Dschihad

Vom Bahnhofsviertel ins Terrorcamp

Wie eine Gruppe Hamburger Islamisten in den Dschihad aufbricht und elendig scheitert. Die Geschichte einer umstrittenen Terrorwarnung.

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Für Thomas de Maizière hat das neue Jahr ganz ausgezeichnet begonnen. Der Innenminister rückte in der ARD-Hitliste der beliebtesten Politiker auf den zweiten Platz vor. Er rangierte erstmals vor Kanzlerin Angela Merkel und gleich hinter Medienliebling Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Seinen unverhofften Höhenflug in der Bekanntheitsskala verdankt der eher spröde CDU-Politiker ausgerechnet dem Verkünden einer Schreckensnachricht.

Es war am 17. November 2010 in Berlin, kurz nach zwölf Uhr, als Thomas de Maizière mit wenigen Worten ganz Deutschland in den Ausnahmezustand versetzte. Der Minister warnte mit ernster Stimme vor einem baldigen Terroranschlag. Er berichtete von "konkreten Spuren" der Sicherheitsbehörden, nach denen Islamisten vermutlich schon Ende des Monats ein Attentat verüben würden. Er ermahnte die Bürger, "wachsam zu sein". Als dann auch noch ein internes BKA-Papier publik wurde, in dem von einem geplanten Anschlag auf das Reichstagsgebäude die Rede war, fühlte sich die Nation endgültig in die Hochzeit des Terrorismus der Roten Armee Fraktion versetzt. Doch die Bevölkerung hat den offenen Umgang de Maizières mit der Bedrohung goutiert.

Diese Woche nun hatte der Minister erneut einen großen Auftritt. Auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz relativierte er die Warnung und kündigte an, die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen zurückzufahren. Sein Vorgehen im November vergangenen Jahres indes verteidigte der Jurist. Zwar könne er "nicht mit Sicherheit sagen", ob die Maßnahmen letztlich einen Anschlag verhindert hätten. Aber: "Eine gute Wirkung hatten sie allemal." Eine Frage jedoch ist bis heute unbeantwortet: War die drastische Terrorwarnung überhaupt berechtigt?

Nachdenklich stimmt, dass selbst ein enger Mitarbeiter von de Maizière ins Grübeln geraten ist. Im Nachhinein, so der hohe Beamte im Innenministerium in vertraulicher Runde, müsse man einräumen, dass an den zunächst glaubhaft klingenden Hinweisen auf ein Attentat "nach menschlichem Ermessen nichts dran" gewesen sei. Das BKA-Dokument zum möglichen Anschlag auf den Bundestag etwa basierte auf den Aussagen eines unglaubwürdigen Anrufers. "Er wollte nur Geld", urteilen die Sicherheitsbehörden. Auch Informationen der US-Dienste haben sich nach gründlicher Prüfung durch die deutsche Seite als wenig belastbar erwiesen.

Das ist aber noch lange nicht alles. Eine Fülle von Hinweisen hatte sich zu einem immer lauteren "Grundrauschen" verdichtet, wie das Fachleute ausdrücken. Davon hatte sich de Maizière im November beeindrucken lassen. Nicht zuletzt basierte seine bis heute in der Geschichte der Bundesrepublik einzigartige Terrorwarnung auf den Aussagen von Angehörigen der sogenannten Hamburger Zelle, einer Gruppe von zehn deutschen Islamisten, die im März 2009 in den Heiligen Krieg aufgebrochen war. Zwei ihrer Mitglieder konnten nach dem Besuch eines Terrorcamps im pakistanischen Grenzgebiet festgenommen werden. Was sie beichteten, erschien sehr beunruhigend.

Unter ständiger Kontrolle

Die vermeintlichen Top-Quellen berichteten von einem Treffen mit der angeblichen Nummer drei des Terrornetzwerkes al-Qaida: Scheich Younis al-Mauretani habe sie über Anschlagspläne in Europa eingeweiht und um ihre Hilfe gebeten. Wenn an dieser Darstellung ein Quäntchen Wahrheit gewesen wäre, hätte in der Tat umgehend gehandelt werden müssen. Doch sollte der engste Kreis um Osama bin Laden ausgerechnet diese Deutschen, die sich noch nicht erkennbar bewährt hatten, für eine Mission im Herzen Europas ausgewählt haben?

