Menschenhandel

"Prostitution wird zum normalen Beruf verklärt"

Lea Ackermann, Vorsitzende des Frauenhilfswerks Solwodi, über Menschenhandel und Frauen, die sich angeblich freiwillig prostituieren.

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Schön ist das Hurenleben – jedenfalls dann, wenn man diese Karriere freiwillig einschlägt. Dann kann man als „Sexarbeiterin“ Abenteuer erleben und Freier zuhause besuchen. Oder man genießt das schöne Wetter und schafft auf dem Straßenstrich an. Weit bringen können es die „Sex-Dienstleisterinnen“ natürlich auch: bis zu Eigentumswohnung, schnittigem Sportwagen und solider Altersvorsorge. Mit solchen Worten bewarb der „Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen“ jüngst die Prostitution. Lea Ackermann lacht laut und herzlich, als sie von dieser Werbung hört. Ein lockerer Auftakt – für ein ernstes Gespräch über modernen Sklavenhandel.

Morgenpost Online: Frau Ackermann, ist das Prostituiertenleben lustig?

Lea Ackermann: (hört plötzlich auf zu lachen): Nein, das ist natürlich Zynismus. Bei den vermeintlich abenteuerlichen Wohnungsbesuchen lauert häufig die Gefahr, Opfer qualvoller Sexpraktiken zu werden, von denen die Vergewaltigung nicht mal die schlimmste ist. Immer wieder werden auch Fälle von perversen Freiern bekannt, die die Prostituierten so scheußlich behandeln, dass diese anschließend Selbstmord begehen wollen und zum Beispiel nackt auf die Straße vor ein Auto springen. In populären Bordellen in NRW sehen Prostituierte oft über ein halbes Jahr lang nicht ein Mal das Tageslicht…

Morgenpost Online: … und zu großem Wohlstand bringt es dann vermutlich auch nicht jede …

Lea Ackermann: … nicht jede? Ich kenne keine! Mit der vermeintlichen Freiwilligkeit ist es übrigens auch nicht weit her.

Morgenpost Online: Eine Minderheit der Prostituierten gilt aber als freiwillig tätig.

Lea Ackermann: Diese Einschätzung ist zweifelhaft, wenn man auf die Lebensläufe dieser Frauen blickt. Mir sind Fälle von sogenannten Freiwilligen bekannt, die mit zwölf Jahren so massiv vergewaltigt wurden, dass sie später sagten: So, mein Körper ist ohnehin nichts mehr wert, jetzt will ich wenigstens Geld dafür haben.

Morgenpost Online: Was sich mit einer Studie des Bundesfamilienministeriums deckt. Demnach haben Prostituierte überdurchschnittlich oft in ihrer Jugend Gewalt, Missbrauch und schwere seelische Störungen erlitten.

Lea Ackermann: Und wenn eine Frau aus massiver Armut heraus anschafft, ist das wohl auch keine ganz freie Entscheidung. Ich kenne eine Ex-Prostituierte aus Litauen, die beschloss, in Deutschland für drei Monate in einem Nachtklub als Prostituierte zu arbeiten …

Morgenpost Online: … aus freiem Entschluss?

Lea Ackermann: Was heißt frei? Ihre Familie lebte in einer Einzimmerwohnung, der Vater war schwer krank und arbeitsunfähig, die Mutter Alkoholikerin. Die ganze Familie fragte sie: Was tust Du eigentlich, um uns aus unserer Not, aus der Armut herauszuhelfen? So sieht die scheinbare Freiwilligkeit tatsächlich aus.

Morgenpost Online: In mehreren Bundesländern wollen nun sozialdemokratische und grüne Frauenpolitiker Prostituierten helfen, indem sie das Bundesprostitutionsgesetz von 2002 konsequent umsetzen. Ein probates Mittel?

Lea Ackermann: Der Gesetzgeber wollte damals nicht akzeptieren, dass die Prostituierten oft wehrlos und rechtlos sind, während die Freier alle Rechte besitzen. Die Frauen sollten sich wenigstens versichern können. Dieses Anliegen war gut.

Morgenpost Online: Seitdem kann Prostitution als sozialversicherungspflichtige Arbeit anerkannt werden, außerdem können Bordelle, Sauna-Clubs und Wohnungsprostitution als Gewerbe angemeldet werden. Der käufliche Sex gilt nun nicht mehr als sittenwidrig. Eine Erfolgsgeschichte?

Lea Ackermann: Nein, leider bestand die Folge des Prostitutionsgesetzes darin, dass Bordelle mit allen möglichen Zusatzangeboten im Wellness-Bereich aus dem Boden schossen und die Branche insgesamt erblühte. Ihr Angebot ist deutlich differenzierter und attraktiver geworden. Gleichzeitig wird die Prostitution faktisch zum normalen Beruf verklärt, für den geworben und ausgebildet werden darf. Der Prostituiertenverein Madonna bietet sogar ausdrücklich „Einstiegshilfen“ für Interessentinnen an.

