„Wenn du gehst, dann gehe ich auch.“ Dieser Satz soll tatsächlich gefallen sein. Das war im November 2007. Sebastian Turner und Thomas Heilmann waren jung. Sie hatten Geld. Und sie hatten mit 40 erreicht, wovon andere nur träumen können. Es war ein Überraschungscoup, als die beiden Manager sich damals zum selben Zeitpunkt aus dem operativen Geschäft bei der Werbeagentur Scholz & Friends zurückzogen. Heute wollen sie auf neuem Terrain noch einmal durchstarten – in der Politik, ohneeinander.
1990 hatten Sebastian Turner und Thomas Heilmann gemeinsam eine Werbeagentur in Dresden gegründet, die schon bald darauf in Scholz & Friends aufging. Was folgte, war eine atemberaubende Karriere im Doppelpack. Man leitete zunächst einige Jahre die Berliner Dependance, ab 2001 sogar die gesamte europäische Agenturgruppe. Die Manager ergänzten sich: Heilmann galt als Stratege, Turner als kreativer Kopf, dem geniale Slogans einfielen, zum Beispiel die Werbung für Baden-Württemberg: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“
Gut vier Jahre nach ihrem gemeinsamen Ausstieg ist Thomas Heilmann der neue Justizsenator in Berlin, und Sebastian Turner will Oberbürgermeister von Stuttgart werden. Vorausgesetzt, die CDU-Mitglieder nominieren ihn auf ihrer Wahlversammlung an diesem Sonnabend. Das ist nicht sicher. Quereinsteiger sind ja bei den Alteingesessenen in den Parteien nicht immer vorbehaltlos willkommen.
Heilmann: „Ich will dicke Bretter bohren“
Das hat auch Heilmann schon erfahren müssen. Nach der Abgeordnetenhauswahl in Berlin bereits als neuer Bildungssenator gehandelt, wurde er zunächst mal gar nichts. Seine Parteifreunde bevorzugten bei der Postenvergabe doch lieber Kollegen, die die CDU-interne Ochsentour nachweisen konnten oder starke Kreisverbände im Rücken hatten.
Als Michael Braun wegen einer Affäre um notariell beurkundete Schrottimmobilienverkäufe nach elf Tagen als Justizsenator die Segel streichen musste und dringend ein Nachfolger benötigt wurde, fiel dem Landesvorsitzenden Frank Henkel allerdings wieder ein, wer ihm so erfolgreich das Wahlkampfkonzept ersonnen hatte.
Seitdem er zugesagt hat, erlebt Heilmann jeden Tag aufs Neue einen Kulturschock. Jetzt sitzt der Millionär, der spätestens seit dem Verkauf seiner Facebook-Anteile als finanziell unabhängig gilt, im Nordsternhaus neben dem Schöneberger Rathaus. Das verfügt zwar über eine eindrucksvolle Fassade aus der Kaiserzeit, atmet auf den Fluren aber den Duft von Bohnerwachs und Beamtenspießigkeit – kein Vergleich mit der schicken Bürowelt von Scholz & Friends.
Heilmann, der zum Treffen beim Italiener um die Ecke locker mit Cordsakko und offenem Hemd auftaucht, muss sich nun überlegen, was er mit dem Amt anfängt. Er sagt: „Ich will dicke Bretter bohren, will gestalten und Dinge verändern. Das gilt bei Unternehmen genauso wie in der Politik. Wenn es gut wird, dann freue ich mich über den Erfolg.“ Dass Ehrgeiz eine Triebfeder ist, gibt er zu: „Der Gedanke, dass jemand in die Politik geht, ohne ehrgeizig zu sein, ist absurd.“
Man munkelt, Heilmann wollte gegen Wowereit antreten
Im Berliner CDU-Landesverband wird erzählt, dass Thomas Heilmann sogar mal mit dem Gedanken geliebäugelt haben soll, selber als Spitzenkandidat gegen Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) anzutreten. Dabei hatte ihn Henkel da gerade erst in den CDU-Landesvorstand geholt. Manche sagen nun, der Job als Justizsenator sei zu klein für einen von Heilmanns Kaliber.
Thomas Heilmann geht die Sache mit demonstrativem Pragmatismus an. Noch nicht mal eine Sprecherin hatte er zunächst engagiert. Bis es so weit war, beantwortete der Herr Senator wochenlang alle Anfragen am Telefon persönlich. Die ersten Reaktionen auf seine Art und auf seine Amtsführung sind positiv, auch die der Mitarbeiter übrigens.
Heilmann hat viele Ideen, und er weiß, wie sich ein freundlicher Umgangston anhört. Der Opposition gefällt, dass dieser Mann sich eine eigene Meinung gönnt, die nicht immer mit der Parteilinie übereinstimmt. Die linke „taz“ titulierte ihn deshalb als „Anti-Juristen“, und das war ein Lob.
Turner muss in Stuttgart um Zustimmung buhlen
Sebastian Turner hat es da schwerer. Seit er vom Stuttgarter CDU-Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann als OB-Kandidat ausgeguckt wurde, muss der Werbeprofi auch im Schweinemuseum am Schlachthof um Zustimmung buhlen. Und den Leuten erklären, warum ausgerechnet er der Richtige für den Kampfauftrag sein soll, das örtliche Rathaus gegen den Grünen Fritz Kuhn zu verteidigen.
