in Baden-Württemberg. Die stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU gilt als enge Vertraute von Angela Merkel. Im bisher berühmtesten Plagiatsfall der Republik spielte sie eine Rolle. Ihre Interviewäußerung: „Ich schäme mich nicht nur heimlich“, trug nach Einschätzung von Beobachtern zum Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei.

Mit dpa