Ultras

Unfassbare Brutalität in deutschen Fußballstadien

Die Gewalt rund ums Stadion hat laut Polizei neue Ausmaße angenommen. Bei der Suche nach Auswegen nehmen Ordnungshüter und Vereine die Ultras ins Visier.

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Mal warfen Kölner Fans mit Fäkalien gefüllte Becher in die Schalker Fanblöcke, mal stürmten sie zu 80 Mann einen Polizeiwagen, um einen gefangenen Kölner zu befreien. Dann wieder verprügelten sie zwei überraschte Polizisten vor dem Kölner Stadion, wobei die Schläger sich erst noch darüber stritten, wer als erster auf den am Boden liegenden Beamten springen dürfe. Und jüngst stellten sie sich sogar den Wecker, um in Leverkusen pünktlich um 4.45 Uhr einen Bus mit Fans der verhassten Bayer-Elf anzugreifen, die gerade vom Auswärtsspiel zurückkehrten.

Geschichten dieser Art lassen sich von fast allen deutschen Fangemeinden der oberen Ligen erzählen. Gemeinsam ist diesen Fällen laut Polizeiexperten vor allem eins: Meist entstammen die Täter dem sogenannten Ultra-Milieu. Und wer die Gewalt im Fußball begrenzen wolle, der müsse an diese weitgehend unerforschte Fangruppierung endlich herankommen – zu diesem Ergebnis kamen Vereinsvertreter, DFB und Experten der Gewerkschaft der Polizei (GdP) diese Woche bei einem GdP-Kongress im Kölner Rheinenergiestadion.

Ultras sind für die Stadionatmosphäre unverzichtbar

Allerdings forderte niemand, die Ultras schlechthin zu bekämpfen. Denn diese in den 90er-Jahren entstandene Jugendbewegung ist weitaus komplexer und anziehender als etwa die früheren Hooligans, die stets Schlägereien suchten und den Fußball dafür nur als Anlass bemühten. Bei den Ultras dagegen handelt es sich meist um leidenschaftliche und opferbereite Fans, die für die Stadionatmosphäre unverzichtbar sind und zum Teil geradezu kulturkritische Anliegen verfolgen.

Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen steht, dass rund 20 Prozent dieser überwiegend 15- bis 25-Jährigen in die Gewalt abdriften laut „Zentraler Informationsstelle für Sporteinsätze“ der Polizei. Und wenn ein Fünftel von mindestens 25.000 Ultras in Deutschland mit der Gewalt flirtet, ist das eine politisch relevante Größe, zumal ihr sympathisierendes Umfeld etwa fünfmal so groß ausfällt.

Dass diese Gruppe nun ins Visier gerät, kann also wenig überraschen, zumal der Handlungsdruck bei Sicherheitskräften und Vereinen immens ist. So wurden im Vorjahr bundesweit 784 Menschen durch Gewalt im Fußball zum Teil schwer verletzt, 2007 waren es erst 501.

Besonders stark stieg die Verletztenzahl bei den unschuldigen Zufallsopfern und den Polizisten. Die Zahl der Strafverfahren schnellte gar von 3493 im Jahr 2000 auf 8028 im Vorjahr hoch. Und die Qualität der Gewalt hat sich dramatisch verschärft, so warnt Bernd Heinen, Polizeidirektor und Experte im NRW-Innenministerium. Heutzutage sei es leider nicht mehr so selten, dass Beamte drei Wochen lang nichts mehr hörten, weil ein Kracher neben ihrem Ohr angezündet wurde, oder dass ein Kollege mit Jochbeinbruch eingeliefert wurde, weil Gewalttäter ihm eine Flasche ins Gesicht warfen.

Einsätze kosten die Steuerzahler hunderte Millionen

Aber auch die Kosten der Einsätze sind beeindruckend. Allein in NRW arbeiten hochgerechnet 1354 Polizisten pro Jahr ausschließlich, um Fußballspiele zu sichern. Legt man die alte Faustformel zugrunde, nach der (sehr grob) ein Polizist 50.000 Euro pro Jahr kostet, musste der Steuerzahler 2010 allein für das NRW-Polizeiaufgebot in den ersten beiden Ligen 677 Millionen Euro zahlen. Trotzdem kommt es weiter zu Gewaltausbrüchen. Was kann man dagegen tun?

Vor allem müssen die Ultras endlich die Gewalttäter aus ihren Reihen ausschließen – auf diese Forderung einigten sich nun Vertreter aus den Landesinnenministerien, von Vereinen, DFB und Polizei. Zumindest theoretisch.

Dennoch wirft der GdP-Landesvorsitzende Frank Richter den Profiklubs vor, sie müssten sich „von gewaltbereiten Ultras weit klarer distanzieren“ und „mehr Druck auf diese Gruppen ausüben, die Gewalttäter auszugrenzen“. Bislang hofierten die Vereine ihre Ultras geradezu.

Vereine bestrafen gewalttätige Ultras zu mild

Naturgemäß sehen das die Kritisierten anders. Beispiel FC Köln: Die Fäkalienwerfer aus dem Schalke-Spiel erhielten nun ein dreijähriges Stadionverbot . Und auch die Gewalt gegen zwei Polizisten vor dem Kölner Stadion wurde bestraft. Da die Täter der Ultragruppe „Wilde Horde“ angehörten, entschuldigte sich die „Horde“ zwar kurz nach der Tat schriftlich.

