Transplantationen

Göttinger Skandal offenbart Schwächen bei der Organspende

Nach dem Göttinger Skandal stehen die Ärzte unter Druck. Die Hospizstiftung fordert, die Organentnahme und -vergabe zu verstaatlichen.

Die Zahlen werden meist in moralischer Absicht präsentiert. Das geht so: Weil rund 12.000 Menschen in Deutschland auf eine Leber oder Niere warten, aber wegen geringer Spendebereitschaft in der Bevölkerung jährlich nur 4000 Patienten mit einer Transplantation geholfen werden kann, sollten sich bitte mehr Menschen zur Organspende bereit erklären. Jetzt besteht Anlass, das Missverhältnis von geringem Angebot und großer Nachfrage auch kriminalistisch zu betrachten. Man kann fragen: Verleitet der Nachfragedruck bei den Spendebedürftigen dazu, hier und da zu manipulieren, damit einzelne Patienten schneller als vorgesehen die Organe bekommen?

Der Anlass zu dieser Frage findet sich an der Uniklinik Göttingen. Dort soll ein Oberarzt Krankendaten gefälscht haben, damit seine Patienten beim Empfang einer Spenderleber bevorzugt wurden. Der Fall sei „unglaublich“, sagte der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer, Hans Lilie. „Diese Form des Betrugs hat es in den letzten 25 Jahre noch nie gegeben“, sagte Eckardt Nagel, Medizinethiker und Transplantationsmediziner der Universitätsklinik in Essen. Nagel hat SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier bei dessen Nierenspende an Steinmeiers Ehefrau beraten.

In mindestens 25 Fällen soll der Arzt falsche Angaben zum Gesundheitszustand der Patienten gemacht haben, damit diese als besonders krank erschienen, dadurch auf der Warteliste für Transplantationen nach oben rutschten und schneller Hilfe bekamen. Laut der „Süddeutschen Zeitung“ sollen in Göttingen Leberkranken auch noch Nierenprobleme angedichtet worden sein, was eine Transplantation als dringlicher habe erscheinen lassen.

Verdacht der Bestechlichkeit

Der Oberarzt, von dem sich die Klinik getrennt hat, bestritt alle Vorwürfe. Doch zeigte sich der Vorstand des Uniklinikums erschüttert und rätselt über die Hintergründe. Geld könnte eine Rolle gespielt haben, sagte Vorstandsmitglied Martin Siess. Möglicherweise habe der Mediziner Helfer gehabt. „Es ist unwahrscheinlich, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt war“, sagte Siess. Für eine Einzeltäterschaft seien Zahl und Umfang der Manipulationen zu groß gewesen. Gegen den 45 Jahre alten Arzt ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Von der Behörde wird geprüft, ob der Arzt in einem Fall von einem russischen Patienten Geld dafür erhielt, dass diesem in Göttingen schneller eine Spenderleber implantiert wurde.

Überrascht wurde die Staatsanwaltschaft von der Nachricht, dass sich die Prüfkommission der Bundesärztekammer und die Deutsche Transplantationsgesellschaft seit einer Woche auch noch mit gut 20 weiteren Verdachtsfällen rund um diesen Arzt befassen. Wie Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe Morgenpost Online sagte, will seine Behörde jetzt ihre Ermittlungen ausweiten. Neben dem Vorwurf der Bestechlichkeit gehe es auch um den Verdacht der Urkundenfälschung. Die Prüfung auf einen Anfangsverdacht auf Körperverletzung oder Tötungsdelikte sei ebenfalls „mit im Topf“, sagte Ziehe. Denkbar ist ja, dass in Deutschland einige andere Patienten starben, weil sie nicht jene Organe bekamen, die sie laut Warteliste eigentlich bekommen sollten, die dann aber an die Göttinger Patienten mit gefälschten Befunden gingen.

Pfusch beim sensibelsten Punkt

Sollte sich der Verdacht gegen den Arzt bestätigen, so wäre in Göttingen beim sensibelsten Punkt des Organspende-Systems gepfuscht worden, beim Verhältnis zwischen dem bedürftigen Patienten und seinem Arzt. Es ist ja der Arzt in seiner Vertrauensposition, der genau prüfen muss, wie krank der Patient ist. Hier steht der Arzt in persönlicher Verantwortung, während alles andere im System weitgehend standardisiert abläuft. Hat nämlich der Arzt seinen Befund erhoben, so teilt er den der internationalen Vermittlungsstelle Eurotransplant mit, die nach einem detaillierten Kriterienkatalog festlegt, an welche Patienten in den acht Mitgliedstaaten die jeweils verfügbaren Organe vergeben werden und welchen Wartelisten-Platz jeder Einzelne erhält. Voraussetzung ist, dass bei den Diagnosen durch die Ärzte alles mit rechten Dingen zugeht.

Diese Mediziner stehen unter großem Druck. Auch wenn sie unbestechlich sind, sehen sie sich tagtäglich mit den Leiden und Wünschen ihrer Patienten konfrontiert. Zudem haben ihre Arbeitgeber, die Kliniken mit den teuren Transplantationszentren, ein großes Interesse daran, dass die Apparate und das kostspielige Personal ausgelastet sind – dass also dort auch viel transplantiert wird.

Weil solcher Druck und entsprechende Verlockungen bestehen, plädiert Lilie dafür, einen zweiten, neutralen Arzt die Patienten-Daten überprüfen zu lassen. Er verfolge „die Idee, dass ein Laborarzt die Daten, die Eurotransplant geschickt werden, noch einmal prüfen sollte“, sagte Lilie Morgenpost Online. Bei diesem Vier-Augen-Prinzip wäre jener Laborarzt „ein Zeuge für die Richtigkeit dieser Daten“. Lilie pocht dabei auf die Neutralität des zweiten Arztes. „Er käme selbstverständlich nicht aus dem Umfeld des zuständigen Transplantationsmediziners, sondern wäre unabhängig und hätte daher auch kein Interesse an einer Verfälschung.“

Bisher wird in der Regel die Arzt-Diagnose nur innerhalb des jeweiligen Transplantationszentrums überprüft, an dem auch der „erste“ Arzt arbeitet. Grundsätzliche Kontrolldefizite im deutschen Organspendesystem sieht hingegen die Deutsch Hospiz-Stiftung. „Gegen diejenigen, die das System missbrauchen wollen, muss man starke staatliche Kontrollinstanzen schaffen“, sagte der Geschäftsführende Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung, Eugen Brysch. Statt wie bisher das System allein der Selbstverwaltung der Ärzte zu überlassen, gehöre „die Verantwortung für die Organentnahme und Organvergabe in staatliche Hand“.

Mitarbeit: fert /phn