Wahl-Posse

Unfreiwillig via Internet zur Kandidatin gekürt

Sie taucht auf keinem Wahlzettel auf – und doch könnte Claudia Grau Nürtingens neue Oberbürgermeisterin werden. Gegen ihren Willen. Dank Internet.

Foto: Stadt Nürtingen

Die Stadt Nürtingen kann am Sonntag Wahlgeschichte schreiben. Erstmals könnte der OB-Sessel quasi aus dem Internet besetzt werden – und mit einer Kandidatin, die gar nicht antreten wollte und folglich nicht auf dem Wahlzettel auftaucht.

Bürgermeisterin Claudia Grau (parteilos) wurde wider Willen von Sympathisanten via Internet auf den Schild gehoben. In sozialen Netzwerken wie Google+ und Facebook, beim Kurznachrichtendienst Twitter oder per E-Mail-Kette werden die Wähler aufgerufen, Grau nachträglich auf den Stimmzettel zu schreiben. Mit Erfolg: In der ersten Runde der OB-Wahl am 9. Oktober erreichte Grau rund 6 Prozent.

"Ihre Wahl wäre gültig"

Inzwischen hat zudem ein Kandidat der Grünen, der damals auf rund 10 Prozent kam, zurückgezogen – und Claudia Grau empfohlen. „Ihre Wahl wäre gültig. Sie muss sie dann nur noch annehmen“, bestätigte eine Sprecherin der Stadt. Einzige Voraussetzung: Claudia Grau muss auf dem Stimmzettel klar identifizierbar sein – etwa durch den Zusatz „Bürgermeisterin“.

Favorit bleibt trotz allem Amtsinhaber Otmar Heirich (SPD), der bei der Wahl am 9. Oktober mit rund 40 Prozent zwar die weitaus meisten Stimmen bekam, die nötige absolute Mehrheit aber doch klar verpasste. „Das ist ein sehr schlechtes Ergebnis für einen amtierenden Oberbürgermeister. Die Situation ist für den OB brandgefährlich“, sagte der Tübinger Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling der „Stuttgarter Zeitung“.

"Höchst befremdlich" und "undemokratisch"

OB Heirich selbst empfindet die Internet-Aktion als „höchst befremdlich“ und „undemokratisch“. Dahinter steckten offenbar Leute „aus der links-alternativen Ecke“, die sich nicht sonderlich für die Wahl interessierten – aber ihren Spaß haben wollten. Zu Claudia Grau habe er nach wie vor ein hervorragendes Verhältnis. „Wir sind ein gutes Team – und wollen Nürtingen voranbringen.“

Grau betonte in einer Erklärung im Gemeinderat, dass sie nach wie vor nicht zur Wahl stehe und mit der Kampagne im Netz nichts zu tun habe.

Sie hatte stets betont, nicht gegen ihren Chef antreten zu wollen. Inzwischen nehme das Ganze ungute Ausmaße an. „Alle leiden“, sagte Grau am Dienstag. Aber was macht sie, wenn sie gewählt wird? „Dazu sagte ich nichts. Das wäre Wahlbeeinflussung.“

Auf dem Wahlzettel für Sonntag stehen neben Heirich auch Sebastian Kurz von der CDU und der parteilose Industriemechaniker Andreas Deuschle. Kurz hatte zuletzt 25,5 Prozent geholt, Deuschle fast 6 Prozent.

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