Die angekündigte persönliche Entschuldigung blieb aber aus. Sechs Monate wartete die Vereinsführung darauf, erst dann bestrafte sie die „Horde“: Während der Hinrunde der Saison darf sie keine Info-Stände aufbauen, keine großen Fahnen schwenken und diese nicht im Stadion deponieren. Polizeivertreter bemängelten dies als matt, der FC fand den Privilegienentzug schmerzhaft genug.

Dass Vereine eher mild mit ihren Ultras umgehen, ist verständlich. Erstens gelten vier Fünftel der Ultras ja als friedlich. Außerdem sind sie längst unverzichtbar geworden, weil sie dem Stadion Kolorit geben durch bunte, oft riesige Choreografien mit Hunderten von Fahnen und Plakaten.

Leidenschaftliche und opferbereite Fans

Aber auch die meisten Lieder, Sprechgesänge und Anfeuerungsrufe während des Spiels stammen von ihnen. Überspitzt: Die Stimmung im Stadion steht und fällt vielleicht mit dem Spielverlauf, ganz sicher aber mit der Anwesenheit der Ultras. Diese Macht demonstrieren sie gelegentlich bei Testspielen, indem sie zu Hause bleiben. Solche Partien sind atmosphärische Tiefpunkte – und für das Unternehmen Fußballklub desaströs.

Aber nicht nur DFB und Vereine, auch die Polizei selbst plädiert für einen Dialog mit den Ultras, gerade weil sie in diesen Gruppen nicht primär Schläger sieht. In der Tat. So verkaufen Schalker Ultras auf dem Weihnachtsmarkt Plätzchen für den guten Zweck, und Kölner Ultras sammeln für Hospize und Kinderheime. Obendrein sind viele dieser Fans offenkundig an Inhalten interessiert.

Unermüdlich engagieren sie sich gegen die ausufernde Kommerzialisierung des Fußballs, womit sie manchem Fußballfreund aus dem Herzen sprechen dürften. Das Söldnertum der Spieler, die Benennung von Stadien nach Banken, Energielieferanten oder Schnapsproduzenten, die Verdrängung von Fanplakaten durch Werbeflächen oder das fast demonstrative Desinteresse in mancher VIP-Lounge am Spiel stößt auf erbitterten Widerstand bei diesen Fans. Viele Ultras sind, wenn man so will, vermarktungskritische Puristen.

So straff organisiert wie "leninistische Kaderorganisation"

Und: Sie sind kein chaotischer Haufen, mit dem man schon deshalb nicht in den Dialog treten könnte, weil niemand für die Gruppe zu sprechen vermag. Im Gegenteil: Sie sind so straff organisiert, dass sie den Sportreporter Manni Breuckmann an eine „leninistische Kaderorganisation“ erinnern.

Längst sorgen sie auch schon in ihren Gruppen – begrenzt – für Friedlichkeit. Wer etwa Kracher zündet oder damit herumwirft, wird schnell diszipliniert. So befolgt man bei der „Wilden Horde“ die pädagogisch überzeugende Maxime „Wer böllert, kriegt eine geballert“.

Studie attestiert "absolute Resistenz gegen Regeln"

Für die Chancen eines Dialogs spricht auch, dass zu den Ultras eine ganze Menge Akademiker gehören, die sich in Fanzeitungen und Internet, aber auch bei juristischen Vorstößen gegenüber dem DFB zu artikulieren wissen (vor allem wenn es darum geht, nach italienischem Vorbild nicht Böller, wohl aber bengalische Feuer im Stadion zu legalisieren). Dagegen spricht indes eine Mentalität, die in einer Leipziger Untersuchung jüngst als „absolute Resistenz gegen Regeln“ bezeichnet wurde.

Besonders unbeliebt seien Regeln, deren Einhaltung die Polizei überwache. Die avancierte im Laufe der Jahre zum Feindbild Nummer eins, weshalb bei den Ultras ein Kontaktverbot gegenüber Ordnungshütern gilt. Woran das liegt, erklären Sozialarbeiter wie Andreas Schmidt vom Kölner Fan-Projekt so: Fans würden Polizisten häufig „als hochgerüstete Helmträger“ erleben, die sie bei An- und Abreise bedrängen, in enge Züge mit verschlossener Toilette quetschen und sogar Kurzbesuche in der Pommesbude verbieten. Die Fans bräuchten erst einmal ein Signal, dass auch die Polizei abrüsten wolle.

Und damit stoßen die Fansozialarbeiter in vielen Bundesländern auf offene Ohren. In Landesinnenministerien von NRW über Bremen bis Baden-Württemberg wird bereits an Konzepten gearbeitet, wie man den Polizeiauftritt deeskalierender gestalten könne.

Und auch an den unwürdigen Bedingungen bei Bahnfahrten möchten rot-grüne Innenpolitiker und GdP-Experten etwas ändern. Die wichtigste Entscheidung liege allerdings in den Händen der Fans, sagt Fachmann Heinen: „Nicht die Polizei, sondern die Ultrabewegung muss klären, wie sie Gewalttäter effektiv ausgrenzt“ – und ob sie die schönste Nebensache der Welt weiter verzaubern oder vergiften will.