Untersuchung

„Schavanplag“ findet in Schavans Arbeit 92 heikle Stellen

| Lesedauer: 5 Minuten
Manuel Bewarder

Auf fast 100 von 325 Seiten ihrer Doktorarbeit soll die Bundesministerin Textstellen nicht ausreichend gekennzeichnet haben.

Während die Universität Düsseldorf die Doktorarbeit von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) weiterhin prüft, hat der anonyme Plagiatsjäger seine Suche nach Fehlern bei der Übernahme am Dienstag abgeschlossen.

Auf der Internetseite „schavanplag“ dokumentiert der Plagiatsjäger, der sich „Robert Schmidt“ nennt, nun auf 92 Seiten der Arbeit Textstellen, die er als Plagiat kennzeichnet. „Ich halte die Verstöße in etlichen Fällen für nicht entschuldbar“, erklärte Schmidt zum Abschluss seiner Untersuchung. „Meines Erachtens liegt eine Täuschung vor.“

Schavan sieht sich seit dem Frühjahr dem Verdacht ausgesetzt, sie habe in ihrer Doktorarbeit Textstellen nicht ausreichend gekennzeichnet. Für die CDU-Politikerin als Bundesministerin für Bildung und Forschung ist der Vorwurf besonders heikel, da er an ihrer Glaubwürdigkeit kratzen könnte, wenn er sich erhärtet. Sogar manche CDU-Mitglieder forderten ihren Rücktritt. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Universität Düsseldorf Mängel an der Arbeit feststellt, vielleicht sogar den Doktortitel entzieht.

Untersuchung läuft weiter

Die Untersuchung der Hochschule, an der Schavan im Jahr 1980 promovierte, läuft weiter. Bei der Bewertung der Funde kommt es auch darauf an, wie allgemein oder originell bereits die von Schavan übernommenen Quellen waren. Zudem berücksichtigen viele Plagiatsprüfungen eine nicht genau festgesetzte Toleranzschwelle.

Ein Sprecher der Uni Düsseldorf dementierte einen Bericht, wonach die Untersuchung noch Monate dauern würde. Zu Details über einen möglichen Zeitplan wollte er sich jedoch nicht äußern. „Das Verfahren läuft“, sagte er. Unklar ist auch, ob Schavan gegenüber der Universität Stellung zu den Vorwürfen beziehen wird. „Es obliegt dem Promotionsausschuss, ob Frau Schavan angehört wird“, sagte der Sprecher.

Schavan hat zuletzt wiederholt gesagt, sie warte das Ergebnis der Prüfung ab, aber gleichzeitig auch früh die Bereitschaft signalisiert, vor dem Ausschuss auszusagen. Sie habe die Dissertation „damals sehr genau bearbeitet“ und nach „bestem Wissen und Gewissen“ angefertigt. Zudem lassen sich mit jemandem, der seine Anschuldigungen aus der Anonymität heraus vorbringe, schlecht sprechen, hatte sie nach Aufkommen der Vorwürfe klargestellt, aber dann früh signalisiert, sich bis zum Abschluss der Untersuchungen zu dem Thema nicht mehr öffentlich äußern zu wollen.

Vorwürfe weit weniger schwerwiegend

Die Diskussion über Schavans Dissertation erinnert an den Plagiatsfall Karl-Theodor zu Guttenbergs. Dieser trat 2011 von seinem Amt als Bundesverteidigungsminister zurück, nachdem in seiner Doktorarbeit auf vielen Seiten Plagiate entdeckt wurden.

Bei Schavan liegt der Fall nach allem, was bisher bekannt ist, allerdings grundlegend anders: Die Vorwürfe sind nämlich weit weniger schwerwiegend. Meist geht es um eine sogenannte Verschleierung. Das bedeutet, dass Schavan so getan hat, als habe sie die entsprechende Primärliteratur gelesen. Stattdessen zitiert sie jedoch umfangreich die Sekundärliteratur.

Plagiatsjäger „Robert Schmidt“ will anders als die meisten Mitstreiter aus dem Umfeld der Analyseplattform VroniPlag anonym bleiben. Dadurch kann man seinen Motiven für die zeitaufwendige Textanalyse der Arbeit der Ministerin nicht nachgehen. Seine vorliegenden und auf der Internetseite veröffentlichten Textvergleiche müssen also für sich sprechen.

Plagiatsjäger, die schon mit ihm Texte analysiert haben, sprechen von einem „hervorragenden Niveau“ seiner Arbeit. Die Fragen von Journalisten beantwortet Schmidt jedoch nur schriftlich. Als Beweggrund für die Untersuchung von Schavans Dissertation nennt er: „Nachdem ich bei einigen Kabinettskollegen von ihr nichts gefunden hatte, habe ich mir sozusagen sicherheitshalber mal ihre Dissertation angeschaut, obwohl ich nicht ernsthaft mit Funden gerechnet hatte.“

Umfangreichstes Plagiat auf Seite 312

Um den Jahreswechsel 2011/2012 wurde er erstmals fündig. Zusammen mit anderen Aktivisten von VroniPlag nahm er die Arbeit auseinander. Nach mehreren fragwürdigen Stellen diskutierte man, ob das Ergebnis auf der Internetseite veröffentlicht werden soll. Die Mehrheit lehnte dies ab, zu vage schien der Verdacht der Täuschung. Deshalb entschloss sich Schmidt zum Alleingang.

„Das geht deutlich über gelegentliche Fehler hinaus, die man durch Ungeschicklichkeit oder Schludrigkeit erklären könnte“, schreibt Schmidt über Schavans Zitatangaben.

Das umfangreichste Plagiat sei eine Übernahme auf Seite 312, bei der sie abgewandelt mehr als eine komplette Seite eines fremden Autors inklusive Literaturangaben übernehme, diesen aber nur einmal erwähne. Sie habe eine in diesem Fall sogar „fehlerhafte Rechercheleistung anderer als eigene ausgegeben – ganz offenbar stillschweigend voraussetzend, dass das schon so stimmen werde“. Auch Schmidt setzt große Hoffnungen auf die Prüfungskommission in Düsseldorf. Anders als Schavan erwartet er aber eine Bestätigung seiner Vorwürfe: „Anscheinend überprüft man die Arbeit dort sehr gründlich“, erklärte Schmidt. „Ich würde mich freuen, wenn der Promotionsausschuss auch die Möglichkeit weiterer nicht genannter Plagiatsquellen in Betracht zieht.“

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