Nordrhein-Westfalen

Wie es für eine arme, schrumpfende Stadt aufwärts geht

Altena hat kein Geld und immer weniger Einwohner. Trotzdem geht es bergauf. Die Finanznot setzt ungeahnte Kräfte frei.

Foto: picture alliance / Arco Images G / picture alliance / Arco Images G/Arco Images GmbH

Was macht ein Bürgermeister ohne Geld? Er gibt auf. Oder er geht neue Wege. So wie Andreas Hollstein im südwestfälischen Altena. Die Stadt steckt tief in den roten Zahlen. Und doch ist es Hollstein gelungen, in Altena etwas zu bewegen – zusammen mit den Bürgern. Die Finanznot hat ungeahnte Kräfte freigesetzt.

In einer Gemeinschaftsaktion verlegten Altenaer Bürger ein neues Pflaster in der Fußgängerzone – weil die Schlaglöcher zu groß geworden und die Kosten für die Stadt zu hoch waren, um die Mängel zu beseitigen. Hollstein ist noch immer stolz auf diese Aktion: "Das ist mehr als Kosmetik. Das stärkt das Wir-Gefühl." Hollstein wurde in Altena geboren, hat fast sein ganzes Leben hier verbracht. Die Verbundenheit mit seiner Heimat spornt ihn an: "Ich will zeigen, dass Altena eine ,Perle' sein kann."

Niedergang begann in den 70er-Jahren

Hollstein sitzt in seinem Büro im Rathaus: Schrankwand, Schreibtisch, wuchtige Stühle mit grünem Polster. Von seinem Fenster überblickt er das enge Tal der Lenne bis hinauf zur Burg Altena – dem Wahrzeichen der Stadt. Dort oben eröffnete der Altenaer Lehrer Richard Schirrmann vor einem Jahrhundert die erste Jugendherberge der Welt.

Unterhalb der Burg dokumentiert das Deutsche Draht-Museum den traditionsreichsten Wirtschaftssektor der Stadt. Altenaer Betriebe produzieren fast ein Fünftel aller Stahldrähte weltweit. In vielen Autos steckt irgendwo Draht aus Altena. Hier werden Bleche für die Ariane-Rakete geformt und Rohre für Pipelines gefertigt. Eine solide wirtschaftliche Basis. Und doch ist Altena von einem ausgeglichenen Haushalt weit entfernt. Kaum eine andere Stadt in Nordrhein-Westfalen hat mehr Schulden.

Der Niedergang der Stadt begann in den 70er-Jahren. Der Radiobauer Graetz zog weg, der Stricknadelhersteller Inox machte dicht. Seit 1970 ist die Zahl der Einwohner von 30.000 auf heute etwa 18.000 gesunken. Keine andere Stadt in Nordrhein-Westfalen ist stärker geschrumpft. Und die Einwohnerzahl wird weiter zurückgehen, der Anteil alter Menschen steigen. Auch andere Städte blicken in eine schwierige demografische Zukunft. Doch Hollstein hat beschlossen, im Wandel eine Chance zu sehen.

Es zog Hollstein zurück nach Altena

Hollstein, Jahrgang 1963, stammt aus einer Altenaer Kaufmannsfamilie. Sein Großvater verkaufte Musikinstrumente, sein Vater hatte ein Spielwarengeschäft. Schon mit 17 Jahren schrieb Hollstein einer Schulkameradin ins Poesiealbum, er wolle einmal Stadtdirektor von Altena werden. Auch während des Jurastudiums in Bonn fuhr er regelmäßig nach Hause. Vier Jahre war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Berliner Büro eines Bundestagsabgeordneten. Doch es zog ihn zurück nach Altena.

Verschlafene Provinz, in die Hollstein neuen Schwung bringen wollte. Er kann sich noch genau an jenen Abend in der Kneipe erinnern, als er mit Freunden an der Theke stand und über die Stadt lästerte. Wieder einmal. Am nächsten Morgen fasste er den Entschluss, nicht länger nur zu jammern. 1994 stellte er sich als CDU-Kandidat für das Amt des ehrenamtlichen Vizebürgermeisters zur Wahl. 1999 wurde er zum hauptamtlichen Bürgermeister der Stadt gewählt.

Freibad und Schule geschlossen

Von Anfang an setzte er auch unpopuläre Maßnahmen durch: Er schloss eines der beiden Freibäder. Strich die Zuschüsse für Sportvereine und Senioren. Baute im Rathaus kräftig Personal ab. Schaffte den Dienst-Mercedes samt Chauffeur ab und fährt jetzt VW Polo. Setzte durch, dass leer stehende Wohnungen abgerissen werden. Und löste eine Schule im Stadtteil Knerling auf.