Bislang hatte Turner immer freundliche Distanz zur CDU gehalten, ein Parteibuch hat er sich anders als Heilmann nie zugelegt. Auf Nähe zur Union konnte man nur schließen, weil Turner einst Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung war – da, wo er Heilmann kennenlernte. Der lässt im Gespräch gerne mal fallen, dass seine Kontakte bis in die Spitzen von Kanzleramt und Arbeitsministerium reichen.
Wenn Heilmann in Berlins CDU trotz dieser Faktenlage zunächst als Fremdkörper wahrgenommen wurde, dann muss das für Turner erst recht gelten. Deshalb hat dieser es jetzt auch mit einem parteiinternen Gegenkandidaten zu tun – dem früheren Sozialminister Andreas Renner.
Der Ausgang des Wettstreits, der an diesem Sonnabend im Degerlocher Straßenbahnerwaldheim ausgetragen wird, gilt als ungewiss. Die eingesessenen Mitglieder lassen sich nun mal von keinem gerne sagen, bei wem sie ihr Kreuz machen sollen. Auch nicht vom Kreisvorsitzenden per Neujahrsbrief. Der hatte Turner als Mann „mit Strahlkraft über CDU und das bürgerliche Lager hinaus“ angepriesen. Das sind nützliche Eigenschaften, vor allem wegen des Desasters um den Bahnhof Stuttgart 21, das viele CDU-Anhänger in die Arme der Grünen getrieben hat.
Turners Außerseiter-Status könnte von Vorteil sein
Tatsächlich werden Sebastian Turner Außenseiterchancen attestiert, weil das vermeintliche Handicap, nicht so richtig dazuzugehören, in dieser Gemengelage von Vorteil sein kann. Die CDU, die jahrzehntelang so etwas wie eine Staatspartei in Baden-Württemberg war, hat Angst, dass ihr nach der Staatskanzlei auch noch das Rathaus an die Ökopartei abhanden kommt.
Turner traut sich zu, Stuttgart befrieden zu können: „Die Stadt hat beim Streit um den Bahnhof gezeigt, welche Energie in ihr steckt. Der Streit ist entschieden, aber die Energie ist noch da. Sie sollte sich auf die Zukunft richten“, sagt er. Eine repräsentative Umfrage, die Turner persönlich bei Forsa in Auftrag gegeben hatte, ergab, dass auch 60 Prozent der Stuttgarter meinen, dass es für den OB von Vorteil wäre, wenn er keiner Partei angehört. Nur 17 Prozent sehen darin einen Nachteil.
Dazu kommt, dass Turner die Sprache der Stuttgarter durchaus spricht, weil er dort zur Schule ging. Die Frage, warum er Bürgermeister werden will, beantwortet Turner denn auch immer mit der „Verbundenheit zu meiner Heimatregion“. Man kann ihm das abnehmen. Andererseits fehlt auch Turner die Verwaltungserfahrung. Es ist etwas anderes, einen Beamtenapparat zu dirigieren, als kreativen Köpfen in der Werbung Inspiration zu geben.
Heilmann und Turner sind chronisch unterfordert
Sie sind immer noch jung. Sie haben Geld. Und sie haben schon längst alles erreicht, wovon man träumen kann. Warum können Thomas Heilmann und Sebastian Turner es nicht dabei belassen? Beide waren zuletzt wohl chronisch unterfordert. In diesem Alter ist es eben zu wenig, sich nur in Stiftungen und Aufsichtsräten zu engagieren und sich ansonsten ein schönes Leben zu machen. Die Möglichkeit, noch einmal eine Terra Incognita zu betreten, muss diese beiden Freunde ungeheuer gereizt haben. Zumal die Politik genügend Gestaltungsmöglichkeiten und Gelegenheiten bietet, gesellschaftlich weiter mitzumischen.
Die Voraussetzung ist nur, dass man selber politisch genug denkt. Dass das für die beiden zutrifft, sagen alle, die mit ihnen schon mal zu tun hatten. Damit unterscheiden sie sich von anderen Werbern. Und natürlich macht Politik mindestens noch mal so viel Freude, wenn man existenziell nicht von ihr abhängig ist.
Sollten Thomas Heilmann und Sebastian Turner erfolgreich sein, dann haben sie Chancen, weiter aufzusteigen – Landespolitik muss keine Endstation sein. Das nötige Sendungsbewusstsein ist da, und die Fertigkeit, politische Botschaften vor einem Millionenpublikum auf den Punkt zu bringen, sowieso.
Der Berliner Justizsenator wird an diesem Sonnabend nicht im Degerlocher Straßenbahnerwaldheim sein, um seinem Freund die Daumen zu drücken. Er hält abends einen Vortrag bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Aber wenn es mit Sebastian Turner klappt in Stuttgart, dann wird es für die beiden ja ohnehin schwieriger, sich zu treffen. „Natürlich ist es schade, dass wir uns dann nicht mehr regelmäßig sehen und Pläne schmieden können“, sagt Thomas Heilmann. „Aber Sebastian und ich haben viel gemeinsam erlebt und kennen uns sehr lange. Das hält unsere Freundschaft aus.“



