Wie friedlich die Spree doch aussieht. Im Wasser spiegeln sich die Sterne, keine Wolke verdeckt den Berliner Abendhimmel. Rote Strahler werfen ein warmes Licht an die Mauern von Schloss Bellevue. Eigentlich der perfekte Rahmen, um einen Bundespräsidenten würdevoll zu verabschieden. Wären da nicht die Demonstranten. Mehrere hundert Menschen haben sich auf der anderen Seite des Flusses versammelt.

Und sie haben ein Ziel: den Abschied von Christian Wulff aus Schloss Bellevue zu einem letzten würdelosen Akt zu machen. Unter dem Motto „Vuvuzelas für Wulff zum Zapfenstreich“ wurde bei Facebook zum Protest aufgerufen.

Mit Erfolg: Schon um 18 Uhr standen die ersten Demonstranten am Spreeufer, um 19 Uhr zerreißt ohrenbetäubendes Tröten die Abendluft. Sobald die Geräuschkulisse abebbt, skandiert die Masse gleichzeitig: „Schande, Schande!“ oder „Pfui“.

Der Spielmannszug auf dem Hof des Schlosses kommt gegen den Lärm nicht an. Viele der Demonstranten haben Schilder gebastelt und mitgebracht. „Ich bin so toll, ich bin ein Held, ich bin der größte Schnorrer der Welt“, heißt es da. Oder: „Keine Ehre – kein Sold“. Und: „Schämen Sie sich“.

Der gestürzte Bundespräsident ist außer Sichtweite. Vom Ufer der Spree ist lediglich das tanzende Licht der Fackeln zu erkennen. Die Musik kam bei den Demonstranten erst gar nicht an. „Ich war noch nie protestieren“, sagt eine ältere Frau. „Aber heute ist es mir ein Bedürfnis“. Sie fühle sich als Rentnerin verhöhnt. Für eine Erhöhung ihrer Altersbezüge sei kein Geld da – und gleichzeitig erhalte ein Spitzenpolitiker wie Wulff einen Ehrensold von 199.000 Euro jährlich.

Ein Gefühl der Ungerechtigkeit und Ohnmacht. Das ist es, was viele Menschen ans Berliner Spreeufer treibt. Alle Alterklassen sind vertreten – wobei die jungen Menschen bis 35 die Mehrheit ausmachen.

Der Krach ist pausenlos. Und um 19.15 Uhr stoßen Polizisten das erste Mal in die Menge, um Vuvuzelas abzunehmen. Es kommt zu kleineren Handgreiflichkeiten, eine Demonstrantin wird abgeführt. Die Berliner Polizei teilt noch am Abend mit, dass der Protest friedlich blieb. Allerdings kam es am Rande immer wieder zu teils hitzigen Wortgefechten. Mehrmals mussten die Beamten eingreifen.

Als der Zapfenstreich beendet ist, um kurz vor acht Uhr, ziehen die Demonstranten über die Spreebrücke bis vor Schloss Bellevue. Die Polizei hat die Straße abgesperrt. Immer wieder erklingt der Ruf: „Schande, Schande!“. Vom Hof des Schlosses brausen schwarzen Limousinen mit den Gästen in die Berliner Nacht hinaus. Christian Wulff ist nicht zu sehen. Das musste er auch nicht. Er war schon so allgegenwärtig.