Eine Anekdote erzählt Peer Steinbrück besonders gern, kaum dass er zu einem Vortrag ans Rednerpult getreten ist. Sie handelt von der langatmigen Rede eines Politikers, der eine hohe „Affinität zum Mikrofon besitzt“. Nach 45 Minuten verschwinden die ersten Gäste aus dem Saal, nach einer weiteren Viertelstunde leert sich der Raum zusehends, bis irgendwann nur noch ein Mann zuhört. „Warum sitzen Sie da noch immer?“, fragt der Politiker den verbliebenen Mann im Auditorium – und der antwortet sogleich: „Ich bin derjenige, der nach Ihnen reden soll.“
Peer Steinbrück hat diese Posse in den vergangenen Jahren oft erzählt. Steinbrück nämlich hielt viele, viele Reden. Im Plenum des Bundestages indes sprach der einfache Abgeordnete Steinbrück in dieser Legislaturperiode, also seit Ende 2009, gerade einmal vier Mal. Umso öfter trat er auf Einladung von Banken und Unternehmen auf, wohl stets für ein erkleckliches Honorar.
Ob vor der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, der Bausparkasse Schwäbisch Hall, vor Deutscher Bank, Dortmunder Volksbank oder bei den Union Investment Privatfonds – der Bundesminister der Finanzen a. D. war stets ein gefragter Redner. Allein im Jahr 2010 hielt Steinbrück nach eigenen Angaben 41 Vorträge, für die er jeweils über 7000 Euro erhielt. Für das Jahr 2011 verweist er auf 29 Nebentätigkeiten oberhalb dieser Summe.
Niemand wirft ihm vor, illegal gehandelt zu haben
7000 Euro, das ist der magische Betrag, ab der die „Kategorie drei“ greift. Bundestagsabgeordnete müssen gemäß den Verhaltensregeln des Parlamentes ihre Nebentätigkeiten offenlegen und sie entsprechend eingruppieren. So ist es parlamentarische Praxis seit einigen Jahren. Steinbrück hat das stets getan, die zahlreichen Nebenjobs sind auf seiner Homepage im Internetangebot des Bundestages aufgelistet.
Niemand wirft ihm vor, illegal gehandelt zu haben. Steinbrück aber profitierte bislang von der nur beschränkten Transparenz, wie sie von den Abgeordneten eingefordert wird. Die Parlamentarier müssen nämlich die genaue Summe ihrer Nebeneinkommen – Honorare, Aufsichtratsvergütungen oder was auch immer – nicht angeben.
Nun kündigt Steinbrück in der „Bild“-Zeitung an, alle Vorträge noch einmal zu prüfen. Er werde Auftraggeber, Ort und Thema jedes einzelnen Vortrages offenlegen und „das durchschnittliche Honorar der bezahlten Vorträge vor und nach Steuern in den Jahren 2009 bis 2012 veröffentlichen“. Täte er das, ginge er weit über die ihm auferlegten Regeln hinaus.
Nach einer durchdachten, geschweige denn geplanten Strategie aber sieht Steinbrücks Agieren nicht aus. Dabei fiel in der SPD, wurde in den vergangenen Monaten über seine mögliche Kanzlerkandidaten gesprochen, stets das Stichwort „Vorträge“. Die nun laut gewordenen Vorwürfe waren erwartbar. Eine Krisenkommunikation aber wurde vorab offenkundig nicht entworfen.
Steinbrück fehlt das professionelle Umfeld
Das hängt mit zweierlei zusammen. Zum einen hatte Steinbrück wohl die Vorwürfe in diesem Maße nicht erwartet, zum anderen fehlt ihm nach der Sturzgeburt seiner Kandidatur vor gut einer Woche noch immer ein professionelles Umfeld. Der Kanzlerkandidat hat bislang weder einen operativen Wahlkampfleiter benannt, noch hat er einen Büroleiter beziehungsweise einen Pressesprecher berufen.
Bisher managt Tobias Dünow, der Sprecher von SPD-Chef Sigmar Gabriel, die Presseaktivitäten Steinbrücks. Erst zum Montag haben Gabriel und Generalsektretärin Andrea Nahles zu einer Mitarbeiterversammlung im Willy-Brandt-Haus geladen. Womöglich werden hier erste Personalien verkündet. Als unwahrscheinlich gilt, dass die früheren Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig oder Kajo Wasserhövel zurück in die SPD-Zentrale kommen. Beide hatten die Bundestagswahlkämpfe 1998 und 2002 organisiert, Wasserhövel war außerdem für den (unglücklichen) Wahlkampf 2009 verantwortlich.
Der Umgang Steinbrücks mit seinen Vorträgen stößt auch in der SPD nicht nur auf Begeisterung. Fragen werden aber nur hinter vorgehaltener Hand gestellt. Durch das nicht vorhandene persönliche, professionelle Umfeld in der Parteizentrale muss Steinbrück noch improvisieren. Darüber hinaus gilt Steinbrück als ein Mann, der bisher keine Notwendigkeit sah, zu seinen Nebentätigkeiten mehr als offiziell verlangt zu veröffentlichen. Wenn Steinbrück von einer Sache überzeugt ist, dann fällt es auch ihm nahestehenden Menschen schwer, ihn von einer gegenteiligen Auffassung zu überzeugen.
Erfolgreiche Bücher
Wie aber war es überhaupt zu den vielen Vorträgen des Abgeordneten Steinbrück gekommen? Ende 2009 war er aus seinem Amt als Bundesfinanzminister geschieden. Als Staatssekretär und Minister, zunächst in Schleswig-Holstein, dann in NRW, als Ministerpräsident und Bundesfinanzminister waren Steinbrück bezahlte Nebentätigkeiten untersagt.
Kaum aber war er nur noch Abgeordneter, da fühlte er sich in jeder Hinsicht als freier Mann. Gern ließ er sich einladen, gern nahm er Vortragshonorare entgegen. Er legte sein Amt als SPD-Vize nieder, war fortan Parlamentarier ohne jede Funktion.
Viele rechneten mit seinem baldigen Wechsel in die freie Wirtschaft. Steinbrück aber behielt sein Mandat, und er begann ein Buch zu schreiben, das im Herbst 2010 erschien und sich sensationell gut verkaufte. Bei allen noblen Honoraren aus der Banken- und Unternehmenswelt: Einiges spricht für die Annahme, dass der Verlag Hoffmann und Campe das üppigste Honorar überwiesen hat. Sein gemeinsames Buch mit Helmut Schmidt („Zug um Zug“) wurde ebenfalls ein Bestseller.


