Unterrichtsausfall

"Es kann nicht sein, dass unsere Kinder verblöden"

| Lesedauer: 11 Minuten
Thomas Vitzthum

Foto: Sven Doering / Agentur Focus / Sven Doering / Agentur Focus/Sven D ring / Agentur Focus

Jede Woche fallen rund eine Million Unterrichtsstunden aus. Manuela König hat davon genug. Die Mutter kämpft mit einer Protest-Aktion gegen die Sparmaßnahmen der Politik an.

Eigentlich wäre es Manuela König lieber, es gäbe diese vielen bunten Bilder gar nicht. Dabei macht es ihr jedes Mal Freude, die Post zu öffnen und die Kreativität der jungen Meister zu entdecken. „Aber jedes Bild steht für ein Kind und soll einen Missstand in unserem Bildungssystem symbolisieren“, sagt die Mutter dreier schulpflichtiger Kinder.

Manuela König aus Chemnitz reicht es, dass an den Schulen ihrer Kinder immer wieder Unterricht ausfällt ; zu viele Geschichten von anderen Eltern hat sie gehört, von Wochen ohne Deutschunterricht, von fehlenden Physiklehrern an einer Schule mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt.

"Milliarden werdem nach Griechenland geschickt"

Als zum Beginn des Schuljahres am Kepler-Gymnasium, das zwei ihrer Kinder besuchen, ein Drittel der Lehrer abgeordnet wurde, um auch an anderen Schulen zu unterrichten, ließ sich König etwas einfallen.

„Mit der Aktion ,Ein Bild für Bildung‘ möchte ich die Politik auffordern, mehr Geld in das Bildungssystem zu stecken“, sagt sie. „Es kann nicht sein, dass Milliarden nach Griechenland geschickt werden und unsere Kinder verblöden.“ Bald 100 Bilder sind inzwischen bei ihr eingegangen; auch Kindergärten beteiligen sich: „Die Kleinen kommen bald in die Schule und werden die Folgen des Lehrermangels spüren, wenn sich nichts ändert.“

Es sind zwei Probleme, die Eltern schulpflichtiger Kinder besonders umtreiben: die Klassengröße und der Unterrichtsausfall. In einer 2010 veröffentlichten Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach gaben 64 Prozent der Eltern an, dass letzteres für sie das dringendste Problem darstellt. Im Jahr davor waren es noch 57 Prozent.

Der Deutsche Philologenverband hat auf der Grundlage von kleinen Anfragen von Oppositionsparteien in den Ländern, von statistischen Erhebungen und von validen Schätzungen eine Gesamtzahl von rund einer Million Unterrichtsstunden ermittelt, die jede Woche in Deutschland nicht nach Stundenplan erteilt werden. Die Kultusministerien wollen diese Zahl nicht kommentieren.

„Eine Schätzung“, heißt es. Doch geben sich die Länder wenig Mühe mit eigenen Erhebungen. Die Hamburger Bildungsbehörde etwa kann gar nicht sagen, wie groß der Ausfall ist. Schon seit einigen Jahren werden die Quoten nicht mehr zentral erfasst. Das ist ein Extremfall, in der Regel wird von Stichproben aufs Ganze geschlossen. Die offiziellen Zahlen liegen dann oft zwischen zwei Prozent an Grundschulen und rund vier Prozent an Gymnasien.

Besonders betroffen sind die Gymnasien

Oft erfährt man, dass der Unterricht „strukturell abgedeckt“ sei. Soll heißen: Es gibt genug Lehrer, also muss es auch genug Unterricht geben. „Wir gehen davon aus, dass die Unterrichtsversorgung landesweit durchschnittlich bei etwas mehr als 101 Prozent liegen wird“, sagt Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU).

Nirgendwo wird freilich eine Qualitätsanalyse betrieben, die sich einmal die vertretenen Stunden vornimmt. Wird dort tatsächlich Mathematik unterrichtet? Oder müssen sich die Schüler still beschäftigen? In jeder Länderstatistik taucht eine solche Stunde als gehaltene auf. Besonders betroffen vom Unterrichtsausfall sind die Gymnasien, auch die besten.

Auf genau so ein Gymnasium geht Lydia. Aber Lydia ist nicht ihr richtiger Vorname. Ihre Mutter will nicht, dass sich das Mädchen allzu offenherzig über die Zustände an ihrer Schule äußert. Lehrer oder Direktoren könnten sich auf die Füße getreten fühlen, argwöhnt sie.

