Transplantationen

Oberarzt bevorzugte eigene Patienten bei Spenderlebern

Ein Universitätsarzt soll im großen Stil Krankendaten gefälscht haben, damit die eigenen Patienten bei Spenderlebern bevorzugt werden.

Im Transplantationsskandal an der Göttinger Universitätsklinik gibt es weitere Verdachtsfälle. Das bestätigte am Freitag ein Sprecher der Universitätsmedizin in Göttingen. Zugleich gebe es neue Vorwürfe gegen den ehemaligen Transplantationschirurgen der Uniklink. Die Staatsanwaltschaft sei über die neuen Fälle informiert. Seitens der Universitätsmedizin sei eine externe Gutachterkommission einberufen worden. Man stehe in der Angelegenheit in engem Austausch mit der Bundesärztekammer, hieß es.

In der Affäre war möglicherweise nicht nur ein ehemaliger Oberarzt beteiligt. Es sei unwahrscheinlich, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt war, durch die Patienten Lebern bekommen haben, obwohl sie nicht an der Spitze der Warteliste standen. Dies sagte das Vorstandsmitglied der Uniklinik, Martin Siess, am Freitag. Dazu seien Zahl und Umfang der Manipulationen zu groß gewesen. Das Motiv sei weiterhin unklar.

Am Universitätsklinikum Göttingen wurden einem Bericht zufolge offenbar in großem Stil Organe verschoben. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ am Freitag berichtete, wurden in dem Klinikum Krankenakten gefälscht, um ausgewählten Patienten bevorzugt eine Spenderleber zu verschaffen. Der Fall eines russischen Patienten, dem ein Oberarzt eine Spenderleber besorgt haben soll, obwohl er in Deutschland keinen Anspruch darauf hatte, war bereits im Juni bekannt geworden. Nach „SZ“-Informationen geht es nun allerdings um insgesamt mindestens 25 Fälle.

Laut dem Bericht haben die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben, dass jeweils Dialyseprotokolle gefälscht oder frei erfunden und Laborwerte manipuliert wurden. Auf diese Weise seien die Patienten auf dem Papier kränker erschienen, als sie in Wirklichkeit waren. Sie bekamen deshalb schneller eine Spenderleber von der internationalen Vermittlungsstelle Eurotransplant zugeteilt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt demnach bisher gegen einen Oberarzt.

Der Transplantationsskandal war laut „SZ“ Thema einer Sitzung der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) am vergangenen Montag in Berlin. Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer (BÄK), der Strafrechtler Hans Lilie, habe vor den Teilnehmern vom schlimmsten Vorfall gesprochen, von dem er in der deutschen Transplantationsmedizin je gehört habe.

Ob durch die bevorzugte Versorgung der Göttinger Patienten andere Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation zu Schaden gekommen oder gar verstorben sind, sei Gegenstand weiterer Ermittlungen, sagte Lilie der Zeitung. Früher habe er Spendewilligen oder Angehörigen voller Überzeugung versichern können, dass in Deutschland in Sachen Organspende alles mit rechten Dingen zugehe, sagte Lilie. Das könne er nicht mehr ohne Weiteres tun.

Erst vor kurzem hatten Bundestag und Bundesrat neue Regelungen zur Organspende auf den Weg gebracht, die das Ziel haben, die Zahl der Spenderorgane zu erhöhen. Die Bürger werden künftig regelmäßig nach ihrer Bereitschaft zu Organspenden gefragt. Die gesetzliche Regelung ist noch nicht in Kraft getreten.