Morgenpost Online hat sich auf die Spur der Hamburger Zelle begeben. Und stößt dabei auf so manche Überraschung. Auffällig ist zunächst, dass die Islamisten wie Amateure agierten. Dieser Zeitung vorliegende Dokumente belegen zudem, dass die Sicherheitsbehörden die Gruppe mehr oder minder ständig unter Kontrolle hatten. Kaum einer ihrer Schritte blieb unbemerkt. Unvorstellbar, dass ein Mitglied jemals in Deutschland unbemerkt einen Anschlag hätte verüben können.

Hamburg, Stadtteil Horn. Die junge Frau mit dem Kopftuch erstarrt. Sie sieht die beiden Journalisten, denen sie an diesem Abend die Tür zu ihrer Wohnung öffnet, mit großen Augen an. Den Staubsauger hat sie zur Seite gelegt, auf dem Arm wiegt sie ihre einjährige Tochter: "Wollen Sie mich etwa mit der Kamera abschießen?" Auf das "Nein" reagiert sie erleichtert. Die Muslima ist schlagfertig, sympathisch-temperamentvoll und würde nur zu gern ihre bewegte Geschichte preisgeben. Ihr Kopf aber gebietet ihr zu schweigen. Denn jedes Wort könnte dem Vater ihres Kindes schaden.

Jasmin ist die Ehefrau von Rami Makanesi, dem wohl prominentesten Mitglied der Hamburger Zelle. Er ist einer der beiden Inhaftierten, deren Aussagen entscheidend zur Terrorwarnung vom November beigetragen hatten. Zu diesem Zeitpunkt saß er bereits als Untersuchungshäftling in der hessischen Justizvollzugsanstalt Weiterstadt. Die Bundesanwaltschaft, die derzeit an der Anklageschrift feilt, wirft dem 25-Jährigen vor, Mitglied einer terroristischen Vereinigung im Ausland gewesen zu sein und schwere staatsgefährdende Gewalttaten vorbereitet zu haben. Für beide Delikte schreibt das Strafgesetzbuch eine Gefängnisstrafe vor, im härtesten Fall bis zu zehn Jahren.

Es steht also viel auf dem Spiel - auch für die Mutter seiner Tochter. Jasmin ist vom Rechtsanwalt ihres Mannes immer wieder ermahnt worden, kein Sterbenswörtchen mit der Presse zu reden. Deutschlands oberste Ankläger mögen es nicht, wenn Beschuldigte oder deren Familienangehörige im Vorfeld von Prozessen ihre Sicht der Dinge öffentlich machen. Jasmin hat den anwaltlichen Rat verinnerlicht. Ein Satz jedoch geht über ihre Lippen: "Bitte glauben Sie mir, Rami ist kein Terrorist."

Das liest sich in den Akten der Bundesanwaltschaft anders. Die Karlsruher Ankläger eröffneten am 15. Oktober 2009 das Ermittlungsverfahren gegen die Hamburger Zelle, der sie Rami Makanesi zurechnen. In dem Dokument ("Nur für den Dienstgebrauch") mit dem Aktenzeichen 2 BJs 95/09-8 heißt es, Makanesi gehöre der Islamischen Bewegung Usbekistans an und halte sich seit Frühjahr 2009 in einem pakistanischen Ausbildungslager der Organisation auf. Dort lasse er sich im Umgang mit Sprengstoff und Schusswaffen ausbilden. Im April 2010 hatte sich der Verdacht so weit erhärtet, dass der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof Haftbefehl erließ. Makanesi wurde international zur Fahndung ausgeschrieben.

