Junger Nachwuchs

Warum eine Studentin freiwillig der FDP beitritt

Es gibt sie tatsächlich: Menschen, die jüngst der Partei beigetreten sind – trotz des miserablen Ansehens der Partei. Was hat sie bloß dazu getrieben?

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Bevor Tiffany Kogler ihrer liberalen Leidenschaft nachgehen kann, muss sie noch über fünf Stunden lang operieren. Die 21-jährige Medizinstudentin ist kürzlich der FDP beigetreten – in der vielleicht schwierigsten Phase der Partei, bei miesen Umfragewerten und einer miserablen Reputation ihrer führenden Köpfe. Kogler irritiert das nicht. Sie besucht am Wochenende ihren ersten Parteitag .

Erst aber geht sie ihrem Nebenjob als OP-Assistentin in einer Münchner Privatklinik nach, später steigt sie ins Auto und fährt nach Frankfurt. Am Samstagvormittag betritt Tiffany Kogler die Halle 1 der Frankfurter Messe. Hier tagt die FDP. „In Verantwortung“ und „für die Freiheit“ ist auf der Stirnwand der Halle zu lesen. In den Reihen der Gäste, nicht der Delegierten, nimmt die Medizinerin Platz.

Vor Röslers Rede skeptisch

Um 12.27 Uhr blickt Tiffany Kogler konzentriert auf die Parteitagsbühne; gerade eilt Philipp Rösler ans Rednerpult. „Er hat ja versprochen, zu ,liefern‘, aber bisher ist nicht viel angekommen“, zeigt sich Tiffany Kogler vor dessen Rede skeptisch: „Ich bin gespannt, wie er das in Angriff nehmen will.“

Knapp eine Stunde lang redet ihr Parteivorsitzender – und Kogler hört aufmerksam zu. Immer wieder applaudiert die junge Frau. Sie spendet Beifall, als Rösler gegen den Mindestlohn wettert, für das „liberale Bürgergeld“ wirbt und betont, alle Liberalen seien „pro-europäisch“.

Doch echte Begeisterung, ja Euphorie offenbart Tiffany Kogler nicht. Außerdem missfällt ihr, dass Guido Westerwelle an der Peripherie des Parteitagspodiums platziert ist. Links von ihm sitzt Klaus Kinkel, rechts von ihm: niemand. „Man muss den ja nicht nach ganz außen setzen“, meint Kogler: „Er war lange genug Parteivorsitzender und ist ja noch immer Außenminister.“

"Gemein, aber nicht schlecht"

Rösler mokiert sich während seiner Rede – nicht ganz so eloquent wie einst Westerwelle – über die Staatsgläubigkeit der Grünen. In Dänemark hätten die dortigen Grünen gar eine Fettsteuer durchgesetzt, und sogleich lässt Rösler einen Spott folgen: „Kein Wunder, dass sich Sigmar Gabriel jetzt von den Grünen distanziert.“ Lachen kann Tiffany Kogler darüber nicht, auf Nachfrage nennt sie Röslers Sottise „gemein, aber nicht schlecht“.

Gemein, aber nicht schlecht – vielleicht trifft dieses Urteil all jene Teile von Röslers Rede, die sich mit dem politischen Gegner befassen. Doch viel mehr gibt der Auftritt des erst im Mai zum Vorsitzenden gewählten Rösler wohl auch für sein Neumitglied Kogler nicht her. Als er in den Saal ruft, die FDP werde eine europäische Transferunion, Eurobonds und Jürgen Trittin als Bundesfinanzminister verhindern, heben sich Koglers Hände nur sehr zögerlich zum Applaus.

„Richtig gut“ hingegen findet sie, wie Rösler für den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) wirbt, über den nun ein Mitgliederentscheid der FDP befinden wird. Die Unterlagen dazu hat Tiffany Kogler noch nicht erhalten; sie weiß schon jetzt, wie sie abstimmen wird: nämlich zugunsten des permanenten Rettungsschirms, also dem Antrag der FDP-Spitze folgend.

Für eine „kluge Regulierung“ setzt sich Rösler ein – bisher nicht eben übliche Begrifflichkeiten in der Welt der FDP. Kogler verzieht dazu ebenso wenig das Gesicht wie zu Röslers Schelte, es gehe nicht an, dass Computersysteme allein dazu dienten, schnell Gewinne zu maximieren.

Im Mai den Julis beigetreten

Erst im Mai ist Tiffany Kogler den Jungen Liberalen beigetreten, schon heute gehört sie deren Bezirksvorstand Oberbayern an. Wenigstens Karrieren sind bei den Liberalen noch schnell möglich. „Am meisten halte ich von Christian Lindner“ sagt sie. Der tourte schon damals als Generalsekretär durch die Republik – Kogler hörte ihm zu und war angetan.

Vor zwei Monaten entschied sie sich für den zweiten Schritt. Sie wurde Mitglied der FDP – wenngleich aus ziemlich konventionellen Gründen. Während sie nämlich den Lohnzettel zu ihrem ersten Ferienjob erhielt, reagierte sie entsetzt. Neben Steuern entdeckte sie darauf noch die Abzüge des Solidaritätszuschlags.

„Ich sehe nicht ein, dass ich für den Osten zahle, für Bereiche, die nicht notwendig sind“, sagt Kogler. Seitdem plädiert sie – „Ich habe nie gleichzeitig mit der DDR existiert“ – dafür, den Soli abzuschaffen und dazu noch gleich den Länderfinanzausgleich.

