Herbsttreffen der Bischöfe

Der Papst gibt den deutschen Katholiken Rätsel auf

Die These von der Entweltlichung der Kirche treibt die deutschen Bischöfe um. Will Benedikt XVI. am Ende auf die Kirchensteuer verzichten?

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Der Besuch des Papstes ist Geschichte, doch wenn die 68 Mitglieder des deutschen Episkopats sich am Dienstag in Fulda zu ihrer Herbstvollversammlung treffen, steht die Visite wieder im Mittelpunkt. Am Grab des heiligen Bonifatius wollen sieben Erzbischöfe, 20 Bischöfe und 42 Weihbischöfe das Rätsel knacken, das Benedikt XVI. ihnen im Freiburger Konzerthaus aufgegeben hat: Was ist mit der Forderung nach „Entweltlichung“ der Kirche und nach Verzicht auf „Privilegien“ gemeint? Hat der Papst damit angedeutet, dass die Kirchensteuer abgeschafft gehört?

In der Tat hatte Benedikt schon als Kardinal seine Vorbehalte gegen die deutsche Kirchensteuer und die Staatsleistungen nicht verhehlt. 1994 zum Beispiel gab er zu bedenken, ob man „in Zukunft“ vielleicht zu einer anderen Form der Finanzierung finden könne, mit der die Kirche unbefangener leben könne; die Aufforderung zu einer „Entweltlichung“ ist auch Texten des Professors Joseph Ratzinger zu entnehmen.

Sein Freund Joachim Meisner, Kardinal und Kölner Erzbischof, ist jetzt prompt auf dieses Thema zurückgekommen. Seit Jahren vergleicht er die Kirche mit einem Auto, bei dem die Karosserie größer ist als der Motor. Den müsse sie aber verstärken oder „eine kleinere Karosserie montieren, damit das Auto zu seinem Ziel kommt, nämlich zum himmlischen Jerusalem“. Noch so perfekte Strukturen, noch so ausgefeilte Konzepte seien letztlich sinnlos, „wenn sie nicht beseelt sind von unserer Glaubenskraft“.

Politische Diskussion über "Abbau von Privilegien"

Nun haben Benedikts Freiburger Thesen die politische Diskussion über einen „Abbau von Privilegien“ aufs Neue entzündet. Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, und einige seiner Amtsbrüder bemühten sich, das Feuer auszutreten.

Nach Ansicht des Trierer Oberhirten Stephan Ackermann kann keineswegs von einer Schelte für die deutsche Kirche die Rede sein, Benedikt habe seine selbstkritische Perspektive auf die ganze Kirche gerichtet, mithin auch auf den Vatikan.

Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) fragten keck: Habe nicht Professor Ratzinger einst auf Lehrstühlen gesessen, die vom deutschen Staat finanziert wurden? Solle etwa auch diese Konstruktion „entweltlicht“ werden? Und müsse im Zeichen einer „armen“ Kirche nicht auch Rom auf das große Geld aus Deutschland verzichten? Immerhin fließen Jahr für Jahr mindestens acht Millionen Euro dorthin.

Kirchenvermögen ist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck

Die Exegeten der Papstworte haben also in Fulda das Wort. Dass es dem Pontifex „um das grundsätzliche Verhältnis der Kirche zur Welt“ gehe, möchte „Ökumenebischof“ Gerhard Ludwig Müller (Regensburg) betonen. "Morgenpost Online“ sagte Müller, dieses Verhältnis sei gewissermaßen dialektisch: „In der Welt, aber nicht von der Welt.“

Die Kirche diene dem Menschen nach den Maßstäben des Evangeliums Christi „und nicht nach den Maßstäben der Welt, das heißt Erfolg, Karriere, Ansehen, Geld und Macht“. Die Finanzierung aller pastoralen, pädagogischen und karitativen Einrichtungen stehe auf einem „anderen Blatt“. Das Kirchenvermögen sei Mittel zum Zweck, aber nicht Selbstzweck.

„Wir dürfen uns wegen des wesentlichen Beitrags der Kirche zur Gestaltung einer humanen und gerechten Welt nicht durch eine Gesellschaftskonformität legitimieren, indem wir uns der Notengebung von Politikern und Medienleuten servil andienen und meinen, eine ,gute Presse haben‘ sei das Wichtigste“, mahnt der Regensburger Bischof, der für seine guten persönlichen Beziehungen zum Papst bekannt ist. Kirche müsse sich immer „entweltlichen“, müsse von Lob und Tadel der Meinungsmacher frei werden „und sich stattdessen von Christus immer wieder in Form bringen lassen“.

Ökumenebeauftragter geißelt „Gerede von enttäuschten Erwartungen“

Darüber hinaus wird es in Fulda auch um ökumenische Themen gehen. Mit Blick darauf vermisst Müller auf evangelischer Seite ein Entgegenkommen und zeigt sich erstaunt über manche Reaktionen auf die Erfurter Begegnung des Papstes mit Protestanten. In Sachen Ökumene gehe es nicht nur um eine Vorwärtsbewegung, sondern um die Vertiefung, deren Gegenteil die Verflachung sei.

Ökumenebeauftragter Müller: „Wie könnte man evangelisch-reformatorischen Christen mehr entgegenkommen, als die zentrale Frage Martin Luthers nach dem gnädigen Gott neu zu formulieren? Das ist nichts weniger als das gemeinsame Thema aller Christen in einer säkularisierten Gesellschaft, die Gott an den Rand verweist.“

Auf das „Gerede von den enttäuschten Erwartungen“ könne er nichts geben, denn „auch wir Katholiken könnten so reagieren, weil es von protestantischer Seite kein Entgegenkommen, also Abrücken von den eigenen Glaubensüberzeugungen“ gebe.

„Welches Geschrei würde erhoben, wenn wir Katholiken uns beklagten, weil in Erfurt kein einziges Mal vom sakramentalen Verständnis der Kirche – mit der apostolischen Sukzession der Bischöfe und dem Primat des Papstes – gesprochen wurde als der eigentlichen Voraussetzung des gemeinsamen Herrenmahls.“

Größere "Barmherzigkeit" gegenüber Geschiedenen

Seine kritischen Bemerkungen münden bei Müller in ein Plädoyer für eine Ökumene mit Herz und theologischem Sachverstand statt „medial in Szene gesetzter Betroffenheitsbekundungen, die nur alte Klischees und Vorurteile wieder auf den Plan rufen“.

Auch geht die Debatte über eine Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten weiter. Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) tritt mit einer Unterschriftenaktion für eine solche Regelung der „Barmherzigkeit“ ein, wie sie auch von Erzbischof Zollitsch angedeutet worden war. Das betont konservative Forum Deutscher Katholiken sieht in dem Vorgehen eine nicht zu duldende „Aufforderung zum offenen Ungehorsam“.