Frankfurt-Bockenheim, Kuhwaldsiedlung: Die nach dem Ersten Weltkrieg errichtete Wohnanlage gleicht einem Dorf mitten in der Großstadt, ist heute aber eingeschnürt von Autobahnzubringern, Schienensträngen und Messegelände. Die Häuser haben nur drei Stockwerke. Hier, in dieser abgeschlossenen Welt, beginnt der verhängnisvolle Irrweg von Rami Makanesi. Er hatte in der Tornowstraße eine eigene kleine Dachgeschosswohnung. An den Deutschen syrischer Abstammung erinnert sich kaum einer. Die meisten Anwohner schütteln nur den Kopf, wenn sie sein Foto ansehen. Rami Makanesi hat keine bleibenden Spuren hinterlassen.

Sinnsuche im Hinterhof

Selbst sein damaliger Nachbar muss lange nachdenken. "Was?", fragt er. "Ich hätte niemals gedacht, dass ich Tür an Tür mit so jemand gelebt habe. Das muss ich gleich meiner Freundin erzählen." Später erinnert er sich genauer an Makanesi. Der leicht übergewichtige junge Mann habe abends oft Besuch von arabisch aussehenden Freunden gehabt, immer morgens um sechs Uhr sei er im Kaftan auf einem Motorroller in eine Moschee gefahren - vermutlich ins Bahnhofsviertel oder nach Griesheim. Dort gibt es gleich mehrere islamische Gotteshäuser in unscheinbaren Hinterhöfen und hässlichen Gewerbegebieten.

Hier fand Makanesi, der zeitweilig Drogen konsumiert und nach dem Abitur mit dem Gedanken gespielt hatte, an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Informatik oder Betriebswirtschaft zu studieren, eine Zuflucht. Hier wurde er ernst genommen, hier hatte sein Leben einen Sinn. Ohne diese Erfahrung hätte er später wohl nie den Wunsch entwickelt, einmal in den heiligen Kampf zu ziehen und seine vornehmste Pflicht als Moslem im Märtyrertod zu sehen.

Diese Sehnsucht wurde stärker, als Rami Makanesi Mitte 2008 nach Hamburg ging, einer Hochburg des islamistischen Terrorismus. Dabei hatte ihn nicht der Glaube zum Umzug an die Elbe bewogen, sondern die Liebe zu Jasmin. Als die Beziehung in eine schwere Krise geriet, entschloss er sich, in den bewaffneten Kampf zu ziehen. Das geschah laut Haftbefehl spätestens Anfang 2009.

Da hatte sich die Hamburger Zelle längst konstituiert. Wöchentlich traf sie sich in der Wohnung von Ahmad Wali Sidiqi. Der heute 36-Jährige wurde im Juli in Afghanistan festgenommen und sitzt seitdem im amerikanischen Militärgefängnis von Bagram. Wie der einen Monat zuvor verhaftete Makanesi hat er von einem geplanten Terrorplot in Europa berichtet.

Duftende Leichen

In Hamburg lebte Sidiqi mit seiner Frau Shinta zusammen. Die Eheleute waren dem Verfassungsschutz seit Längerem als zu allem entschlossene Islamisten bekannt. So hatten sie anlässlich der Hinrichtung von Attentätern des verheerenden Anschlags von Bali im Oktober 2002, bei dem mehr als 200 Menschen ihr Leben verloren, große Sympathien für die Terroristen erkennen lassen. Gegenüber Freunden priesen sie die Tat, die Mörder hätten richtig gehandelt und befänden sich nun im Paradies. Ihre Leichen würden duften.

Solche Schwärmereien hatten offenbar die Sinne vernebelt. Bei den Treffen der Hamburger Zelle in der Wohnung von Sidiqi beachteten sie nicht einmal die einfachsten Grundregeln der Konspiration. Im Aufzug des Hauses ist vom Vermieter beispielsweise eine Kamera installiert, worauf ein Schild an der Eingangstür deutlich hinweist: "Dieser Bereich wird videoüberwacht." Doch die Gäste fühlten sich offenbar völlig sicher und ließen sich filmen. Auf die Bänder griff auch der Verfassungsschutz nur allzu gern zurück.

