Grüne Kampagne

"Wer nervt mehr als Claudia Roth?"

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Basil Wegener

Foto: Bündnis 90 / Die Grünen

Die Grünen diskutieren über ihren Spitzenkandidaten in der K-Frage – Roth outet sich als Erste: "Ich stelle mich zur Wahl" . Derweil startet eine skurrile Kampagne.

Die obersten Grünen klüngeln Jürgen Trittin als Spitzenkandiaten der Partei für die Bundestagswahl aus. Das erschien noch am Wochenende wahrscheinlich. Da lässt ein Satz aufhorchen, der in der Grünen-Zentrale zum Weltfrauentag fällt. Warum bewerben sich generell weniger Frauen um politische Ämter? „Sie sind abgestoßen von inhaltsleeren Klüngelrunden“, sagt Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke.

Macht es sich dann gut, wenn die Grünen hinter verschlossener Tür einen Mann als Spitzenkandidaten ausklüngeln? „Das wäre schrecklich“, sagt Lemke. Neben ihr sitzt Parteichefin Claudia Roth. Als erste Spitzenkraft der Grünen spricht sie jetzt offen Klartext zur heiklen Personalfrage. Wird Trittin ausgeklüngelt?

„Mit mir als Bundesvorsitzender gibt's das nicht“, sagt Roth. Passend zum Frauentag verweist sie auf das Frauenstatut der Partei. Alle Gremien der Grünen haben eine Quote. Ausnahmen müsste ein Parteitag beschließen.

Roth will Spitzenkandidatin werden

Beim Wahlparteitag 2005 mussten gleich drei Frontfrauen in die Bütt gehen, um Joschka Fischer als alleinigen Spitzenkandidaten durchzusetzen, neben Roth noch Bärbel Höhn und Renate Künast. Diese Peinlichkeit wollen sich die Grünen-Damen für alle künftigen Zeiten ersparen.

Im Interview mit der linken „Tageszeitung“ legt die linke Roth nach: „Ja, ich stelle mich zur Wahl, wenn es um die Besetzung eines Spitzenteams für die Grünen geht.“ Damit hat sie als erste Spitzengrüne den Anspruch erhoben, ihre Partei in den Bundestagswahlkampf 2013 zu führen. Es dürfte unter Grünenfunktionären an diesem Freitag die meistgelesene Zeitung sein.

„Aus meiner Sicht wäre ein Quartett für uns Grüne eine sehr sinnvolle Aufstellung, weil wir damit unsere personelle Vielfalt zur Stärke bringen können.“ Sie plädiere für eine Urwahl der Spitzenformation. Roth hatte sich gegen Überlegungen gewandt, den Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin zum alleinigen Spitzenkandidaten zu machen. „Ich halte das für abwegig anzunehmen, dass wir – wenn wir glaubwürdig sein wollen – mit einem männlichen Spitzenkandidaten antreten“, sagte sie. In den vergangenen Tagen veröffentlichte Spekulationen seien ohne Substanz.

Trittin sagte zuletzt: „Über die personelle Aufstellung für den Wahlkampf entscheiden wir, wenn es so weit ist.“ Überhaupt klangen die Betroffenen zuletzt mehr nach fernöstlicher Weisheit als nach politischer Ansage, wenn man sie auf die heikle Frage ansprach.

Da macht es sich gut, dass eine neue Grünen-Kampagne zum Frauentag mit Witz auftrumpft. „Wer nervt mehr als Claudia?“, heißt es auf einem Plakat neben Roth. „Wer sägt an Jürgens Stuhl?“, steht neben Trittin.

Am Samstag erhielt Parteichef Cem Özdemir Applaus auf einer mit Spannung erwarteten Klausur der Grünen-Realos. Es schien nach Teilnehmerangaben selbstkritisch, als er das grüne Führungsquartett aufs Korn nahm. „Wir vier dürfen den anderen nicht permanent die Welt erklären“, sagte er. Die Zuhörer konnten das aber auch als Spitze gegen Fraktionschefin Künast verstehen, der manche Weitschweifigkeit nachsagen bei der Skizzierung politischer Ziele.

Bei der Klausur schwenkten auch Grünen-Realos offen auf Trittin als Spitzenkandidaten ein. Auch Özdemir könnte damit gut leben. Anders – soviel ist jetzt klar – als Roth.

Also ist jetzt wieder alles offen. Trittin und Roth als Spitzenduo, obwohl beide Parteilinke sind? Oder doch Trittin und Künast? Zwar hat Künasts als misslungen geltender Wahlkampf in Berlin vom vergangenen Sommer Blessuren hinterlassen. Doch macht die Fraktionschefin mit Offenheit und Geradlinigkeit wieder Boden gut. Also vielleicht Künast und Roth?

"Jahrmarkt der Eitelkeiten"

Die Parteichefin will nicht, dass die vier Führungsleute das unter sich ausklüngeln. „Ich plädiere dafür, eine Urwahl über die Frage der Spitzenformation abzuhalten“, sagt sie der taz. Damit würden die Grünen den größtmöglichen Rummel um ihre Spitzenkandidatur veranstalten mit einem Wahlkampf in eigener Sache.

Schon regt sich Widerstand. Der Grünen-Realo Alexander Bonde, der als Verbraucherschutzminister in Baden-Württemberg anders als die Spitzenleute im Bund derzeit schon mit Regieren beschäftigt ist, möchte keine Urwahl. „Mich nervt diese Personaldebatte nur noch“, sagt er. „Der Erfolg der Grünen bei der Bundestagswahl wird auf dem Markt der politischen Konzepte entschieden, nicht auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Viele Grüne halten eine große Koalition nach 2013 nämlich für wahrscheinlicher als eine grüne Regierungsbeteiligung.

( dpa )

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