Bundespräsident in Bedrängnis

Was Weggefährten über Christian Wulff sagen

Freundschaftsdienste und der starke Wille zur Macht, so beschreiben langjährige Weggefährten Bundespräsident Christian Wulff. Ihm hatten am Sonnabend in Berlin mehrere Dutzend Demonstranten einen Stuhl symbolisch vor die Tür gesetzt.

Am Sonnabend haben sie wieder demonstriert: Etwa 50 Menschen stellten dem Bundespräsidenten den Stuhl vor die Tür des Schlosses Bellevue, symbolisch, ein überdimensionales Sitzmöbel. Erwartet hatten die Veranstalter 500 Demonstranten. Und Christian Wulff? Hat deutlich gemacht, dass er trotz aller Vorwürfe im Amt bleiben will.

In der vergangenen Woche tauchten noch einige Informationen aus Wulffs Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident auf, die die besondere Nähe Wulffs zum Berliner Filmfinanzier David Groenewold zeigten. Groenewold hatte 2007 eine Sylter Hotelrechnung beglichen, Wulff hatte sie dann bar erstattet. Und Wulff nutzte offenbar ein Jahr lang ein Zweithandy einer Firma Groenewolds, weil er angeblich Angst hatte, abgehört zu werden.

Zum Wochenende hieß es dann noch, Wulff könne sich im Falle eines Rücktritts keinesfalls seiner Pension sicher sein. Denn sie gibt es nur, wenn er aus politischen oder gesundheitlichen Gründen ausscheidet, wie „Bild“ aus einer Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zitierte.

Von der Kreditaffäre, die die ganze Aufregung um den Bundespräsidenten ins Rollen brachte, war kaum noch die Rede. 2008 hatte sich Wulff 500.000 Euro privat bei der Frau seines Unternehmerfreundes Egon Geerkens geliehen, um ein Haus zu kaufen. Über die Verbindung zu Familie Geerkens hat er 2010 dann im Niedersächsischen Landtag nicht gerade gelogen, allerdings auch nicht die volle Wahrheit gesagt.

In der kommenden Woche, das lassen Hannovers Staatsanwälte durchblicken, könnte immerhin eine Entscheidung darüber fallen, ob man nach den neueren Vorwürfen, nach der Geschichte mit dem Sylter „Hotel Stadt Hamburg“, nun doch die Aufhebung der Immunität des Präsidenten beantragt, um danach eventuell gegen das Staatsoberhaupt zu ermitteln.

Was ist Wulff für ein Mensch? Was sagen langjährige Weggefährten? Fritz Brickwedde ist einer von ihnen. Der 63-Jährige stammt wie der Bundespräsident aus Osnabrück, lebt dort und kennt Wulff seit 37 Jahren. Er war ein paar Jahre Regierungssprecher unter Ernst Albrecht (CDU), ist Generalsekretär der Bundesstiftung Umwelt mit Sitz in Osnabrück und Fraktionschef der Christdemokraten im Osnabrücker Rathaus.

Wenig Zweifel

Brickwedde hat eine klare Antwort, wenn man ihn nach Wulffs Zukunft fragt. „Er wird um seine Ehre kämpfen. Er wird dabei engagiert seine Arbeit machen und seine Pflicht erfüllen.“ Brickwedde fügt sicherheitshalber noch hinzu, dass er diese Aussage „auf Basis der jetzigen Erkenntnisse“ macht, im Prinzip lässt er wenig Zweifel an der Ehrenhaftigkeit Wulffs aufkommen.

Viele zucken bei der Frage, wie es mit Wulff weitergeht, aber nur mit den Schultern. Einige Menschen, die zum Teil sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben mit dem heutigen Bundespräsidenten, wollen nicht als Dreckschleudern handeln und sich so auf eine Stufe stellen mit ihrem ehemaligen CDU-Landesvorsitzenden. Andere verweisen auf Parteidisziplin. Wieder andere haben Angst, dass sie am Ende noch einmal den Kürzeren ziehen.

Sie alle erzählen die gleiche Geschichte, nach der Wulff in seiner niedersächsischen Zeit ziemlich skrupellos unterschied zwischen „für mich“ und „gegen mich“. Wobei Gegner bis zu seiner eigenen Scheidung auch war, wer sich von seinem Ehepartner trennte. Die Verletzungen, die Wulff damals zugefügt hat, sind vermutlich eine Ursache für die schiere Unendlichkeit der Präsidentenaffäre.

Mechthild Ross-Luttmann redet. Juristin, dreifache Mutter aus Rotenburg an der Wümme. Wulff hat sie 2005 in sein Kabinett geholt. Zwei Jahre später erkrankte Ross-Luttmann an Brustkrebs. Sie wurde operiert, und sie wurde wieder gesund. Wenig später, im April 2010, entfernte sie Wulff aus dem Kabinett. Monatelang hatte der Ministerpräsident damals an einer Kabinettsumbildung gebastelt, die vor allem die eigene Reputation stärken sollte – mit Blick auf die Landtagswahlen Anfang 2013, die zu verlieren damals sein politischer Albtraum war.

Echter Medien-Coup

Aber auch mit Blick auf den Bund. Einen Tag nach der Bekanntgabe der neuen Kabinettsliste – statt Ross-Luttmann saß nun mit Aygül Özkan die erste Muslimin in einem deutschen Kabinett – brachte die „FAZ“ erstmals den Namen Wulff als kommenden Bundespräsidenten ins Gespräch. Sechs Wochen vor Horst Köhlers Rücktritt, vier Jahre vor der turnusgemäßen Präsidentenwahl. Einen Tag später stand dieser Vorschlag auch in der „Bild“. Wulff und seinem Kommunikationschef Olaf Glaeseker war ein echter Medien-Coup gelungen. Zehn Wochen später war aus Niedersachsens Ministerpräsident der Bundespräsident geworden. Gegen Glaeseker ermittelt inzwischen in anderem Zusammenhang der Staatsanwalt wegen Verdacht auf Bestechung.

Ross-Luttmann ist inzwischen Vorsitzende des Rechtsausschusses im Niedersächsischen Landtag. Ihre Abberufung sei eine „menschliche Enttäuschung“ für sie gewesen, sagt Ross-Luttmann – und fängt dann an, die Verdienste aufzuzählen, die sich Wulff in Niedersachsen erworben hat. Eine geräuschlose Verwaltungsreform, eine zukunftsorientierte Bildungspolitik, der Versuch, das Krippenplatz-Entwicklungsland Niedersachsen endlich zu lösen aus den steinzeitlichen Strukturen der frühkindlichen Bildung.

Ross-Luttmann, kein Zweifel, hat die beiden Gesichter des Christian Wulff kennengelernt. Wenn man sie fragt, wie es weitergehen soll mit ihrem Präsidenten, zuckt sie die Schultern und sagt: „Das ist doch schrecklich.“

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