Doch diese Aufnahmen werden in der Ermittlungsakte der Bundesanwaltschaft nur beiläufig erwähnt. Es gibt viel mehr Material, das die Überwachung belegt. Schon als sich Sidiqi und seine Freunde in der berüchtigten Al-Quds-Moschee trafen, die drei der vier Selbstmordpiloten des 11. September 2001 regelmäßig besucht hatten und wo ihr Radikalisierungsprozess begann, sind Observationsberichte vorhanden. Auch als dieGruppe in den Terrorcamps angekommen war, blieb sie nicht unbeobachtet. Von dort berichteten unter anderem sogenannte "Vertrauenspersonen", was dafür spricht, dass auch die Lager von den Geheimdiensten sehr gut beobachtet werden. Und selbstverständlich werden die Telefonate und der Mailverkehr der Ausgereisten kontrolliert.

Was der Abwehr von Terroranschlägen dienen soll, ist alles andere als unproblematisch. Darf der Staat ungerührt dabei zusehen, wenn junge Menschen Stück für Stück in die Gewaltspirale abgleiten? Hätte man die Islamisten nicht rechtzeitig stoppen sollen, spätestens zu dem Zeitpunkt, als sie sich auf ihren verhängnisvollen Weg nach Pakistan begaben?

Fest steht, dass Nachrichtendienste ihrer eigenen Logik gehorchen. Sie sehen ihren Auftrag darin, staatsfeindliche Gruppierungen zu infiltrieren und zu beobachten. Ziel ist es, so viele Terrorwillige wie möglich zu identifizieren. Ein zu frühes Eingreifen wäre da schädlich. Denn dann würden die Dienste nie Gewissheit über die wirklichen Absichten von potenziellen Terroristen und ihr Netzwerk erhalten. Die Straftaten, die sie im Schilde führen, könnten in diesem Fall kaum gerichtsfest verwertbar bewiesen werden.

Ahmad Wali Sidiqi ist ein gutes Beispiel dafür, dass man potenzielle Dschihadisten so lange wie möglich gewähren lässt. Spätestens als er einen der Attentäter des 11. September 2001 in deutscher U-Haft besuchte, war er im Visier der Nachrichtendienste auf der ganzen Welt. Bei dem Gefängnisinsassen handelte es sich schließlich um keinen anderen als den Marokkaner Mounir El Motassadeq, der von Hamburg aus in den größten Terroranschlag aller Zeiten verwickelt war. Ein deutsches Gericht hat ihn wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Zudem besuchte Sidiqi zusammen mit seiner Frau kurz nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center Motassadeqs Vater in Marokko. Ihm war er zuvor schon in der Hamburger Al-Quds-Moschee begegnet. Sidiqi gilt mit dieser Biografie als Kopf der Hamburger Zelle. Er war es auch, der am 2. März 2009 für insgesamt acht Mitglieder der Gruppe One-way-Tickets nach Pakistan in einem Hamburger Reisebüro zu einem Gesamtpreis von 4155 Euro kaufte. Den Betrag legte Sidiqi bar auf den Tisch.

Zwei Tage später brach er mit dem ersten Teil der Kämpfer auf, auch sein Bruder und seine Frau waren dabei. Die Route führte von Frankfurt am Main über Doha im Emirat Katar ins pakistanische Peschawar. Dort angekommen, teilte Sidiqi seinen Hamburger Angehörigen per SMS mit, dass er mit seiner Frau nach Indien gereist sei. Zuvor hatte sein Bruder den Eltern eine ganz andere Geschichte aufgetischt und behauptet, im afghanischen Ghorband die Oma zu besuchen. Nicht einmal eine einheitliche Legende hatten die Reisenden abgesprochen.

Feiern mit geschlachtetem Schaf

Der Weg von Rami Makanesi ins Terrorcamp war beschwerlicher. Er gelangte mithilfe eines Schleusers über die iranische Provinzhauptstadt Zahedan ins Zielgebiet, wo er seine Gesinnungsgenossen traf. Schon bald merkt Makanesi, dass er für die Ausbildung zum Terroristen nicht geschaffen ist. Seinem Vater berichtet er bei einem Anruf von anstrengenden Märschen unter Führung eines Einsatzleiters in den Bergen Waziristans, bei denen er eine Bazooka trage, eine mehr als zehn Kilogramm schwere Raketenpanzerbüchse.

