Gezielte Attacken

Polizei hält deutsche AKW für nicht terrorsicher

Im Falle eines Terrorangriffs sieht die Polizeigewerkschaft Atomanlagen nicht ausreichend geschützt. Auch beim Katastrophenschutz gebe es Mängel.

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Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hält die Atomkraftwerke (AKW) in der Bundesrepublik für nicht sicher vor Terrorangriffen. Der stellvertretende Gewerkschaftschef Hermann Benker sagte der "Bild"-Zeitung (Onlineausgabe): "Die Polizei kann gezielte Terrorangriffe auf AKWs nicht verhindern" (den "Bild"-Artikel lesen Sie hier) . Szenarien wie gezielten Flugzeugabstürzen, Raketenangriffen mit mobilen Trägersystemen und Cyber-Attacken auf die Computer-Netzwerke der Reaktoren stehe die Polizei hilflos gegenüber.

Benker sagte, die Sicherheitsbeamten könnten lediglich durch Präsenz abschrecken. Für eine permanente Sicherung aller deutschen Kernkraftwerke mit vielen Einsatzkräften fehle das Personal. Er forderte ein europäisches Sicherheitskonzept zum Schutz vor terroristischen Angriffen auf Atomkraftwerke, da die Frage der Anschlagssicherheit sämtliche Atommeiler in Europa betreffe und zentral koordiniert werden müsse.

Der Atomexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Tobias Riedl, sagte dem Blatt: "Vor allem für die alten Reaktoren gilt: Sie halten einem gezielten Flugzeugabsturz nicht stand. Das belegen alle unsere Studien zu dem Thema." Er forderte einen endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland.

SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz sagte zum Schutz deutscher Reaktoren vor terroristischen Gefahren: "Es ist völlig unumstritten, dass unsere AKWs davor nicht sicher sind." Das sei bereits seit Jahren bekannt. Konsequenzen seien aber nicht gezogen worden.

Zudem macht die Gewerkschaft auch beim Katastrophenschutz in Deutschland gravierende Mängel aus. "Wir haben kein effektives Alarmsystem, um die Bevölkerung etwa nach einem Atom-GAU schnell flächendeckend zu informieren", sagte DPolG-Chef Rainer Wendt der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Von ehemals rund 100.000 Alarmsirenen seien zwei Drittel inzwischen abgebaut worden und der Umstieg auf moderne Alarmsysteme sei bisher nicht gelungen.

"Wer Radio und Fernseher ausgeschaltet hat, bleibt heute zunächst blind und taub für Gefahren, während früher jeder Mensch hören konnte, dass Gefahr droht", sagte Wendt. Zudem werde in Deutschland bei einer Katastrophe nicht unmittelbar im ganzen Land Alarm gegeben. Beim Bevölkerungsschutz leiste sich Deutschland einen "gefährlichen föderalen Flickenteppich".

Wendt forderte die Bundesländer auf, rasch ein nationales Alarmsystem einzuführen. Katastrophen-Warnungen via Handy, Rauchmelder, Funkuhren oder Internet seien technisch machbar. Eine Einführung scheitere bisher aber daran, dass die Bundesländer das Thema nicht konsequent verfolgten. "Länder wie Japan, USA oder Niederlande sind hier deutlich weiter", sagte Wendt. Bis die moderne Technik in Deutschland umgesetzt sei, müsse zumindest in Regionen mit Atomkraftwerken oder anderen Gefahrenquellen wieder verstärkt auf Alarmsirenen zurückgegriffen werden.