Groenewold und Wulff

Wenn eine Freundschaft zur Staatskrise auswächst

Die Beziehung Wulffs zum Filmunternehmer Groenewold führt dazu, dass erstmals die Aufhebung der Immunität eines Bundespräsidenten beantragt wird. Ihre Geschichte.

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David Groenewold war ein Kümmerer. Er buchte Urlaube, legte Geld aus, lud seinen Freund immer mal wieder zum Essen ein. Und als dieser ein Handy brauchte, besorgte der 38-Jährige ihm halt eines.

Man hilft sich eben. Ist dankbar. Eine ganz normale Freundschaft. So schien es lange.

Doch spätestens seit Donnerstagabend, 19.39 Uhr, ist klar, dass die Beziehung zwischen dem heutigen Bundespräsidenten Christian Wulff und David Groenewold mehr ist, als eine bloße Freundschaft.

Denn das Geben und Nehmen der beiden hat dazu geführt, dass die Staatsanwälte gegen einstigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff ermitteln wollen. Gegen das heutige Staatsoberhaupt.

Stets strafbare Handungen bestritten

Eine Premiere in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch wenn Wulff bisher stets strafbare Handlungen bestritten hat. Auch wenn er wiederholt betonte, unabhängig geblieben zu sein.

Am Ende könnte Wulff die Beziehung zu Groenewold das Amt kosten.

Wulff wird der Vorteilsannahme verdächtigt. In solch einem Fall muss es aber auch immer einen geben, der versprochen, angeboten oder gewährt haben soll. Das soll laut den Ermittlern Groenewold sein.

Der Kümmerer. Und auf der anderen Seite könnte eine Bürgschaftszusage des Landes Niedersachsen für eine Firma wichtig geworden sein, an der Groenewold beteiligt war. Ein Filmunternehmen, das jedoch nie einen Film produzierte, sich nun sogar als Briefkastenfirma entpuppte. Von der Groenewold womöglich nie wirklich viel hatte.

Doch diese Bürgschaftszusage über vier Millionen Euro fällt in eine Zeit im Leben der beiden, als sie viel miteinander zu tun hatten.

War Wulff als Ministerpräsident nicht unabhängig?

Aus heutiger Sicht verfestigt sich mit einer Analyse der damaligen Beziehung der Anschein, dass Wulff in seinem damaligen Amt als Ministerpräsident von Niedersachsen nicht mehr völlig unabhängig gehandelt haben könnte.

Man sollte sich also genauer anschauen, wie diese Freundschaft zu einer Staatskrise wurde.

Alles beginnt mit den Dreharbeiten zum „Wunder von Lengede“ im niedersächsischen Goslar. Dort lernen sich der Politiker und der Filmfinanzier kennen. Der von ihm aufgelegte Medienfonds GFP tritt als Koproduktionspartner auf.

Man versteht sich. Christian Wulff kommt unter Künstler, Stars und Sternchen. Groenewold nimmt ihn mit. Er wird später sagen: „Wir sind eine Oase von chaotischen, kreativen Menschen für Christian, er taucht dann in eine andere Welt ab.“

Wulffs Welt ist eigentlich die Politik. Seit seiner Jugend klettert er in der CDU nach oben. 2003 wird er Ministerpräsident. Er setzt sich für die Belange seines Landes ein. Und dazu zählt irgendwann offenbar auch die Filmwirtschaft.

Ein Empfang beim Deutschen Filmfest

Das Jahr 2005 spielt dabei eine besondere Rolle. Denn während vielleicht später erst Dinge passieren, die die Staatsanwälte aufhorchen lassen, bekommt man aber bei einem Blick auf die Mitte des vergangenen Jahrzehnts bereits eine Ahnung davon, wie die Freundschaft zwischen Wulff und Groenewold ausgesehen haben könnte.

Bei einem Empfang anlässlich des Deutschen Filmfests im Sommer in Berlin legt Wulff ein gutes Wort für die Filmwirtschaft ein. Vor mehr als 170 Gästen fordert er mehr staatliche Unterstützung für den deutschen Film, so berichtete es der NDR erst vor ein paar Tagen.

Dabei erwähnt Wulff außerdem den Fonds, bei dem Groenewold Geschäftsführer war. „Ich würde es begrüßen, wenn es eine Regelung gäbe, die Investoren Anreize bietet, um Privatkapital zielgerichtet in deutsche Produktionen zu lenken“, erklärt Wulff.

Im selben Jahr veröffentlicht Groenewold im „Magazin für Niedersachsen“, der Mitgliederzeitschrift der Landes-CDU, eine Anzeige seines Fonds.

25.000-Euro-Spende

Groenewold spendet der CDU und der Jungen Union in dem Jahr laut Rechenschaftsbericht über 25.000 Euro. Er gibt dem Autor einer Wulff-Biographie eine Finanzspritze über 10.000 Euro. Und im Herbst unterzeichnet Wulff einen Überlassungsvertrag für ein Handy einer Firma Groenewolds.