Die Mitglieder der Hamburger Zelle sind auf zwei Lager in Badr verteilt, die an der Hauptstraße von Mekin nach Bana liegen und in denen jeweils etwa 25 Kämpfer leben. Am letzten Tag schießen sie dann auch mit scharfer Munition, der Abschluss der allgemeinen Waffenausbildung wird mit dem Schlachten eines Schafes gefeiert. Es schließt sich ein Spezialkurs an, bei dem an Mörsern geübt wird. Anschließend fasteten die Glaubensbrüder, mittlerweile war Ramadan.

Makanesi erzählt seiner Frau Jasmin zunächst, in Pakistan "Schule zu machen". In einem weiteren Telefonat am 8. August 2009 sagt er ihr, viel bei seinen "Brüdern" zu lernen. Um mit ihr zu sprechen, habe er vier Stunden bis zu einem Telefonladen fahren müssen. Die Sehnsucht nach der Heimat und seiner kleinen Familie in Hamburg konnte er da offenbar schon nicht mehr unterdrücken.

Termin in der Botschaft

Denn mit einem Abenteuerurlaub hatte die Reise immer weniger zu tun. Mit dem Bonner Djavad S., der sich den Kampfnamen "Abu Safiyya" gegeben hatte, kommt ein Gotteskrieger während eines Gefechts mit der pakistanischen Armee ums Leben. Dieser Tod berührt Makanesi. Spätestens ab Frühjahr 2010 will er dem stupiden Drill im Lager entfliehen. Makanesi sucht nun verzweifelt nach einem Weg zurück, berichten Bekannte seiner Frau Jasmin. Auch seine Brüder in Frankfurt am Main seien über den unbedingten Willen zum Ausstieg informiert worden. Doch Makanesi, in dessen Leben schon so viel schiefgelaufen war, hat mit seinem Plan einer schnellen Rückkehr kein Glück. An dieser Stelle spielt das Haus de Maizière wieder eine Rolle.

15. Juni 2010: In der deutschen Botschaft in Islamabad klingelt das Telefon. Ein aufgeregter Mann ist am anderen Ende der Leitung - Rami Makanesi. Er erzählt, er sei aus Hamburg nach Pakistan gereist, werde mit Haftbefehl gesucht und wolle umgehend zurückkehren. Zwar besitze er 25 000 Euro, aber seine Papiere seien ihm gestohlen worden. Die Botschaft gibt ihm daraufhin einen Termin für den 21. Juni. Drei Tage vor dem Datum fragt Makanesi nach, ob alles in Ordnung gehe. Nun erhält er von der diplomatischen Vertretung per Mail sogar eine Art Garantie. Da heißt es, alle Stellen würden gebeten, seinen Besuch in der Vertretung zu ermöglichen.

Makanesi hofft auf die Heimkehr, obwohl er weiß, dass er sich in Deutschland vor Gericht verantworten muss. Aber er hat seine Rechnung ohne das Bundeskriminalamt gemacht. Der Verbindungsmann vor Ort stellt sich quer. Er warnt, möglicherweise sei es Makanesis wahre Absicht, ein Sprengstoffattentat auf die Botschaft zu verüben. Am Körper getragene Foliensprengstoffe könnten die in der Botschaft aufgestellten Scanner nicht identifizieren. Die Führung des Innenministeriums teilt diese Sicherheitsbedenken - und gibt grünes Licht, über Makanesis Vorhaben den für seine Verhörmethoden berüchtigten pakistanischen Geheimdienst ISI zu informieren. Ziel der Unterrichtung: seine Festnahme.

Über dieses Vorgehen des Hauses de Maizière ist das von Guido Westerwelle geführte Auswärtige Amt irritiert. Dort wundert man sich über die Leichtfertigkeit, mit der einem autoritären Regime der Zugriff auf einen deutschen Staatsbürger ermöglicht werden soll. Zwischen beiden Ministerien wird über den Fall gestritten. Von diesem Konflikt im fernen Berlin ahnt Rami Makanesi nichts, als er sich auf dem Weg in die Botschaft macht. Als Frau verkleidet hüllt sich der füllige Mann in eine Burka, was ein seltsamer Anblick gewesen sein muss. An einem Kontrollpunkt der pakistanischen Armee fliegt seine Tarnung auf, er wird in Arrest genommen. Was folgt, sind unendlich lange Verhöre durch Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes. Im August vergangenen Jahres wird Makanesi nach Deutschland überstellt. Die Bundesanwaltschaft hofft, dass die Amerikaner auch bald Ahmad Wali Sidiqi ausliefern.

