Bildungsforscher

"Deutschlands Unis sind stark unterfinanziert"

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Inga Michler

Foto: privat

Bildungsforscher Hans-Dieter Daniel fordert die Fusion von Universitäten. Wenige Spitzenunis sollten soliden Unis für die Masse gegenüberstehen.

Hans-Dieter Daniel ist einer der gefragtesten Berater von Hochschulen und Regierungen in ganz Europa. Der Professor für Sozialpsychologie und Hochschulforschung an der renommierten ETH Zürich ist überzeugt, dass es künftig eine Zweiteilung von Deutschlands Hochschulen geben muss. Die Spitzenforschung werde sich auf einige wenige Institute konzentrieren, die durch Fusionen eine „kritische Größe“ erreichen. Der große Rest solle solide Lehre für die breite Masse anbieten. „Es muss uns gelingen, das Ausbildungsniveau der breiten Bevölkerung anzuheben und gleichzeitig die Spitze noch spitzer zu machen“, sagt er.

Morgenpost Online: Professor Daniel, als Ratgeber und Gutachter haben Sie unterschiedliche Länder im Blick. Sind deutsche Hochschulen im internationalen Vergleich wirklich exzellent?

Hans-Dieter Daniel: Noch in den 70er- bis 90er-Jahren war die Situation desolat. Der damalige Präsident des Wissenschaftsrats, Dieter Simon, diagnostizierte zu Recht, die deutschen Universitäten seien im Kern verrottet. Seitdem gab es mit der Novelle des Hochschulrahmengesetztes, der Föderalismusreform und der Exzellenzinitiative einige wichtige Verbesserungen. Die Hochschulen bekamen mehr Autonomie und Eigenverantwortung und, was wichtig ist, auch mehr Geld.

Morgenpost Online: Über die Exzellenzinitiative sind seit 2005 1,9 Milliarden Euro geflossen. Hat sich diese Investition gelohnt?

Daniel: Unbedingt. Junge Spitzenforscher kommen aus dem Ausland zurück, und Universitäten geben ihren Fachbereichen stärkere Leistungsanreize. Dazu sollten sie noch deutlich mehr Geld bekommen. Deutschlands Universitäten sind im internationalen Vergleich stark unterfinanziert. Auch in anderen Ländern gibt es ja Exzellenzinitiativen. Die Schweiz beispielsweise hat bereits seit 2001 rund 1,5 Milliarden Franken, das sind rund 1,2 Milliarden Euro, in die entsprechenden Initiativen investiert. Um da mitzuhalten, müsste Deutschland, übertragen auf unsere Größe, rund zehn Milliarden Euro zusätzlich ausgeben.

Morgenpost Online: Ist mehr Geld denn tatsächlich der einzige Schlüssel zu mehr Qualität in Forschung und Lehre?

Daniel: Ohne Geld ist alles nichts, heißt es so schön. Die Universitäten brauchen aber auch zusätzliche Spielräume. Deutschland könnte zum Beispiel Immobilien in den Besitz der öffentlichen Hochschulen übergeben. Dann könnten die Universitäten selbst entscheiden, ob sie diese beleihen und renovieren oder verkaufen und neue Gebäude errichten, anstatt in völlig maroden Bauten vor sich hin zu arbeiten. Außerdem sind viele Universitäten hierzulande noch zu klein, um Spitzenforscher anzuziehen.

Morgenpost Online: Gibt es für Spitzenforschung in Ihren Augen eine kritische Größe?

Daniel: An der ETH in Zürich haben wir rund 400 Professoren, die Uni Zürich hat weitere 500. Damit sind wir zusammen immer noch nur halb so groß wie die renommierten staatlichen Universitäten Berkeley in Kalifornien oder die Universität Michigan in Ann Arbor. In Helsinki schließen sich gerade drei Universitäten zu einer neuen zusammen. Mehr Professoren bedeutet mehr Doktoranden und Post-Docs und idealerweise auch mehr Austausch unter den Forschern.

Morgenpost Online: Was passiert bei dieser Fokussierung auf die Spitzen-Unis mit der breiten Masse? Muss dort das Niveau der Ausbildung nicht zwangsläufig sinken?

Daniel: Ich würde das nicht dramatisieren. Deutschland strebt eine Akademiker-Rate von 40 Prozent an, liegt derzeit jedoch noch deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Im Jahr 2007 schlossen in Deutschland 23 Prozent eines Altersjahrgangs ein Hochschulstudium ab. In den Mitgliedsländern der OECD betrug die Absolventenquote im selben Jahr 36 Prozent. Für eine Kita-Erzieherin kann es durchaus nützlich sein, in einem Bachelor-Studium auch etwas über Entwicklungspsychologie zu lernen. Ein Automechaniker braucht nicht mehr nur einen Schraubenschlüssel, sondern auch Kenntnisse in der Elektrotechnik. Das muss aber kein Harvard-Abschluss sein. Es muss uns gelingen, das Ausbildungsniveau der breiten Bevölkerung anzuheben und gleichzeitig die Spitze noch spitzer zu machen.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielen dabei die privaten Hochschulen?

Daniel: In der Breitenausbildung spielen die Privaten eine wachsende Rolle. In der Forschungsexzellenz haben sie aber bisher noch keinen Platz. Die Spitzenforschung ist extrem teuer. Da haben sich bisher in Deutschland – mit Ausnahme der Jacobs University Bremen – noch keine privaten Finanziers gefunden, die bereit wären, eine nicht staatliche, breit diversifizierte Forschungsuniversität zu finanzieren. Nicht ohne Grund ist in der aktuellen Runde der Exzellenzinitiative bei den Zukunftskonzepten nicht eine private Hochschule am Start. Was exzellente Lehre betrifft, haben sich bisher lediglich einige Sparten-Hochschulen in Fächern wie Betriebswirtschaftslehre oder Jura etabliert. Dass das die günstigen Fächer sind, ist kein Zufall.

Morgenpost Online: Welche konkreten Schritte empfehlen Sie für die nächsten Jahre, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb um Talente mithalten kann?

Daniel: Wir müssen die höheren Budgets für exzellente Hochschulen auch nach dem Ende der Exzellenzinitiative 2017 verstetigen. Die Überlegung von Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Bundesuniversitäten herauszubilden, geht in die richtige Richtung. Diese herausragenden Universitäten könnten dann womöglich von Bund und Ländern in gemeinsamer Anstrengung finanziert werden. Sinnvoll könnte es dann auch sein, über einen Finanzausgleich nachzudenken unter Bundesländern, die viele Studenten teuer ausbilden, und solchen, die das nicht tun. Ein interessantes Instrument hierfür könnten Bildungsgutscheine sein.

Morgenpost Online: Ergebnis dürfte aber in jedem Fall eine größere Kluft zwischen Spitzenuniversitäten und Durchschnittshochschulen sein.

Daniel: Es wäre eine Fiktion, zu glauben, alle Hochschulen könnten gleich und vor allem gleich gut sein. Wir brauchen Hochschulen mit einer soliden Lehre für eine wachsende Zahl von Studenten. Und wir brauchen einzelne Spitzeninstitute mit exzellenter Forschung. Sie müssen Talente aus aller Welt anziehen und bezahlen können. Und die müssen die Freiheit haben, einen Großteil ihrer Zeit in die Wissenschaft zu investieren. Davon profitiert letztlich die Wirtschaft im ganzen Land.

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