Gauck in Rostock

„Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden”

20 Jahre nach den ausländerfeindlichen Krawallen in Rostock fordert Bundespräsident Joachim Gauck eine „wehrhafte Demokratie”.

Foto: DAPD

20 Jahre nach den ausländerfeindlichen Krawallen von Rostock-Lichtenhagen haben am Wochenende mehrere Tausende Menschen für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit demonstriert. Die Veranstalter sprachen von einem machtvollen Eintreten gegen das Vergessen und gegen Ausgrenzung. Aus Berlin war Bundespräsident Joachim Gauck angereist.

Die Ausschreitungen von damals seien „bis heute für Rostock ein Brandmal“, sagte Gauck am Sonntag bei der zentralen Gedenkkundgebung vor dem Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen. Er mahnte, nicht zu vergessen und wachsamer denn je zu sein. Zudem müsse sich der Staat gegen Angriffe auf grundlegende Werte des Zusammenlebens zur Wehr setzen. „Demokratie muss wehrhaft sein und darf sich das Gewaltmonopol nicht aus der Hand nehmen lassen“, sagte er. Die Demokratie brauche beides: mutige Bürger, die nicht wegschauen, aber vor allem auch einen Staat, der fähig ist, Würde und Leben zu schützen, forderte Gauck. „Unser Land ist ein Einwanderungsland geworden“, sagte er.

Im Sommer 1992 hatten in der Plattenbau-Vorstadt rechte Randalierer tagelang ein überfülltes Asylbewerberheim belagert und schließlich unter dem Applaus von Anwohnern Brandsätze auf das dort ebenfalls untergebrachte Ausländerwohnheim geworfen. Zu der Eskalation hatten auch ein völlig unzureichendes Polizeiaufgebot und eine überforderte Polizeiführung beigetragen. Die Ereignisse zählen zu den schlimmsten fremdenfeindlichen Übergriffen der deutschen Nachkriegsgeschichte und hatten weltweit für Entsetzen gesorgt.

Ein Schock, der Deutschland veränderte

„An den furchtbaren Ereignissen am „Sonnenblumenhaus“ im August 1992, an diesen beschämenden Bildern, die um die Welt gegangen sind, gibt es nichts zu beschönigen, nichts zu rechtfertigen, nichts zu relativieren“, betonte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Lichtenhagen sei ein Schock gewesen, der Deutschland aber auch verändert habe. „Wir sind aufmerksamer geworden.“ Überall seien Bürgerinitiativen entstanden, die sich mit Kreativität und Vielfalt „der dumpfen Borniertheit der Rechtsextremen“ entgegenstellten.

Gauck, dessen Rede kurzzeitig von Zwischenrufen wie „Heuchler“ durch Linksautonome gestört wurde, betonte, dass Rechtsextremisten heute eine breite Front gegenüberstehe: „Wir versprechen euch, wir fürchten euch nicht. Wo ihr auftretet, werden wir euch im Wege stehen. Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände.“ Der von ihnen verbreitete Hass dürfe als Mittel der Konfliktlösung niemals geduldet werden. „Wenn Hass entsteht, wird nichts besser, aber alles schlimmer“, sagte Gauck. „Es erzürnt mich, dass hier gewalttätige Jugendliche ihrem Hass freien Lauf lassen konnten“, sagte er weiter. „Mich erzürnt aber auch die klammheimliche Freude vieler Anwohner.“

Nach Schätzungen der Polizei, die nach eigenen Angaben rund 1500 Beamte aus mehreren Bundesländern im Einsatz hatte, beteiligten sich bis Sonntagnachmittag insgesamt etwa 7000 Menschen an den Kundgebungen, Demonstrationen und Musikveranstaltungen in Rostock. Zu nennenswerten Zwischenfällen sei es nicht gekommen, hieß es. Die Veranstalter gingen von einer größeren Teilnehmerzahl aus.

Baum soll an die Ausschreitungen erinnern

Die größte Aktion hatte es am Sonnabend gegeben, als laut Polizei knapp 5000 Menschen friedlich zum Sonnenblumenhaus, dem damaligen Schauplatz der schweren Ausschreitungen, zogen. Die aus vielen Teilen Deutschlands angereisten Teilnehmer forderten Toleranz, Mitmenschlichkeit und Änderungen an der Asylgesetzgebung in Deutschland. Zuvor war am Rathaus der Hansestadt eine Gedenkplakette angebracht worden, die allerdings umstritten ist, weil der Text nach Ansicht von Kritikern eine direkte Linie zwischen den Verbrechen der Nazis in Auschwitz und den Krawallen in Lichtenhagen zieht.

Am Sonntagmittag wurde vor dem Sonnenblumenhaus ein Baum gepflanzt, der an die Ausschreitungen dort erinnern soll. Die Aktion war von der Stadt initiiert worden, wegen der Auswahl einer Eiche aber ebenfalls umstritten. Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos), der selbst zum Spaten griff, verteidigte die Wahl: „Wir haben uns vom Symbol der Friedenseiche inspirieren lassen. Zudem ist die Eiche einer der langlebigsten Bäume und steht somit für Beständigkeit. Beständigkeit, die auch unser Bemühen um ein friedliches Miteinander der Menschen bestimmt, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft“, betonte der Kommunalpolitiker.