Eine „Posse sondergleichen“ nennt Klaus Schroeder, der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, das Verhalten von Gregor Gysi, dem Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag. Die Berliner Morgenpost hatte über ein bislang unbekanntes Dokument aus Beständen der Stasi-Unterlagen-Behörde berichtet, das Gysis Beteuerungen sehr unwahrscheinlich erscheinen lässt, er habe nie Kontakt mit dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gehabt.
Gysi hatte vor der Veröffentlichung auf Anfrage mitgeteilt, das in dem dreiseitigen Vermerk detailliert beschriebene Gespräch habe nie stattgefunden. Seither und bis Redaktionsschluss dieser Zeitung aber hüllt er sich in Schweigen. Schroeder sagt dazu: „Warum hätte Gysi damals als überzeugter Kommunist nicht mit der Staatssicherheit reden sollen? Es war deren Aufgabe, die DDR zu schützen – den Staat, zu dem Gysi sich bekannte.“ Das Leugnen des letzten SED- und ersten PDS-Vorsitzenden sei „völlig unglaubwürdig“.
Auch Rainer Eppelmann, ehemaliger „Staatsfeind Nummer eins“ der SED-Diktatur und heute ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung, glaubt dem Spitzen-Linken nicht. „Lügen haben kurze Beine, kürzer sind dem Gysi seine“, zitierte der gelernte Pfarrer ein Bonmot von Heiner Geißler (CDU) aus dem Jahr 1990. Ähnlich äußerte sich die frühere Oppositionelle Vera Lengsfeld, in deren Abschiebung nach Großbritannien Anfang 1988 Gysi verwickelt war.
Seiner eigenen Darstellung zufolge will Gysi über das kritische Interview mit zwei „Spiegel“-Redakteuren am 15. Februar 1989 nur mit einigen Freunden und Kollegen sowie mit einem Mitarbeiter der Abteilung Staat und Recht des SED-Zentralkomitees (ZK) gesprochen haben. Ausdrücklich schloss er aus, die beiden Stasi-Offiziere informiert zu haben, die den damaligen Vorsitzenden des Rates der Rechtsanwaltskollegien der DDR in ihrem Vermerk als Gesprächspartner benennen.
Allerdings ist sehr unwahrscheinlich, dass dieser ZK-Mitarbeiter seinerseits die Stasi informiert haben könnte. Denn in dem Vermerk wird ausdrückliche Kritik Gysis an eben dieser Abteilung erwähnt. Demnach soll die Parteiabteilung gegen seinen Willen angeordnet haben, dass er das angefragte Interview mit dem in der SED sehr kritisch gesehenen Hamburger Magazin führen solle. Eine solche Information hätten ZK-Mitarbeiter keinesfalls an das MfS weitergegeben.
Auch andere, bislang unbekannte Archivalien werfen neues Licht auf die Vorgänge rund um Gysis „Spiegel“-Interview, das Mitte März 1989 erschien und für Furore sorgte. In dem Gespräch hatte der Ost-Berliner Korrespondent des Magazins, Ulrich Schwarz, gefragt: „Die DDR hat zum 1. Januar 1989 Reisen und Ausreisen ihrer Bürger in den Westen mithilfe einer Verordnung neu geregelt. Seither läuft weniger als vorher. Können die DDR-Behörden mit Recht nicht umgehen?“ Darauf sagte Gysi: „Ich denke, es ist im Augenblick noch zu früh, über die Praxis zu spekulieren. Die wird man erst am Jahresende beurteilen können.“
Im Bundesarchiv in Berlin aufbewahrte Unterlagen des Vorstandes des Ost-Berliner Rechtsanwaltskollegiums zeichnen ein anderes Bild. Das im Namen von Gysi ausgefertigte Protokoll der Vorstandsitzung vom 15. Februar 1989 hält wörtlich als bedeutendes Problem der Ost-Berliner Rechtsanwälte in ihrer täglichen Arbeit fest: „Unverständnis gäbe es insbesondere bei der Ablehnung von Reisen zu Verwandten, die früher besucht werden konnten.“
Offenbar lagen „zahlreiche Anfragen von Bürgern im Zusammenhang mit der Reiseverordnung“ vor. Im Protokoll heißt es weiter: „Dr. Gysi wurde beauftragt, soweit dazu Möglichkeit besteht, die Hinweise der Bürger bei entsprechenden staatlichen Stellen anzubringen.“ Diese Sitzung fand am selben Tag statt wie das „Spiegel“-Interview, bei dem Gysi so ausweichend antwortete.