Die 16-Jährige besucht die zehnte Klasse eines Frankfurter Vorzeige-Gymnasiums, das tatsächlich den Namen Musterschule trägt. Auf die zweitälteste höhere Schule der Stadt drängen vor allem Kinder mit musischer Ader, oft aus den wohlsituierten Vierteln im Norden und Westen.

Warum? "Das sagen sie fast nie“

Allen Meriten zum Trotz hat auch diese Schule schwer mit Unterrichtsausfall zu kämpfen – so erleben es zumindest die Schüler. „Eigentlich vergeht kein Tag, an dem bei mir nicht eine Stunde ausfällt“, sagt Lydia. Oft seien es mehr.

„Heute hatte ich nur zwei Stunden von sieben. Und bei meiner Freundin war es gestern noch krasser. Die hatte überhaupt keine Stunde mehr übrig und ganz frei“, sagt die Zehntklässlerin. Warum die Stunden gestrichen wurden? „Hat keiner gesagt. Das sagen sie fast nie.“

Die Musterschule veröffentlicht ihren Vertretungsplan im Internet. Allein am letzten Donnerstag fielen 21 Stunden ersatzlos und zumeist ohne Begründung weg, Geschichte bei der 8b, Deutsch bei der 7d, vor allem aber Kurse in der Oberstufe, vom Chemie- Mathematik- und Biologie-Leistungskurs über Physik bis hin zu Politik und Wirtschaft.

Bis zur Klasse 6 werden in Hessen alle Ausfallstunden vertreten, wenn auch nicht immer das eigentlich geplante Fach unterrichtet werden kann. Bei höheren Stufen bekommen die Schüler Auslauf. In Freistunden nach Hause zu fahren lohnt sich für Lydia nicht.

Die älteren Schüler haben einen Aufenthaltsraum, viele verlassen aber das Gelände, die Schule liegt immerhin mitten in der Stadt, in Fußnähe zur beliebten Frankfurter Einkaufsmeile Zeil. „Die Freistunden sind oft ganz schön teuer“, meint Lydia.

Krankheit als einer der Hauptgründe

Unterricht fällt meist wegen Krankheit aus. Dieses Problem verschärft sich, weil viele Kollegien überaltert sind. In Baden-Württemberg wurden nach wenigen Wochen rund 1400 Lehrer mit Langzeiterkrankungen gemeldet. Die Ressourcen für Krankheitsvertreter sind schon erschöpft.

In Berlin ist die Zahl der langzeiterkrankten Lehrer nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) allein in den vergangenen drei Jahren von 1074 auf 1281 gestiegen. Die GEW fordert deshalb bessere Arbeitsbedingungen für ältere Kollegen. Um deren Gesundheit zu schützen, sollte die Zahl der Pflichtunterrichtsstunden für Lehrer über 55 Jahren heruntergesetzt werden.

Während im Westen mittlerweile die Generation der in den bildungshungrigen 70er-Jahren eingestellten Lehrkräfte abgetreten ist oder abtritt, steht die Pensionierungswelle dem Osten noch bevor. 1990 waren die dortigen Lehrer viel jünger als im Westen, heute hat sich die Lage verkehrt. Weil die Schülerzahlen stark zurückgingen und Schulen geschlossen werden mussten, wurden kaum Lehrer eingestellt.

Das rächt sich. Das Durchschnittsalter der Lehrerkollegien liegt meist jenseits der 50. Zwei Drittel der Lehrer im Osten wurden noch in der DDR ausgebildet. Für die Jahre bis 2020 hat die Kultusministerkonferenz ermittelt, dass jedes Jahr 500 neue Lehrer fehlen werden.

Die östlichen Bundesländer müssen verstärkt um Lehrer werben und etwas bieten. „Wir haben in diesem Schuljahr 632 neue Lehrer eingestellt, die Plätze für Referendare deutlich erhöht und Übernahmegarantien für Absolventen in den Lehramtsstudiengängen für Förderschule, Grundschule und Mittelschule ausgesprochen“, sagt Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU). Doch alle Versprechen helfen wenig, wenn es schlicht nicht die passenden Lehrer gibt.

Aus der Not – Deutsch statt Sport

Wochenlang hat Wolfgang Lüdtke einen Lehrer für Naturwissenschaften und Sport gesucht. Dann hat der Schulleiter der Kepler-Sekundarschule im Berliner Stadtteil Neukölln einen pragmatischen Schritt unternommen: „Ich habe einen Deutschlehrer eingestellt. So müssen wenigstens keine Unterrichtsstunden ausfallen.“ Deutsch statt Sport.