Die ehemaligen Klassenräume nutzen die Knerlinger inzwischen für ihren "Generationentreff": Grillen, Tischfußball, Billard. Die Volkshochschule hält hier Kurse ab. Der Gesangsverein trifft sich zum Üben. Das Miteinander der Generationen ist Hollstein besonders wichtig. Daher beteiligte er sich mit Altena auch an einem Projekt der Bertelsmann-Stiftung "Neues Altern in der Stadt".

Jugendliche bieten jetzt Handykurse für Senioren an. Mädchen und Jungen engagieren sich als Vorleser für ältere Mitbürger. Eine pensionierte Krankenschwester bringt junge und alte Menschen in einer Malgruppe zusammen. Das Miteinander fördert den gegenseitigen Respekt. Koordiniert werden die Aktivitäten im sogenannten "Stellwerk". Das Büro ist zugleich Anlaufstelle für Bürger, die ehrenamtlich aktiv werden wollen. Die Menschen identifizieren sich wieder stärker mit ihrer Stadt, stellt Hollstein fest. Das hebt die Stimmung.

Patenschaften für Blumenkästen

Noch vor wenigen Jahren hatten die Altenaer das Gefühl, in einer sterbenden zu Stadt zu leben. Verächtlich sprachen sie vom "Venedig des Nordens", weil die Lenne so oft über die Ufer trat und die Innenstadt dann im Wasser versank. Inzwischen wurde der Hochwasserschutz verbessert und der schmale Uferweg zu einer breiten Promenade für Spaziergänger ausgebaut. Die Anwohner können Patenschaften für Blumenkästen übernehmen. So kommt Farbe in die Stadt.

Doch gemeinsames Engagement muss auch einem gemeinsamen Ziel folgen: Zusammen mit Experten und in vielen Treffen mit den Bürgern hat Hollstein das Konzept "Altena 2015" erarbeitet: Zehn Handlungsfelder mit 314 Maßnahmen – vom Umbau des Bahnhofs bis zum Mehrgenerationen-Haus. Er hat erreicht, dass das Krankenhaus nicht geschlossen, sondern sogar erweitert wird. Zwölf Millionen Euro hat er allein in den Schulsektor investiert. Das Gymnasium wächst, weil auch immer mehr Eltern aus den Nachbargemeinden ihre Kinder nach Altena schicken.

Entscheidungen in Berlin schaffen zusätzliche Belastungen

Es mache ihn zufrieden zu gestalten, sagt Hollstein. Und doch umspielt manchmal ein sorgenvoller Zug seinen Mund: Weil Kommunalpolitik unter Sparzwang eben keine leichte Aufgabe ist. Weil der Bund die Kommunen bei der Stabilisierung ihrer Finanzlage zu wenig unterstützt. Und weil Entscheidungen in Berlin noch zusätzliche Belastungen für die Kommunen schaffen, wie etwa der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab dem ersten Lebensjahr.

2009 wurde Hollstein zum dritten Mal zum Bürgermeister gewählt – mit einer absoluten Mehrheit von 70 Prozent. Und er setzt schon wieder neue Pläne um. Jedes Jahr kommen mehr als 100.000 Besucher auf die Burg Altena. Der Weg dorthin aber ist steil und mühsam. Also soll ein 80 Meter hoher Fahrstuhl Burg und Innenstadt verbinden. Finanziert wird das Sechs-Millionen-Projekt mit EU- und Landesmitteln. Im Herbst sollen die Bauarbeiten beginnen.

Wenn der Aufzug 2013 eröffnet wird, so hofft Hollstein, werden auch wieder mehr Besucher durch die Fußgängerzone flanieren. Dort steht derzeit fast jeder zweite Laden leer. Die Fassaden sind noch geprägt vom Stil der 70er-Jahre. So als wäre die Zeit stehen geblieben. Hollstein aber glaubt an die Zukunft.

Immer mehr Bürger engagieren sich

Die Altenaer Unternehmen investieren wieder, was die Einnahmen aus der Gewerbesteuer zunächst zwar mindert, langfristig aber Arbeitsplätze sichert. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs nimmt stetig zu. Auch junge Leute hält es wieder in Altena. Und immer mehr Bürger engagieren sich. Weil es im Stadtteil Dahle kein Lebensmittelgeschäft mehr gibt, haben 350 Anwohner eine Genossenschaft gegründet und eröffnen jetzt einen Frischemarkt.

Zweimal schon wurde Altena als eine der innovativsten Kommunen in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Andere Bürgermeister fragen schon an, wie Hollstein das gemacht habe. Gute Chancen also, ein viertes Mal gewählt zu werden.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen