Integration

Und überhaupt Sarrazin – wer ist das schon?

42 Prozent der deutschen Muslime sind unter 25. Auf der "Jungen Islam Konferenz" diskutieren sie mit Nicht-Muslimen über das Zusammenleben in Deutschland.

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Thomas de Maizière hat heute die Uni geschwänzt. Eigentlich hätte er sich auf eine wichtige Klausur zum Thema Hinduismus vorbereiten sollen, doch sein Platz im Seminar blieb leer. Die Rede ist natürlich nicht vom Bundesinnenminister persönlich, sondern von Marett Klahn, 22, aus Berlin. Für einen Tag schlüpft die Studentin mit dem gelockten Wuschelkopf in die Rolle von de Maizière. Und deshalb sitzt sie heute nicht in der Uni, sondern im Bundesinnenministerium in Berlin.

Klahn ist Teilnehmerin der ersten "Jungen Islam Konferenz". 40 junge Menschen zwischen 17 und 23 Jahren kamen am Wochenende auf Einladung der Stiftung Mercator und des Bundesinnenministeriums in Berlin zusammen. In einem Rollenspiel simulierten sie die Deutsche Islamkonferenz (DIK). Das Ziel: Lösungen zu finden für das derzeit wohl wichtigste innenpolitische Problem: Wie kann das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen verbessert werden?

"Guido Westerwelle" studiert auf Lehramt

Jeder der Teilnehmer - wie bei der DIK sind Muslime und Nicht-Muslime vertreten - bekam im Vorfeld eine Rolle zugewiesen: Minister, Bürgermeister, Verbandsvertreter und so weiter. Damit niemand durcheinander kommt, haben sich die jungen Menschen Schilder mit den Namen ihrer Alter Egos angesteckt. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier wird gespielt von einem 22-jährigen Studenten aus Herne, Guido Westerwelle studiert eigentlich auf Lehramt, und der bayerische Kultusminister trägt in der Jungen Islam Konferenz Kopftuch und heißt Shahda Kaikati.

Aber jetzt ist erst einmal Marett Klahn, pardon, Thomas de Maizière, an der Reihe. In jenem Saal des Bundeshauses des Innenministeriums, in dem vor knapp elf Jahren die Süssmuth-Kommission zum Thema Integration tagte, eröffnet die Nachwuchs-Ministerin die Junge Islam Konferenz. "Wir müssen den Dialog zwischen Muslimen und Deutschen in die Gesellschaft tragen. Gemeinsam müssen wir Ängste und Vorurteile abbauen." Die Jugendlichen dürfen ab jetzt nicht mehr aus ihren Rollen ausbrechen, müssen reden, argumentieren wie die Großen - auch, wenn sie persönlich anderer Meinung sind. So wurde aus dem liberal eingestellten Muslim Serdar Bulat für ein Wochenende ein für Kruzifixe im Klassenzimmer werbender Kanzleramtsminister Ronald Pofalla. Und auch am Pausenbüffet heißt es jetzt nicht mehr "Du, Marett", sondern "Entschuldigen Sie bitte, Herr Minister".

Zwei Wochen haben die Jugendlichen ihre Charaktere studiert, Reden im Fernsehen geschaut, Interviews gelesen. Und sie beherrschen ihre Rollen perfekt. Wer die Konferenzteilnehmer nach ihrer Meinung zum Thema Integration fragt, dem schleudern sie Politikerplattitüden wie "Junge Menschen sind die Zukunft Deutschlands" entgegen. Ihre eigene Vita charakterisieren sie als "geprägt von einer säkularen Erziehung".

Die Lebensläufe der Diskutanten zeugen davon, dass hier die Nachwuchselite des Landes tagt: auslandserfahren, mehrsprachig, sozial engagiert. Und zu großen Teilen mit muslimischen Wurzeln. Ihre Botschaft: Wir wollen die Politik in Deutschland mitgestalten, uns integrieren.

"Hier prallen keine Welten aufeinander"

Knapp 42 Prozent der in der Bundesrepublik lebenden Muslime sind 24 Jahre alt und jünger. So wie Aylin Selcuk, die in die Rolle der Integrationsbeauftragen Maria Böhmer schlüpfte. Die 22-jährige Berlinerin ist Gründerin des deutsch-türkischen Jugendvereins "DeuKische Generation e.V.". Für ihr Engagement für ein besseres Miteinander wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt. Der "Economist" handelte sie in einem Artikel gar als erste türkischstämmige Bundeskanzlerin. "Das ist das Gegenteil von Sarrazin", sagt Aylin Selcuk über die Junge Islam Konferenz. "Hier prallen keine Welten aufeinander, hier wird konstruktiv diskutiert", sagt sie.

Und überhaupt: Sarrazin, wer ist das schon? "Der hat doch nur Vorurteile", sagt Aylin Selcuk, die den Islamkritiker im vergangenen August wegen Volksverhetzung verklagt hat.

Ihre Vorschläge für ein bessere Integration stellt die Gruppe am 29. März der Deutschen Islam Konferenz vor. In ihrem Dossier plädiert sie für eine "institutionalisierte Kooperation auf kommunaler Ebene". Dahinter verbirgt sich der zwar nicht originelle, aber sehr sinnvolle Ansatz, dass Integrationsarbeit von unten, von der Basis aus geschehen muss. Auch Marett Klahn wird dann wieder mit dabei sein - und auf Thomas de Maizière treffen. Vielleicht kann sie ihm ja ein paar Tipps geben. Von Innenminister zu Innenminister.