Ein gerade mal zehn Quadratmeter großes Zimmer, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, als Lektüre die Bibel. Das ist es schon. Handys sind verpönt, die Welt da draußen soll für einige Zeit vergessen werden. Wer auf Zeit ins Kloster geht, sucht die Stille, die Einkehr, er möchte geistig auftanken. Ex-Bundespräsident Christian Wulff geht es offenbar nicht nur um spirituelle Erfahrung, sondern primär um Erholung von den seelischen Belastungen der vergangenen Wochen. Und da bieten die Klöster und Ordenshäuser heute einiges, auch an Komfort, meist geboren aus dem Zwang, ihre Einrichtungen zu erhalten.
Immer weniger Menschen entscheiden sich für ein dauerhaftes kontemplatives Leben, aber immer mehr schätzen eine Auszeit hinter Klostermauern. „Steigen Sie mal aus. Denn es lohnt sich, in Ruhe über ein paar Dinge nachzudenken“, warben vor Jahren die Kapuziner im südbadische Stühlingen in Fernzügen um Interessenten für ihr „Kloster zum Mitleben“. Andere Ordensgemeinschaften sprangen auf diesen modischen Zug auf. 8000 bis 10.000 Anfragen gehen pro Jahr bei den etwa 260 deutschen Männer- und Frauenklöstern (von insgesamt rund 3000) ein, die entsprechende Angebote machen. Es gibt Wartelisten.
Das Angebot hat sich inzwischen ausdifferenziert: Es reicht von Besinnungswochenenden (Exerzitien) bis zu kompletten Ferienofferten. Dabei gehen die Interessen der geistlichen Anbieter und der Gäste oft auseinander. Viele Menschen, so war schon vor Jahren von der Vereinigung Deutscher Ordensoberen mit dem Unterton des Bedauerns zu hören, seien vor allem an „Freizeitgestaltung mit religiösem Touch“ und Selbsterfahrung interessiert, während die Klöster in erster Linie auf die Vermittlung religiöser Erfahrungen und die Nachwuchswerbung gesetzt hätten. Inzwischen hat man sich, und da denken auch Ordensleute durchaus marktgängig, auf die entsprechenden Bedürfnisse eingestellt. Man wägt Chancen und Risiken ab. Allerdings beweist der Trend nach Einschätzung des ehemaligen Generalsekretärs der Ordensoberenkonferenz, Wolfgang Schumacher, dass „wir uns in einer Zeit religionsfreundlicher Gottlosigkeit befinden“. Manche Ordenseinrichtungen nehmen sogar Familien mit Kindern auf, weiß der Karmeliter Schumacher. Wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb angeschlossen sei, „ist es dann fast wie Urlaub auf dem Bauernhof“.
Das Wellness-Kloster
Das Mitleben mit den Mönchen oder Nonnen fordert den Gästen von „draußen“ einiges ab. Zum Beispiel das weltberühmte Benediktinerkloster Ettal in Oberbayern. Um 5.15 Uhr beginnen die Patres und Fratres ihren Tag mit einem Gebet in ihrer Barockkirche, es folgen vier weitere Gebetszeiten, bis sich gegen 20 Uhr die Stille über das Kloster senkt.
Politiker schätzen seit Jahrzehnten die Einkehr in der Benediktinerabtei Maria Laach unweit von Bonn. Maria Laach, wo Konrad Adenauer während der Nazi-Zeit vorübergehend Unterschlupf fand, hat eigene Unterkünfte für seine Gäste. Die Dominikaner-Schwestern aus dem Kloster Arenberg bei Koblenz haben vor Jahren etwas angepackt, was viele bis dahin für undenkbar gehalten haben. Für rund 14 Millionen Euro schufen sie einen Wohlfühlbereich. Das Wort „Wellness“ hören sie nicht so gern, sie sprechen lieber von den drei Säulen „Erholen-Begegnen-Heilen“. Dem Leib etwas Gutes tun, damit die Seele gern darin wohnt – ein Spagat zwischen Klosteralltag und kreativer Innovation, begünstigt durch ein geschicktes Marketing.
Die Suche nach Orientierung
„Obwohl sie der Wellness-Hysterie sehr kritisch gegenüber stehen und nicht auf den Begriff Wellness-Kloster reduziert werden möchten, nutzen sie den aktuellen Trend, um auf ihre Kloster aufmerksam zu machen“, lobt das Internetportal der Deutschen Bischofskonferenz die Schwestern. „Und die Strategie geht auf: bei fast vollständiger Auslastung kommen mittlerweile dreimal so viel Besucher wie noch vor Jahren.“
Es sind heute nicht nur katholische Ordenseinrichtungen, die ihre Tore für Menschen öffnen, die sich für spirituelle Erfahrungen, und immer öfter auch für medizinische Betreuung, öffnen. Es gibt heute rund 120 evangelische „Kommunitäten“, darunter auch solche, deren Mitglieder nach den traditionellen Mönchsprinzipien Armut, Keuschheit und Gehorsam leben, wobei Armut mehr als Gütergemeinschaft verstanden wird. Dabei existiert ein umfangsreiches Angebot an Einkehrhäusern und „Häusern der Stille“, etwa 40 solcher Einrichtungen werden von Landeskirchen oder Kommunitäten getragen.
„Die Suche nach Orientierung hat auch uns bei uns zugenommen“, kommentierte die Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Einkehrtage den Trend. Und es kommen immer mehr Konfessionslose in die Klöster auf Zeit, auch viele jüngere Menschen, die mit Kirche und Glauben wenig zu tun haben, das bestätigen Vertreter beider großer Kirchen. Stress im Beruf, Trauer oder schlicht Neugier auf ein „anderes Leben“ sind die Motive.
Oder wie im Fall Wulff der Wunsch nach Abstand zu seinem politischen Scheitern und nach gesundheitlicher Regeneration. Der frühere Bundespräsident hat aus seiner Zeit als niedersächsischer Regierungschef eine enge Beziehung zum ehemaligen Zisterzienserkloster Loccum, hier hat der Katholik Wulff seinen Sohn aus zweiter Ehe taufen lassen. Loccum, um 1650 lutherisch geworden, ist heute ein Ort der Einkehr und Besinnung für Politiker und Manager – noch immer nach der alten Regel der Zisterzienser: „Das Tor ist offen, das Herz um so mehr.“