Ende 2006 schließlich erfolgt die Bürgschaftszusage Niedersachsens für eine Firma, an der die seinerzeit von Groenewold vertretene Odeon Film AG 50,1 Prozent hielt.

Im Mai 2007 schließlich lobt Groenewold Wulff in einer Pressemitteilung: „Den Standort Niedersachsen haben wir für unsere Firmengründung ganz bewusst gewählt, da hier Ministerpräsident Christian Wulff mit viel persönlichem Einsatz wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Medienwirtschaft gibt und damit optimale Voraussetzungen für Investitionen und neue Arbeitsplätze schafft.“

Die Erklärung war mit Wulffs damaligen Sprecher Olaf Glaeseker abgestimmt.

Groenewold zahlt über die Jahre Essen für Wulff. Legt Geld aus. Für Urlaube. Für Übernachtungen in Hotels. Manchmal hat er es nicht zurückverlangt.

Staatsanwaltschaft horcht auf

Der Unternehmerfreund hat es nach eigenen Angaben immer nur gut gemeint mit Wulff. Außerdem verweist er auf die „ihm eigene Großzügigkeit“. Groenewolds Anwalt teil in einem Schreiben an „Morgenpost Online“ mit: „Die Beziehung zwischen unserem Mandanten und dem Ehepaar Wulff ist rein privater Natur.“

Eine ganz normale Freundschaft also?

Die Staatsanwaltschaft horcht auf, als Ende Januar Details über einen gemeinsamen Urlaub von Groenewold mit Christian Wulff und seiner zweiten Ehefrau Bettina auf Sylt bekannt werden. Drei Tage im Herbst 2007 im „Hotel Stadt Hamburg“ (HSH).

Der Filmunternehmer hatte den Urlaub organisiert, buchte den Aufenthalt und zahlte vor der Reise für alle per Kreditkarte. Das ausgelegte Geld will Wulff ihm am Ende des Urlaubs zurückgegeben haben. In bar.

Als Mitte Dezember 2011 erstmals die Beziehungen zwischen Wulff und befreundeten Unternehmern in die Schlagzeilen geraten, wird Groenewold offenbar mulmig zumute. Er überlegt: Gibt es da etwas, was Sprengstoff in sich birgt?

Er erinnert sich an den Urlaub auf der Nordseeinsel. Am 16. Januar soll er in dem Sylter Hotel angerufen haben. Wenige Wochen später wird daraus eine Geschichte über nahezu eine gesamte Zeitungsseite.

Aus einer Aufgabenliste für die Hotelmitarbeiter zitiert die „Bild“-Zeitung: „Hr. Groenewold hat gestern angerufen, wir sollen keinerlei Infos über ihn rausgeben! Er war 2007 mit Hr. Wulff im HSH und hat den gesamten Aufenthalt übernommen.“

Groenewold bat um Kopien der Hotelbelege

Groenewold verweist auf eine schriftliche Bestätigung des Hotels: Darin heißt es, er habe zu keinem Zeitpunkt gebeten, die Unterlagen zu seinem Aufenthalt „in unserem Haus zu vernichten, zu manipulieren oder ähnliches“.

Klar ist aber, dass Groenewold in Sylt auftauchte und um Kopien der Belege bat. Auch Wulff reagiert auf die Meldung: Sein Anwalt erklärt, sein Mandant habe die Kosten „in voller Höhe selbst bezahlt“.

Von Groenewolds mutmaßlichen Nachforschungen habe er nichts gewusst. Er hielte eine „solche Vorgehensweise in jeder Hinsicht für falsch“. Es sieht so aus, als ob in diesem Moment von der Freundschaft nicht mehr viel übrig geblieben war.

Zwischen dem Urlaub auf Sylt und der Bürgschaftszusage, zwischen dem privaten Vergnügen und den beruflichen Kontakten, liegen nur ein paar Monate.

Bitte äußerste Zurückhaltung

Dies kann der Grund sein, warum an diesem Freitagmorgen der Verdacht der Vorteilsnahme das Land beschäftigt, im Fernsehen, im Radio, am Küchentisch, bei der Frühstückspause.

Vor ein paar Tagen wurde von Wulff-Vertrauten ein Stück Papier präsentiert, dass ihn entlasten sollte. Dabei geht es um „Landesbürgschaften für die Filmbranche“. Mit grüner Tinte befindet sich darauf ein Vermerk von Wulff: „Bei allen Aktivitäten im Zusammenhang mit D. Groenewold bitte äußerste Zurückhaltung, um jeglichen Anschein von Nähe zu vermeiden.“

Es könnte zeigen, wie sauber Wulff zwischen Privatem und Dienstlichem getrennt hat.

Das Papier stammt aus dem Jahr 2009. Vielleicht war da aber schon alles zu spät.