Bundeswehr

"Wir spüren so viel Unruhe wie seit 20 Jahren nicht"

Der Vizechef des Bundeswehrverbands warnt vor katastrophalen Auswirkungen der Bundeswehrreform auf die Motivation der Soldaten.

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Mit einem Festakt hat die Bundeswehr am Donnerstagabend das zehnjährige Bestehen ihres Einsatzführungskommandos in Potsdam gewürdigt. Von dort aus werden alle Auslandsmissionen der Streitkräfte geplant und geführt. Insgesamt sind derzeit rund 7300 deutsche Soldaten auf drei Kontinenten und zwei Weltmeeren im Einsatz. Major André Wüstner, der Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands über Belastungen, Herausforderungen und Neuerungen.

Morgenpost Online: Sie waren kürzlich wieder mehrere Tage in Afghanistan. Wie ist die Stimmung unter den Soldaten?

André Wüstner: Viele empfinden es als sehr belastend, dass sich die Dauer ihrer Einsätze in den letzten Jahren schleichend verlängert hat; manche haben nicht einmal die von uns geforderten 20 Monate Pause zwischen einzelnen Einsätzen, um sich ausreichend zu erholen.

Gerade die Kameraden in Afghanistan werden zunehmend mit Tod und Verwundung konfrontiert, das bringt enorme Belastungen auch für die Familien. Als Ballast betrachten die Soldaten außerdem, dass sie sich in der Gesellschaft ständig rechtfertigen müssen für die von der Politik unzureichend vermittelten Einsätze und Zielsetzungen.

Morgenpost Online: Ist die geplante Strukturreform im Einsatz auch ein Thema?

Wüstner: Ein großes sogar. Die Reform bereitet vielen Sorgen. Es kreist ein dem Römer Gaius Petronius zugesprochenes Zitat durch die Truppe: „Wir übten mit aller Macht. Aber immer wenn wir begannen zusammengeschweißt zu werden, wurden wir umorganisiert. Später im Leben habe ich gelernt, dass wir oft versuchen, neuen Verhältnissen durch Umorganisation zu begegnen. Es ist eine fantasievolle Methode. Sie erzeugt die Illusion des Fortschritts, wobei sie gleichzeitig Verwirrung schafft, die Effektivität verringert und demoralisierend wirkt.“ Das sagt eigentlich alles. Reform bedeutet eben Veränderung und damit auch Verunsicherung.

Morgenpost Online: Auch in der Heimat?

Wüstner: Ja. Wir spüren in unserem Verband derzeit so viel Unruhe wie in den letzten 20 Jahren nicht. Da nun schon sehr lange um die Neuausrichtung diskutiert und auch bereits einiges versprochen, aber nicht umgesetzt wurde, ist unser anfänglicher Optimismus verschwunden. Im Moment herrscht große Skepsis, ob diese massive Umwälzung wirklich gelingt.

Morgenpost Online: Verteidigungsminister Thomas de Maizière wirbt doch immer dafür, dass die Reform eine Chance sei.

Wüstner: Das ist auch wichtig für das Gelingen der Neuausrichtung. Trotzdem halten sich meine Hoffnungen in Grenzen. Die Menschen haben seit 1990 diverse Reformen erlebt, alle brachten direkte Änderung für ihre Lebensumstände. Hinzu kommt, dass es bisher nie einen großen Wurf gegeben hat. Das trägt nicht zur Zuversicht bei.

Verlieren aber die Menschen in der Bundeswehr, insbesondere das Führungspersonal, den Glauben an die Neuausrichtung, wird das katastrophale Auswirkungen auf das interne Klima haben, auf unsere Unternehmenskultur, die Motivation der Mitarbeiter und letztlich auf die Leistungsfähigkeit der Streitkräfte. Hier sehe ich aktuell eine riesige Gefahr.

Morgenpost Online: Aber es heißt doch, diese Reform soll aus der verkrusteten Bundeswehr eine moderne Armee machen.

Wüstner: Ja, schon. Ob das gelingt, ist allerdings bei einem so komplexen Vorhaben kaum nachvollziehbar. Gerade für die Betroffenen außerhalb des Verteidigungsministeriums ist die Reform teilweise unüberschaubar . Hier muss verstärkt informiert und erklärt werden. Außerdem sind dringend Schritte nötig, um die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiver zu machen.

Morgenpost Online: Ihr Verband fordert bereits seit über einem Jahr eine Attraktivitäts-Agenda. Sind schon einige Forderungen daraus umgesetzt worden?

Wüstner: Bisher leider nicht. Das fördert die Skepsis. Wir brauchen endlich Signale, die auch den letzten „in der Schlammzone“ erreichen. Gerade die Leute, die die harten Einsätze schultern, dürfen sich nicht als Reformverlierer fühlen, denn die Bundeswehr braucht sie als Multiplikatoren, die den Dienst in der Truppe positiv nach außen kommunizieren...

Morgenpost Online: ...und damit auch die Nachwuchsgewinnung fördern. Wie läuft die bisher in Ihren Augen?

Wüstner: Nicht optimal. Klar ist, dass junge Menschen stets vergleichen und oft mehrere Alternativen haben. Die Bundeswehr ist aktuell gut, leistungsfähig und international geschätzt. Entsprechende Schwachstellen im System müssen aber schnell behoben werden, so dass wir auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig bleiben.

Morgenpost Online: Der Minister wünscht, dass junge Menschen den freiwilligen Dienst als Ehrendienst betrachten. Reicht das?

Wüstner: Ehre hat natürlich mit dem Soldatsein zu tun, aber das darf nicht dazu führen, dass die Regierung glaubt, Soldaten und ihre Familien erdulden jeden Auslandseinsatz und jegliche Dienste von morgens bis mitternachts ohne Vergütung im Sinne der Ehre. Wenn unser Minister beispielsweise glaubt, dass ein durchschnittlicher Satz von zwei bis drei Euro je Überstunde überzeugt, dann ist er fern ab jeglicher Lebenswirklichkeit.

Morgenpost Online: Ende Oktober will de Maizière die letzten grundlegenden Reformpunkte bekanntgeben. Wie laufen die Vorbereitungen nach Ihrer Wahrnehmung?

Wüstner: Derzeit ist noch viel in der Abstimmung, das ist gewiss nicht leicht. Ich kann mir vorstellen, dass der Minister ursprünglich mit weniger internem Konfliktpotenzial gerechnet hat. Er muss nun mehrere Entscheidungen selbst treffen und verantworten. Ob das auch die Regierung als Ganzes tut, wird sich zeigen.