Reform

Nur wenige schaffen es aus eigener Kraft aus Hartz IV

Jedes dritte Kind in der Hauptstadt lebt in einem Hartz-IV-Haushalt. Diese zwei Berlinerinnen haben es aus eigener Kraft herausgeschafft.

Foto: Reto Klar

Jeanette Borchert und Jaqueline Steinmetz sind zwei absolute Ausnahmen. Die beiden Frauen, 40 und 25 Jahre alt, wuchsen in Armut auf, in der sogenannten „bildungsfernen Schicht“. Sie brachen die Schule ab und lebten, genauso wie ihre Eltern, von staatlichen Transferleistungen. Das ist jetzt Vergangenheit. Die beiden haben es geschafft, aus eigener Kraft. Sie haben eine feste Anstellung, beide leben jetzt von ihrem eigenen Einkommen. Die Frauen haben den Kreislauf, bei dem sich die Armut durch Sozialisation von Generation zu Generation weitervererbt, durchbrochen. Vor ein paar Jahren hätten sie das selbst nicht für möglich gehalten.

Jeanette Borchert und Jaqueline Steinmetz gehörten zu den knapp 16 Prozent in Deutschland, die in der offiziellen Bevölkerungsstatistik als armutsbedroht gelten. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs leben aktuell acht Millionen Menschen in Deutschland von Arbeitslosengeld II. In Berlin leben sogar gut ein Fünftel der Menschen, die mit unter 65 Jahren eigentlich im arbeitsfähigen Alter sind, von Hartz IV. Die meisten Hartz IV-Empfänger wohnen laut Statistischem Landesamt in den Bezirken Neukölln und Mitte, die wenigsten in Steglitz-Zehlendorf. Jedes dritte Kind in Berlin lebt in einem Hartz IV-Haushalt.

Nicht jeder hat die Kraft, sich wie Jeanette Borchert und Jaqueline Steinmetz aus der eigenen, scheinbar ausweglosen Situation zu lösen. Im Gegenteil: Nach Ansicht des Sozialverbands Deutschland (SoVD) werden Lebensläufe wie die der beiden Frauen die absolute Ausnahme bleiben. Der SoVD warnte am Donnerstag in Berlin vor einer „tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise“. Verbandspräsident Adolf Bauer prangerte die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich an. Schließlich wachse auch die Zahl der Einkommens- und Vermögensmillionäre. Es sei eine soziale Schieflage, „wenn ein Prozent der Bevölkerung mehr Vermögen besitzt, als die gesamte Staatsverschuldung beträgt“, so Bauer. „Dieser Zustand ist nicht hinnehmbar.“

Der SoVD fordert deshalb umfassende Reformen des Sozialsystems. Dazu gehören eine „angemessene Entlohnung“ und der Ausbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen (mehr als die Hälfte der schwerbehinderten Arbeitslosen lebte von Hartz IV), die Stärkung sozialer Sicherung sowie Chancengleichheit bei Bildung, Wohnen, Gesundheit und Prävention. In dem „Forderungspapier für einen verteilungsgerechten Sozialstaat“ geht es zudem darum, befristete Beschäftigung auf sachliche Gründe zu beschränken und Leiharbeit auf ein „sachgerechtes Maß“ zu begrenzen. Daneben brauche es einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. „Die Menschen haben es verdient.“ Die langjährige SPD-Politikerin und Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer formulierte es drastischer: „Das System Hartz IV hat sich nicht bewährt und gehört abgeschafft.“

Mit 35 die Kurve bekommen

Bauer forderte auch, den Spitzensatz der Einkommensteuer auf 56 Prozent zu erhöhen. Zudem solle die Vermögenssteuer wieder eingeführt und die Erbschaftsteuer reformiert werden, um große Erbschaften stärker zu belasten. Es sei sicher schwierig, für diese Forderungen politische Mehrheiten zu finden, so Bauer. Man werde auf Bündnisse mit anderen sozialen Verbänden und Sozialpolitiker aller Fraktionen setzen.

Jeanette Borchert hat auf sich selbst gesetzt. Fast zwei Jahrzehnte lang hing sie einfach nur herum. Den Hauptschulabschluss schaffte sie noch, eine Ausbildung beendete sie nicht. „Dafür fehlte mir das Durchhaltevermögen“, sagt sie rückblickend. Vermutlich fehlten auch positive Vorbilder und Menschen, die sie auf ihrem Weg bestärkten. Mit 35, sagt sie, bekam sie gerade noch so die Kurve. Trennte sich von ihrem drogensüchtigen Mann, versuchte, ihrer Tochter Jarmila eine bessere Kindheit zu bieten.

