Kniefall von Warschau

Christian Wulff auf den Spuren von Willy Brandt

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Daniel Friedrich Sturm

Bundespräsident Wulff würdigt den Kniefall von Warschau, signalisiert aber auch Verständnis für damalige Kritiker der Ostpolitik.

Elf Jahre alt war Christian Wulff, als Willy Brandt am Mahnmal für das Warschauer Getto auf die Knie fiel. Bewusst wahrgenommen und tief beeindruckt habe ihn diese „großartige menschliche Geste der Scham, Demut und Traurigkeit“, sagt Wulff vier Jahrzehnte später in Warschau. Der Bundespräsident ist für einige Stunden in die polnische Hauptstadt gereist, um Brandts Kniefall vom 7. Dezember 1970 zu gedenken und den am selben Tag unterzeichneten Warschauer Vertrag zu würdigen.

Wulff tut dies auf die ihm eigene Weise, indem er versucht, möglichst viele Menschen und politische Auffassungen einzubinden. Zunächst trifft er – bereits zum vierten Mal – den polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski, der nur wenige Tage nach Wulff zum Staatsoberhaupt gewählt wurde und dem er sich als Vertreter der Nachkriegsgeneration nahe fühlt. Dann begegnet Wulff polnischen und deutschen Schülern, die er als Boten einer Zusammenarbeit versteht, die einmal so eng sein soll wie zwischen Deutschland und Frankreich.

Brandts Ostpolitik spaltete Wulffs Familie

Besonders wichtig aber ist Wulff das Signal, als aus der CDU stammender Bundespräsident das Wirken Brandts und dessen Ostpolitik hervorzuheben. Dafür legt er gemeinsam mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel Kränze nieder – am Denkmal für den Warschauer Aufstand und am Denkmal für die Helden des Warschauer Gettos. Vor dem Getto-Mahnmal hatte Brandt bei klirrender Dezemberkälte gekniet. Egon Bahr, Brandts damaliger Mitstreiter, war damals dabei und weilt an diesem Dienstag ebenfalls in Warschau.

Für die Friedrich-Ebert-Stiftung ist es eine besondere Ehre, dass die beiden Präsidenten ihre Europa-Konferenz im Warschauer Königsschloss aufsuchen. Wulff indes beteiligt sich nicht an der an sich treffenden, aber zuweilen simplifizierenden Geschichtsschreibung, wie sie die Sozialdemokratie betreibt. Deren Ostpolitik, die doch zumal in den 80er-Jahren Dissidenten vernachlässigte und in deren Rahmen Bahr fragwürdige Geheimdiplomatie betrieb, erklärt Wulff nicht zur zwangsläufigen Voraussetzung der Revolution von 1989.

So sehr er Brandts Kniefall als Geste von Versöhnung und Demut würdigt, so sehr signalisiert Wulff den damaligen Kritikern und Skeptikern der Ostpolitik Verständnis. Wulff entkoppelt gewissermaßen den Kniefall von der Vertragspolitik der sozialliberalen Regierung Brandt/Scheel. „In der Bundestagsdebatte zur Ostpolitik vom Februar 1972 wurden tiefe Sorgen vieler unserer Landsleute deutlich“, sagt Wulff: „Und ich will Ihnen sagen, dass ich diese damaligen Sorgen um Deutschlands Zukunft nachvollziehen kann …“ Zuvor bereits schilderte er, wie diese Politik seine Eltern spaltete. Während Wulffs Vater, ein Sozialdemokrat, für Brandt schwärmte, hielt seine Mutter wenig von ihm.

Wulf würdigt "wahrlich historische Bedeutung" der Solidarnosc

Vor allem aber knüpft Wulff eine neue Verbindung. Er gedenkt des Kniefalls und würdigt das Wirken der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, deren Führer Lech Walesa von Brandt später während eines Besuchs in Polen nicht aufgesucht wurde. Die „wahrlich historische Bedeutung“ der Solidarnosc „haben in den Achtzigerjahren nicht alle in Deutschland gleich erkannt“, sagt Wulff. Die mutigen Freiheitskämpfer aber hätten sich damals „mehr Unterstützung von den westlichen Demokratien erhofft“. Diese Worte können als Rüffel für Brandt und Bahr verstanden werden. Eine „aktive Destabilisierung der kommunistischen Diktaturen“, die Wulff heute vermisst, haben indes weder seine eigene Partei noch die Regierung Kohl/Genscher betrieben. Dieser nachträgliche indirekte Ruf nach einer Destabilisierungspolitik kommt daher etwas wohlfeil daher.

Die Polen betten Brandts Kniefall, durchaus vergleichbar, in zwei andere symbolhafte Ereignisse ein: Präsident Komorowski verweist auf den eindrucksvollen Brief der polnischen Bischöfe aus dem Jahr 1965, in dem diese den Deutschen vergeben und um Vergebung bitten – und auf die Umarmung nach einer Versöhnungsmesse zwischen Helmut Kohl und dem damaligen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki in Kreisau kurz nach dem Fall der Mauer. Der Kniefall des deutschen Protestanten Brandt zu Ehren der Juden im Getto wird so zur Klammer zwischen zwei von katholischer Kirche und katholischen Akteuren geprägten historischen Wegmarken.

Vor deutschen und polnischen Jugendlichen, die die Willy-Brandt-Schule in Warschau besuchen, würdigt Wulff seinen Präsidenten-Kollegen Komorowski. „Wir mochten uns vom ersten Moment an“, sagt Wulff. „Wir können in den nächsten fünf Jahren viel aus unseren Präsidentschaften machen.“ In der Tat wirkt diese Begegnung weitaus harmonischer als noch das Treffen ihrer beiden Vorgänger Horst Köhler und – dem im Frühjahr verunglückten – Lech Kaczynski. Wulff versucht, den jungen Leuten die Gräuel des Zweiten Weltkrieges nahezubringen. „Vielleicht kommt Ihnen das vor wie Geschichten für Opa am Kamin“, sagt er, um sogleich zu erinnern: Manch junger Mensch, einst von den Nazis umgebracht, könnte noch heute, 65 Jahre später, als 80- oder 90-Jähriger unter uns sein.