Ausweise kopiert

Stasi-Doppelgänger tarnten sich als Bundesbürger

Die DDR-Staatssicherheit hat mit gefälschten Pässen von Zehntausenden Westdeutschen etliche Jahre im Ausland spioniert. Dazu wurden rund 60.000 Ausweispapiere kopiert.

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/dpa

Wer zu Zeiten der DDR mit dem Auto von Berlin aus nach Westdeutschland (oder umgekehrt) reiste, den beschlich meist an den Kontrollpunkten zu den Transitstrecken ein sehr mulmiges Gefühl. Streng dreinblickende Grenzpolizisten im Bewusstsein ihrer Macht forderten die Ausweispapiere, die dann ein Förderband verdeckt über 50 oder gar 100 Meter zum nächsten Kontrollhäuschen transportierte. Dann hieß es warten. Am zweiten Häuschen angekommen, blickte der nächste DDR-Grenzer scharf auf den Fahrer und auf die Papiere. Warum es teilweise so lange dauerte, enthüllen jetzt zwei Magazine von ARD und RBB. Es könnte mit der Datensammelwut der Staatssicherheit zu tun haben. Sie kopierte im großen Stil West-Ausweise, um Pässe für Auslandsspione zu fälschen.

Das ARD-Magazin „Kontraste“ und die RBB-Sendung „Klartext“ sind auf den Vorgang gestoßen. Nach rekonstruierten Akten aus der Stasi-Behörde fotografierte die Stasi an der Grenze jahrzehntelang heimlich Pässe von Bundesbürgern und machte anhand der Fotos rund 60.000 Pässe nach. Mit diesen reisten dann Stasi-Doppelgänger als Bundesbürger getarnt in den Westen ein.

"Kontraste“ und „Klartext“ zufolge soll jeder zehnte einreisende Bundesbürger oder West-Berliner von dem Identitätsraub betroffen gewesen sein. Während die Stasi-Spione unter falschem Namen Informationen sammelten, ließ die Stasi die wahren Passinhaber währenddessen ständig beobachten, um eine Enttarnung ihrer Spione zu vermeiden. „Es wurden Dossiers angelegt über ahnungslose West-Berliner und westdeutsche Bürger“, bestätigte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn.

Die Unterlagen zu diesen Operationen lagerten 20 Jahre lang zerrissen in rund 16.000 Müllsäcken, die die Stasi beim Fall der Mauer 1989 nicht mehr rechtzeitig vernichten konnte. Der Inhalt von 500 Säcken konnte bislang in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert werden, das sind rund eine Million Dokumente.

Der RBB berichtet von einem West-Berliner, der dem Identitätsraub zum Opfer fiel. Mit der gestohlenen Identität des Berliners reiste ein Spion aus Jena quer durch Europa und knüpfte für die Staatssicherheit Kontakte. So warb der Wissenschaftler, der heute als Professor an der Uni Jena arbeitet, einen Kollegen aus Finnland an. Die beiden besorgten dann für die DDR Forschungsdokumente aus dem Westen und sammelten persönliche Daten von Wissenschaftlern. Beide Männer haben ihre Stasi-Tätigkeit dem RBB zufolge zugegeben.

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