Aus Bastel- und Kochnachmittagen mit Nachbarskindern entstand das KiCA Kindercafé im Gemeindezentrum in Wedding, Jeanette Borchert betreute dort drei Stunden die Woche Nachbarskinder. Sie suchte den Kontakt zu Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des Christlichen Kinder- und Jugendwerks „Arche“. „Dabei bin ich überhaupt nicht besonders christlich“, sagt Jeanette Borchert und lacht. Wir brauchen in Wedding eine Arche, habe sie zu ihm gesagt. 2009 verwirklichte sich dieser Traum. Borchert engagierte sich weiter, erst ehrenamtlich, dann als Ein-Euro-Jobberin, seit März 2011 in Vollzeit, als organisatorische Leiterin. „Es ist ein tolles Gefühl, nicht mehr von Hartz IV abhängig zu sein“, findet sie. Und erzählt stolz, dass Tochter Jarmila (11) „sogar aufs Gymnasium“ geht.

Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sind vor allem die Unter-Dreijährigen von Armut bedroht: In Berlin gelten 36,3 Prozent der Kleinkinder als arm (Bundesdurchschnitt: 19,8 Prozent). Statistisch gesehen ist es in Zuwandererfamilien und in kinderreichen Familien am wahrscheinlichsten, dass der Nachwuchs in Armut aufwächst. Doch „Arche“-Sprecher Wolfgang Büscher sagt: „Armut ist kein Migrantenproblem. Armut ist ein Bildungsproblem.“

In den mittlerweile 18 „Arche“-Einrichtungen bundesweit werden bis zu 2500 Kinder am Tag betreut, allein in Berlin sind es um die 1000 Kinder. In der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule in Hellersdorf werden sie auch in Unterrichtspausen von Sozialpädagogen betreut. „Die Praxis zeigt, dass wir in Deutschland mehr Lehrer und Sozialarbeiter brauchen, die sich Zeit für die Kinder nehmen, deren Eltern es nicht schaffen“, so Büscher. Außer einem Mittagessen, Hausaufgabenhilfe und Zuneigung brauchten die Kleinen Vorbilder, jemanden, der ihnen Werte vermittelt. „Die allermeisten, die Hartz IV beziehen, sind verwahrlost in allen Bereichen“, sagt Büscher. Viele Eltern würden eher auf gesunde Lebensmittel verzichten als auf einen Flachbildfernseher. Theater, Kino, Konzerte oder Bücher kennen viele Kinder gar nicht.

Wer Arbeit findet, ist frustriert

Auch Jaqueline Steinmetz kannte diese Dinge kaum. Sie war selbst einmal ein „Arche“-Kind. Dort habe sie Spielkameraden getroffen, aber auch erwachsene Ansprechpartner. „Vorbilder“, sagt sie. Ihre Eltern waren arbeits- und antriebslos, als Älteste von sechs Kindern aber schaffte sie den Absprung. Sie machte den Realschulabschluss nach, dann das Fachabitur. „Ich wollte auf eigenen Beinen stehen“, erinnert sie sich. Den Impuls dafür habe sie im Gespräch mit anderen Erwachsenen bekommen. Gerade hat sie ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin abgeschlossen – und in der „Arche“ einen Arbeitsplatz gefunden.

Jeanette Borchert wrd in diesem Jahr zum ersten Mal mit ihrer Tochter in den Urlaub fahren. Dass sie von ihrem Einkommen leben können wird, mache sie glücklich, sagt sie. Auch damit ist sie eine Ausnahme. Wer irgendwann doch Arbeit findet, ist oft frustriert: Denn oft reicht das Einkommen nicht zum Leben. „Es ist nicht einzusehen, dass jemand Vollzeit arbeitet und trotzdem auf staatliche Unterstützung angewiesen ist“, sagt auch SoVD-Präsident Bauer. Gerade Frauen seien betroffen.

„Es ist wichtig, den Arsch hochzubekommen“, sagt Jeanette Borchert. Sie möchte nun auch anderen helfen. „Ich möchte anderen Kindern Werte vermitteln“, sagt sie. „Einfache Regeln, Rechte und Pflichten, aber auch Dinge wertzuschätzen, sparsam, aber eigenständig zu leben.“ Sie will keine Ausnahme bleiben.