Gedenkveranstaltung in Berlin

Der bewegende Auftritt der Opferangehörigen

Während sich Angela Merkel bei der zentralen Gedenkfeier für die Opfer der Neonazi-Morde für falsche Verdächtigungen durch Sicherheitsbehörden entschuldigte, berichteten die Angehörige eindrücklich genau von diesen Vorwürfen und ihrem Umgang mit dem Verlust.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Den stärksten Eindruck beim Gedenken an die Terror-Opfer im Berliner Konzerthaus hinterließen die Angehörigen. Berührend erzählten sie von ihren Verlusten und dem Umgang mit den haltlosen Vorwürfen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnerte in ihrer Rede an die zehn Todesopfer der Zwickauer Terrorzelle erinnert. Zudem bat sie deren Familien um „Verzeihung“ . Die Morde „sind eine Schande für unser Land“, sagte die CDU-Politikerin am Donnerstag in ihrer Ansprache auf der zentralen Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt in Deutschland. „So etwas darf sich nicht wiederholen.“

Die Jahre vor der Aufklärung müssten ein „nicht enden wollender Alptraum“ gewesen sein, sagte Merkel vor den rund 1.200 Gästen der Gedenkfeier, unter denen sich auch etwa 80 Angehörige der Gewaltopfer befanden. Die Mordserie sei ein Anschlag auf Deutschland und „eine Schande für unser Land“. Sie verspreche, es werde alles getan, was dem Rechtsstaat möglich sei, „damit sich so etwas nie wieder wiederholen kann“.

Hintergrund ist die Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Die rechtsterroristische Gruppe war im November 2011 aufgeflogen. Über ein Jahrzehnt lang war den Sicherheitsbehörden verborgen geblieben, dass die Terroristen mutmaßlich zehn Menschen bundesweit töteten. Inzwischen hat der Bundestag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, um zu klären, ob den Sicherheitsbehörden Fehler unterlaufen sind. Auch der thüringische Landtag untersucht den Fall.

Merkel verspricht Aufklärung der Mordserie

Die Gedenkveranstaltung in Berlin wurde von Regierung, Bundestag, Bundesrat und Verfassungsgericht gemeinsam ausgerichtet. Die Verfassungsorgane wollten damit ein Zeichen des Zusammenhalts und Einstehens gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen. Mehr als 1.200 Gäste waren eingeladen, darunter Angehörige der Opfer. Anlässlich des Gedenkens hatten zudem Arbeitgeber und Gewerkschaften für 12.00 Uhr zu einer Schweigeminute für die Opfer aufgerufen. An den Bundesbehörden in Berlin und Bonn wurde Trauerbeflaggung angeordnet. Auch in den Ländern fanden Gedenkveranstaltungen und Schweigeminuten statt.

Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck sprach den Angehörigen der Mordopfer sein Mitgefühl aus. Gauck war auf Einladung des türkischen Botschafters Hüseyin Avni Karslioglu zu einem Mittagessen mit den Angehörigen ins Türkische Haus Berlin eingeladen worden. Gauck sagte, er sei als „Bürger Gauck“ eingeladen worden, da er mit seinem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ ein Deutschland repräsentiere, „das aufsteht, wenn sich die Rechten zusammenrotten“. Dieses Deutschland werde von vielen Kräften in der Gesellschaft getragen.

Merkel versprach in ihrer Rede zudem eine vollständige Aufklärung der Mordserie. „Als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland verspreche ich: Wir tun alles, um die Morde aufzuklären, die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen“, sagte sie. Die Hintergründe der Morde hätten „viel zu lange im Dunkeln gelegen“. Zu wenige in Deutschland hätten es für möglich gehalten, dass rechtsextremistische Tendenzen dahinter steckten. Viele Angehörige seien über Jahre hinweg selbst im Visier der Sicherheitsbehörden gewesen. „Diese Jahre müssen für sie ein Alptraum gewesen seien“, sagte Merkel. „Das ist besonders beklemmend, dafür bitte ich Sie um Verzeihung.“

Die CDU-Vorsitzende sagte weiter, niemand könne „die Trauer und die Verlassenheit auslöschen“. Sie bekräftigte jedoch: „Wir alle können Ihnen heute zeigen, Sie stehen nicht länger allein mit Ihrer Trauer. Wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen.“

Vater von Rechtsterror-Opfer will keine Entschädigung

Der Vater eines der Opfer, Ismail Yozgat , lehnte eine finanzielle Entschädigung seiner Familie seitens des Staates ab. „Wir möchten keine finanzielle Entschädigung, wir möchten seelischen Beistand“, sagte Ismail Yozgat vom Podium des Berliner Konzerthauses. Sein Sohn Halit war am 6. April 2006 im Alter von 21 Jahren in seinem Internetcafé in Kassel erschossen worden. Er ist eines der zehn Mordopfer des „Nationalsozialistischer Untergrund“.

Der aus der Türkei stammende Yozgat sagte weiter, er wünsche sich, dass alle Mörder sowie Hintermänner und Helfershelfer gefasst würden und dass die Straße, in der sein Sohn ermordet wurde, nach diesem benannt werde. Zudem würde er gerne eine Stiftung gründen, die krebskranke Menschen unterstütze.

Semiya Simsek, die Tochter eines der Mordopfer, warf der Polizei schwere Versäumnisse im Umgang mit ihrer Familie vor. „Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“, sagte Simsek.

Semiya Simseks Vater, Enver Simsek, war Blumenhändler in Nürnberg und wurde am 9. September 2000 erschossen. Nach dem Mord, so berichtete Semiya Simsek, habe ihre Mutter unter Verdacht gestanden, ihren Ehemann ermordet zu haben. Auch sei ihr Vater verdächtigt worden, ein krimineller Drogenhändler gewesen zu sein. „Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert“, forderte Simsek in ihrer Ansprache.

Ganz Deutschland hält inne

Um 12 Uhr wurden in ganz Deutschland der Opfer gedacht. Gewerkschaften und Arbeitgeber hatten gemeinsam dazu aufgerufen. In mehreren Städten stand der öffentliche Nahverkehr für eine Minute still, Firmen organisierten Arbeitspausen.

Die Gedenkfeier wurde in Politik und Gesellschaft weitgehend positiv bewertet. Die Bundes-Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) nannte sie ein starkes Signal gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Thomas Rachel (CDU), ergänzte, der Rechtsstaat lebe davon, dass er gegenüber all denen wachsam und wehrhaft bleibe, die seine Grundlagen untergraben und zerstören wollten.

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Klaus Wowereit warnte davor, zur Tagesordnung überzugehen. Unter anderem forderte er eine klare Finanzierung von Projekten gegen rechts und die Einrichtung einer Bundesstiftung für demokratische Kultur. Die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin sagten, die Gedenkfeier sollte der Anfang für einen neuen Umgang mit Rechtsextremismus sein. Behörden müssten künftig „auch das rechte Auge öffnen“.

Prälat Bernhard Felmberg von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagte, die bewegende Gedenkfeier sei von den eindringlichen Worten der Hinterbliebenen der Opfer des Neonazi-Terrors geprägt gewesen. Angehörige von Ermordeten hätten deutlich gemacht, dass es ihnen nicht auf materielle Entschädigung, sondern auf umfassende Aufklärung ankomme. Der EKD-Bevollmächtigte begrüßte die Warnung Merkels vor Gleichgültigkeit gegenüber rechtsextremem Gedankengut. Einen Tag vor der Gedenkfeier hatten die beiden großen Kirchen jede Form von Rechtsextremismus als unvereinbar mit dem christlichen Glauben verurteilt.

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