Makanesi und Sidiqi wird aller Voraussicht nach der Prozess gemacht. Bei den anderen Mitgliedern der Hamburger Zelle ist das fraglich. Vier von ihnen leben mittlerweile wieder in Deutschland, doch die Strafverfolgungsbehörden haben sie bisher weitgehend verschont. Gegen zwei Rückkehrer beantragte die Bundesanwaltschaft zwar Haftbefehle, scheiterte damit jedoch beim Richter. Bei einem weiteren Verdächtigen sah die Karlsruher Behörde von sich aus keinen dringenden Tatverdacht. Einige Verfahren sind inzwischen wegen fehlender Zuständigkeit vollständig niedergeschlagen worden.

Erstaunlich schnell wieder frei

Auch der Schleuser der Gruppe - eine äußerst dubiose Figur - muss nichts mehr befürchten. Der in Kabul geborene Assadullah M., dessen Staatsangehörigkeit sich angeblich nicht klären lässt, ist mit 57 Jahren mit Abstand das älteste Mitglied der Hamburger Gruppe. Der Mann pendelte vier- bis fünfmal im Jahr zwischen dem pakistanischen Peschawar, wo dessen Ehefrau und die Kinder wohnen, und Hamburg. In der dortigen Al-Quds-Moschee soll er seine Gesinnungsgenossen aufgehetzt haben. Er verfügte über exzellente Kontakte ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet und konnte den Weg in die Terrorcamps ebnen. Er unterstützte seine Freunde aus der Al-Quds-Moschee bei den Planungen für die Reise ins Ausbildungslager logistisch und finanziell, setzte sich selbst aber bereits im Februar 2009 nach Pakistan ab. Interessantes Detail: Als er einen Monat später am Flughafen von Peschawar zwei Mitglieder der Gruppe in Empfang nehmen wollte, wurden alle drei verhaftet. Während die anderen beiden vor ihrer Abschiebung nach Deutschland mehrere Wochen im pakistanischen Gefängnis saßen, kam Assadullah M. nur einen Tag später wieder frei und konnte ungehindert abtauchen. Das lässt Spekulationen über seine wahre Rolle zu. Es stellt sich die Frage, ob die Hamburger Gruppe ohne seine Hilfe überhaupt nach Pakistan aufgebrochen wäre.

Während für Rami Makanesi und Ahmad Wali Sidiqi diese unheilvolle Irrfahrt hinter Gittern endete, kostete sie Shahab Dashti das Leben. Der im Iran geborene Gotteskämpfer war gemeinsam mit Sidiqi am 4. März 2009 aus Deutschland ausgereist. Anfang Oktober vergangenen Jahres wurde er in Waziristan von einer amerikanischen Drohne getötet. Dashti, der in der Saison 2007/08 für die Basketballmannschaft des VfL Pinnenberg gespielt hatte, wurde nur 27 Jahre alt. Sein Schicksal ist das tragischste der Gruppe. Der junge Mann, der zunächst einen westlichen Lebensstil gepflegt hatte, rutschte erst durch einen längeren Aufenthalt in seinem Heimatland in den Jahren 2004 und 2005 in den Fanatismus ab.

Hamburg, Barmbek Süd: Constanze S. ist tief bewegt, als sie in ihrem kleinen Schmuckladen auf ihre Tochter Seynabou, der Frau von Dashti, angesprochen wird. Sie bringt kein Wort über ihre Lippen, ihre Hände zittern. Tränen rollen über das Gesicht. Constanze S. ist eine gebrochene Frau, seitdem Seynabou im März 2009 in den Dschihad gezogen ist. Der Vater von Seynabou wirkt gefestigter und beschimpft die Verantwortlichen der inzwischen geschlossenen Al-Quds-Moschee. "Diese Leute dort haben meine Tochter und ihren Mann Shahab ins Unglück gestürzt. Ein Muslim, der gottesfürchtig ist, macht so etwas nicht", sagt er.