Morgenpost Online: Trotzdem erwägt man etwa in der nordrhein-westfälischen Regierung, Druck auf solche Kommunen auszuüben, die Bordelle bislang nicht als ordentliches Gewerbe und Prostitution nicht als ganz normale Arbeit anerkennen wollten.

Lea Ackermann: Solcher Druck wäre kontraproduktiv. Die Politik droht dadurch eher beim Anschaffen als beim Aussteigen zu helfen.

Morgenpost Online: Wieso sollte es ausgeschlossen sein, das Rotlichtmilieu in eine seriöse Branche zu verwandeln – ohne Kriminalität und Zwangsprostituierte?

Lea Ackermann: Weil die rechtliche Aufwertung der Prostitution Kriminellen hilft. Inzwischen muss eine Prostituierte bei einer behördlichen Kontrolle nur noch sagen, sie schaffe freiwillig an, schon hat die Polizei fast keine Möglichkeiten mehr. In Gegenwart des Zuhälters zu bekennen, man werde zur Arbeit gezwungen, trauen sich viele Frauen aber nicht. Ihre Zuhälter reden ihnen ja auch ein, die Polizei stehe auf Seiten der Bordellbetreiber. Durch das Prostitutionsgesetz von 2002 kann man die Frauen also schwerer aus der Gewalt von Zuhältern befreien als zuvor.

Morgenpost Online: Vor allem Grüne hoffen dennoch, illegaler Frauenhandel und die kriminellen Netzwerke dahinter ließen sich in ordentlich angemeldeten Sex-Betrieben leichter bekämpfen.

Lea Ackermann: Das scheint mir ein naiver Glaube zu sein. Die Strippenzieher im Hintergrund haben großes Interesse daran, den Frauenhandel fortzusetzen, weil er sehr lukrativ ist. Wieso sollten sie aufgeben? Außerdem gelingt es den Bordellbetreibern – laut vielen Zeugen – immer wieder, Illegale rechtzeitig verschwinden zu lassen, wenn Kontrollen bevorstehen. Der kriminellen Energie von Menschenhändlern sind die wenigen behördlichen Kontrolleure meist nicht gewachsen.

Morgenpost Online: Die Niederlande haben den deutschen Weg früher beschritten. Was lehrt deren Beispiel?

Lea Ackermann: Dass der illegale Menschenhandel nicht lahmgelegt wurde und dass die Kriminalität in den Rotlichtvierteln dort sogar wuchs. Das ist eben kein gewöhnliches Geschäft, sondern eine tief in Drogen- und Waffenhandel verflochtene Branche.

Morgenpost Online: Die NRW-Frauenministerin Barbara Steffens verbindet noch weitere Hoffnungen mit voll legalisierten Bordellen. Zum Beispiel möchte sie dort eine Kondompflicht durchsetzen.

Lea Ackermann: Auch das halte ich für naiv. Wer will denn im entscheidenden Moment kontrollieren, ob ein Kondom benutzt wird?

Morgenpost Online: Diskutiert wird schließlich auch, das Werbeverbot für „Sex-Dienstleister“ weiter zu lockern, um diskriminierende Wettbewerbsnachteile der Branche abzubauen.

Lea Ackermann: Dieses Verbot ist schon jetzt stark aufgeweicht. Was soll denn noch kommen? Sollen Siebenjährige die Prostituierten auch auf der Litfaßsäule sehen? In Norddeutschland warb ein Bordell unlängst mit dem Slogan „Ein Bier, ein Würstchen, eine Frau – für 8,99 Euro“. Sollen das die Kinder auf Plakaten lesen?

Morgenpost Online: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Lea Ackermann: Ich empfehle das Vorbild Schweden. Dort ist nicht die Prostitution, sondern das Freiertum unter Strafe gestellt. Wird ein Freier erwischt, muss er Strafgeld zahlen. Da wurde ein Blickwechsel vollzogen: Wer einen Menschen kaufen will, handelt strafbar. Das hat einen Gesinnungswandel bewirkt. In Schweden halten rund 80 Prozent Prostitution für ein Übel, in Deutschland eher 20 Prozent.

Morgenpost Online: Wurde die Prostitution dadurch auch nur reduziert?

Lea Ackermann: Reduziert wohl schon, vor allem aber wurden ihre Entfaltungsmöglichkeiten gestutzt. Werbung für Bordelle oder eine Anmeldung als Gewerbe sind ausgeschlossen. Natürlich wird es in Schweden weiter käuflichen Sex geben. Aber die große Mehrheit der Bevölkerung hat zu einer wertvollen Botschaft gefunden: Prostitution ist Sklavenhandel. Den darf man nicht hoffähig machen.