Ein Lehrer, wie ihn Lüdtke brauchte, war nicht aufzutreiben. Und das lag nicht nur daran, dass Neukölln als schwieriges Pflaster gilt. Der Markt hält einfach nicht bereit, was die Schulen brauchen. Auch viele Grundschulen in Berlin haben Schwierigkeiten. Die Heinrich-Seidel-Schule in Wedding braucht dringend einen Englischlehrer.

Schulleiterin Cornelia Flader sucht bereits seit Wochen erfolglos nach einer Verstärkung für ihr Kollegium. „Abgesehen davon, dass der Unterricht nicht fachgerecht erteilt werden kann, kostet mich diese Suche viel Arbeit.“

Lehrerfeuerwehr gegen den Unterrichtsausfall

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) war 2006 mit dem Versprechen angetreten, den Unterrichtsausfall und den Personalmangel an den Schulen zu senken. Eine seiner wichtigsten Neuerungen war die Lehrerfeuerwehr. Die Schulleiter sollten mit einem eigenen Budget jederzeit auf einen Pool von Vertretungslehrern zurückgreifen können.

Gute Idee, war die einhellige Meinung. Doch die Maßnahme lief ins Leere. Die befristeten Arbeitsverträge für die Vertretungskräfte sind für ausgebildete Pädagogen nicht attraktiv. Und andere Bundesländer werben schließlich mit einer Verbeamtung auf Lebenszeit, die es in Berlin nicht gibt.

„Heute sind in dem Pool allenfalls Lehramtsanwärter zu finden, die mit den Vertretungsstunden ihre Wartezeit auf ein Referendariat überbrücken“, sagt Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat.

Fachkräftemangel unterschätzt

Die mangelnde Attraktivität der Lehrerfeuerwehr war aber nicht das Hauptproblem. Zöllner hatte den Fachkräftemangel unterschätzt. „Alle Bundesländer stehen vor großen Herausforderungen bezüglich der Einstellung von Lehrkräften in den sogenannten Mangelfächern“, sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz, Niedersachsens Ressortchef Bernd Althusmann (CDU).

„Doch was unter Mangelfächer in den einzelnen Ländern fällt, ist unterschiedlich.“ Landläufig wird immer von einem Mangel in den sogenannten Mint-Fächern, also Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften und Technik, gesprochen. Um diesen zu beheben, gibt es viele Initiativen, die vom Bund und von Stiftungen gefördert werden. Aber das Problem ist weit komplexer, wie der Blick auf Niedersachsen zeigt.

Laut Althusmann gab es für das Lehramt an Gymnasien in diesem Jahr Schwierigkeiten, Lehrerinnen und Lehrer für Informatik, Physik, Chemie, evangelische Religion, Latein und Kunst einzustellen.

Für die Realschulen waren nur wenige Lehrkräfte mit Französisch verfügbar, an Haupt- und Realschulen waren die Fächer Physik, Chemie, Technik und Englisch am schwierigsten zu besetzen. In Niedersachsen wie überall fehlen Lehrer für die Förderschulen ebenso wie für Berufsschulen. Beide Schultypen sind für Lehramtsstudenten wenig attraktiv.

Viele freie Stunden, um ein Bild für Bildung zu malen

Die Politik lobt zwar die Leistung der Berufsschulen als Säule der sogenannten dualen Bildung ständig über den Klee; sie tut jedoch wenig, um an der strukturellen Unterversorgung etwas zu ändern. So fallen an Berufsschulen rund zehn Prozent aller Stunden aus, rechnet der Philologenverband vor. Oft unterrichten dort Quereinsteiger, ständig wechseln Lehrer wieder in die freie Wirtschaft. Tausende Stellen sind nicht besetzt.

Vielleicht sollte Manuela König ihre Aktion nicht nur in den Kindergärten, sondern in Berufs- und Förderschulen anpreisen. Dort haben die Schüler viele, viele freie Stunden, um ein Bild für Bildung zu malen.

Am 1. Dezember hat die engagierte Chemnitzerin nun einen Termin in Dresden bekommen, um die Bilder dem Kultusministerium zu übergeben. Schon ist sie dabei, einen kleinen Protestzug zu organisieren mit Eltern, vielleicht auch Schülern und Lehrern. Allein will sie auf keinen Fall auftauchen: „Gute Bildung geht schließlich alle an.“

Mitarbeit: Regina Köhler, Florentine Anders, Hannelore Crolly, Friederike Gehlenborg

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