"Einzige Partei, die wirtschaftlich einen Plan hat“

Roland Kann ist noch nicht ganz so weit wie Tiffany Kogler. Der 64-jährige Unternehmer hat sich aber fest vorgenommen, den Liberalen beizutreten, noch in diesem Jahr soll das passieren. Kann stammt aus dem Münsterland, wohnt in der Schweiz – und macht sogleich klar, dass er nicht wegen, sondern trotz der derzeitigen Verfassung Mitglied werden will.

„Die FDP ist die einzige Partei, die wirtschaftlich einen Plan hat“, sagt er und malt ein düsteres Bild Deutschlands: „Wir stehen da, wo sich Portugal, Spanien und Griechenland vor zehn Jahren befunden haben. Wir sind nicht besser dran.“ In die Zukunft blickt Kann pessimistisch: „In zehn Jahren müssen wir gerettet werden. Aber dann ist keiner da.“

So viel Düsternis ist Reiner Kehren fremd. Der 42-Jährige ist erst im August der FDP beigetreten. Kehren vertreibt für ein amerikanisches Unternehmen Dosiersysteme für Reinigungsmittel in Nord- und Osteuropa. Die Schweiz und Polen, Schweden und Bulgarien – Kehren ist ständig unterwegs.

Wird er nach seiner Wochenarbeitszeit gefragt, so rechnet er die vielen Fahrten und Flüge ab, und es liegt allein an seiner zurückhaltenden Art, wenn er sagt, er arbeite „wohl etwas mehr als in einer klassischen 40-Stunden-Woche“.

"Ich zahle viel Steuern"

Reiner Kehren schuftet kräftig; er sitzt eher selten vor dem Fernseher im heimischen Mühldorf am Inn, eine Autostunde entfernt von München. Kehren also zählt zur arbeitenden Mitte der Gesellschaft, die sich zuweilen als Lastesel der Nation versteht. Und doch sagt Kehren Sachen, die so ziemlich jedem Klischee über die FDP und deren Anhänger widersprechen. Jener Satz ist simpel und erscheint doch so sensationell. „Ich zahle viel Steuern“, sagt Reiner Kehren, „aber ich empfinde es nicht als zu viel.“

Seit Jahren stimmt Reiner Kehren für die FDP, er ist einer aus dem seit je bescheidenen Fundus ihrer Stammwähler. Kehren lässt keinen Zweifel daran, wie viel er von seiner politischen Heimat hält. Er spricht noch mehr Sätze aus, die inzwischen wohl jede Familienfeier in einen Eklat führen würde und manches Partygespräch zum Erliegen.

Kehren sagt: „Ich identifiziere mich mit der FDP, und ich habe das Bedürfnis, das zu bekennen.“ Über Monate hinweg spielte er mit dem Gedanken ihr beizutreten. Im Juli war es so weit. Seinen Mitgliedsantrag füllte er im Internet aus, die Unterlagen kamen mit der gelben Post, seit dem 1. August ist Kehren Mitglied der Freien Demokratischen Partei. Und er fühlt sich gut dabei.

Verzicht auf politische Alltagssprache

Überbordende Erwartungen an die FDP knüpft er nicht, und auf ihre politische Alltagssprache verzichtet er konsequent. Man kann mit Reiner Kehren fast zwei Stunden lang reden, ohne dass die Begriffe Spitzensteuersatz, Mittelstandsbauch oder kalte Progression fallen (in Röslers Rede fällt die „kalte Progression“ in Minute sechs). Vielleicht ist es diese kalte, technokratische, überdies nicht ganz neue Rhetorik, die viele Menschen inzwischen von der FDP abstößt.

Dem Handlungsreisenden und Ökotrophologen Kehren indes gelingt das, wozu viele führende Köpfe seiner Partei nicht in der Lage sind. Nämlich ausgreifend zu begründen, warum es eines parteipolitisch organisierten Liberalismus bedarf.

Neumitglied Kehren beschäftigt es, wie die Weimarer Republik einst scheiterte und Deutschland in den Nationalsozialismus abdriftete. Sein Engagement versteht er auch als Antwort auf diese Schwäche von Demokratie und Demokraten. Die Freiheit müsse verteidigt werden, sagt er.

Mit dem Freiheitsgedanken und der Vernunft lasse sich viel mehr erreichen als mit Gesetzen und Regulierungen. Im Beruf erlebt er, wie Firmen und Kunden einfach nur rational agieren – und damit Ressourcen schonen.

"Diese Zerrbilder helfen nicht weiter"

Die zum Gängelband neigenden Etatisten sind ihm ebenso fremd wie all jene, die den Staat als brutale Krake und dessen Haushalte als schwarzes Loch beschreiben. „Diese Zerrbilder helfen nicht weiter. Sie machen einen auch selbst nicht glücklicher“, sagt er nüchtern und offenbart damit noch etwas, was der FDP seit geraumer Zeit fehlt: Optimismus nämlich.

Kehren traut Rösler einen Stimmungsumschwung zu, „beeindruckend“ nennt er ihn und rät, der neuen Führung Zeit zuzugestehen. Eines weiß Reiner Kehren schon jetzt: Im nächsten Wahlkampf wird er an Infoständen für die FDP werben. Und es klingt eher optimistisch als trotzig, wenn er prophezeit: „Totgesagte leben länger.“