RTL 2

Das Loveparade-Drama und die Suche nach Antworten

Vor fast 100 Tagen starben 21 Menschen bei der Loveparade. RTL2 widmet dem Unglück deshalb eine dreistündige und überraschend sensible Reportage.

Mehr als drei Monate ist es her, dass an dem Gelände des alten Güterbahnhofs in Duisburg auf der Loveparade 21 Menschen zu Tode getrampelt wurden. Immer noch hat niemand die Verantwortung für das Geschehen übernommen. Immer noch steht die Frage im Raum: "Wie konnte so etwas passieren?"

Der Sender RTL 2 wagt nun eine dreistündige, ausführliche Dokumentation über die Tragödie zur besten Sendezeit und versucht, die immer noch drängenden Fragen zu beantworten. Die Reihe „100 Tage“ widmet sich normalerweise in loser Folge Ereignissen, die gut drei Monate zurück liegen.

Erstmals wird sich die Sendung (Sonntag, 20.15 Uhr, RTL 2) über die Dauer von drei Stunden um die Katastrophe drehen. Wer nun eine der üblichen, leicht schlüpfrigen Reportagen des Senders erwartet, wird allerdings enttäuscht werden.

Intensiv und ausführlich nähern sich die Journalisten dem sensiblen Thema, ohne reißerisch zu arbeiten. Rund 40 Interviews wurden geführt. Betroffene, Sanitäter, DJs und Juristen kommen zu Wort. Produziert wurde die Sendung von der Nachrichtenredaktion in Köln.

„Wir haben uns bemüht, eine möglichst umfassende Analyse der Geschehnisse in Duisburg zu erstellen. Dazu gehören Zitate von Menschen, die unmittelbar vor Ort waren, die gesamte Planung im Vorfeld wird beleuchtet, aber auch die Geschichte der Loveparade: Wie sie von einem weitläufigem Gelände in Berlin auf ein völlig ungeeignetes Terrain in Duisburg geführt wurde“, sagt Chefredakteur Jürgen Ohls

Seine Reporter wollen dabei weder spekulieren noch emotionalisieren. "Sie lassen im besten Sinne der Reportage Betroffene, Experten und Zeitzeugen selbst zu Wort kommen."

Für die Dokumentation sind auch tatsächlich keine dramatischen Kunstgriffe nötig. Oft lässt das Format die Menschen, die bei der Loveparade dabei waren, einfach nur erzählen. Die O-Töne sind eindrucksvoll genug: Da ist ein Vater, der als Sanitäter vor Ort hilft, und nicht weiß, was aus seiner Tochter geworden ist, ein Opfer und ihr Retter treffen zum ersten Mal wieder aufeinander – und eine Notärztin, die mit als erste am Ort des dramatischen Geschehens war, schildert ihren Einsatz.

Die Dokumentation hört aber nicht bei der Schilderung der Tragödie auf. In einer weitergehenden Analyse kommt unter anderem ein Anwalt und Rechtsexperte für Großveranstaltungen zu Wort und erklärt, warum das Event nach verwaltungsrechtlichen Bestimmungen gar nicht hätte stattfinden dürfen. Ein Panikforscher des Fraunhofer Institut erklärt die Bewegungen von Menschenmassen.

Aber auch das Vorgehen nach dem Tod der 21 Menschen wird beleuchtet. „Die Pressekonferenz unmittelbar nach den Vorfällen nimmt einen großen Raum ein. Wir lassen einige Kollegen zu Wort kommen, die damals dabei waren. Und die immer noch fassungslos sind, dass niemand die Verantwortung für das Geschehen übernehmen will“, so Ohls

Ein Ergebnis der Recherche hat den Chefredakteur nach eigenen Angaben besonders überrascht: „Es wird deutlich, dass es eine massive Planungslücke für das Loveparade-Gelände gab. Für den Bereich, in dem die 21 Menschen auf tragische Weise ums Leben gekommen sind, gab es niemanden, der sich zuständig fühlte. Die Stadt wollte sich um den Bereich bis zum Tunnel kümmern, der Veranstalter um den Bereich am Eingang des eigentlichen Geländes.“

Ohls unterstellt den Machern des Duisburg-Spektakels ein Höchstmaß an Naivität: „Nach unserer Arbeit hatten wir den Eindruck, dass die Veranstalter keine realistische Vorstellung davon hatten, was tatsächlich auf sie zukommen würde. Die sind teilweise völlig naiv an diesen Event herangegangen.“

Auch 100 Tage danach hat sich an dem Verhalten der beiden Hauptprotagonisten an der Tragödie nichts geändert. Es sind dann auch genau diese beiden Menschen, die in der Doku nicht zu Wort kommen: „Weder Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, noch der Veranstalter Rainer Schaller wollten mit uns reden. Beide warten ab, was der Staatsanwalt sagen wird. Sie verhalten sich komplett defensiv“

Am schlimmsten findet der RTL-2-Chef aber immer noch eins: „Keiner will die Verantwortung übernehmen.“ Dieses Thema könnte nach der Dokumentation wieder deutlich lauter diskutiert werden.

"100 Tage: Loveparade – Die Tragödie von Duisburg“, Sonntag 7. November, 20.15 Uhr, RTL 2.