Seynabou S., ein hübsches Mädchen, hatte sich unsterblich in den Basketballer aus Pinneberg verliebt und ihn vor drei Jahren nach islamischem Recht geheiratet. Bis dahin führte sie ein Leben wie die meisten jungen Frauen in Deutschland. Sie ging gern aus, kaufte sich schöne Kleider und traf sich mit Freunden. Bekannte von ihr berichten, sie sei sehr weltoffen gewesen. Durch ihre Beziehung zu Dashti änderte sich das, ihr Freund und späterer Ehemann hielt sie zu einem Leben als strenggläubige Muslima an. Schon ab 2007 trug sie ein Kopftuch, später sogar einen Kaftan. Ihre Eltern verfolgten diese Entwicklung mit Sorge und suchten immer wieder das Gespräch mit Seynabou. Diese jedoch verteidigte ihre Lebensweise und wollte sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen.

Die höchste Stufe des Paradieses

Umso größer war der Schock für die Eltern, als sie vom Aufenthalt ihrer Tochter und ihres Ehemannes in einem pakistanischen Terrorcamp erfuhren. Seynabou hatte ihrer Mutter gesagt, sie wolle mit ihrem Mann nach Mekka reisen. Aber Ende März 2009 erhielten Dashtis Eltern einen Brief ihres Sohnes, auf dem als Absenderadresse ein Vorort des pakistanischen Peschawar angegeben war. In diesem teilte er mit, dass ihm ein gottgefälliges Leben in Deutschland nicht mehr möglich gewesen sei. Er wünsche für sich und seine Familie die höchste Stufe des Paradieses zu erreichen, in welches auch Märtyrer eingehen sollen.

Dashti gehörte im Terrorcamp zu den Propagandisten. Unter dem Kampfnamen "Abu Askar aus Deutschland" trat er ausgerüstet mit Sturmgewehr und Schwert in mehreren Videos auf. "Wir haben Deutschland und unsere Eltern nur verlassen, um die Religion zum Siege zu führen", sagte er in einer Botschaft. Seine Mission endete am 4. Oktober vergangenen Jahres in Pakistan. Bei einem Drohnenangriff starb neben ihm auch der erst 20 Jahre alte Bünyamin E. aus Wuppertal. Die Bundesanwaltschaft hat wegen des Drohnenangriffs einen Prüfvorgang eingeleitet. Auch in der Politik wird die Frage kontrovers diskutiert, ob es zulässig ist, im Rahmen der Terrorbekämpfung Verdächtige zu töten.

Rami Makanesi, der eng mit dem verstorbenen Dashti befreundet war, wird wohl nach einigen Jahren im Gefängnis ein neues Leben mit seiner Familie anfangen können. Als seine Frau Jasmin von den Journalisten auf das Schicksal von Dashti angesprochen wird, bekommt sie feuchte Augen. "Ja", sagt sie fast unhörbar, "Rami hat noch viel Glück gehabt."

Jasmins Mann sitzt derweil in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt und ärgert sich über sein Bild in der Öffentlichkeit. In der Presse sei er wiederholt wie ein Idiot dargestellt worden, sagt er seinem Vernehmer. Diesem schildert er auch kurz nach der Terrorwarnung im November noch einmal seine Begegnung mit dem mysteriösen Scheich Younis, der vermeintlichen Nummer drei von al-Qaida. Er erklärt, es sei falsch, wenn behauptet würde, dass er von Anschlägen in Deutschland gesprochen habe. In dieser Form sei das von ihm so nie geäußert worden. Der Scheich habe ihm gegenüber nur angekündigt, die Wirtschaft Europas mit Drohungen schädigen zu wollen. Sollte das zutreffen, fragt sich, ob de Maizière diesen Wunsch unfreiwillig erfüllt hat.