Bernd Moldenhauer

Der mysteriöse Tod an der Autobahn

Vor 30 Jahren wurde der DDR-Kritiker Bernd Moldenhauer erdrosselt. War es ein Auftragsmord der Stasi? Der Brandenburger CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski sucht nach der Wahrheit.

Foto: Reto Klar

Ein Campingplatz im Nordwesten Brandenburgs. Es ist glühend heiß, das Thermometer zeigt 38 Grad im Schatten. Die meisten Gäste baden im angrenzenden See, andere haben sich in ihre Zelte und Wohnwagen zurückgezogen. Auf dem sonst so belebten Gelände herrscht fast gespenstische Stille. Inmitten dieser Szenerie sucht der Brandenburger CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski nach der Wahrheit in einem Todesfall, der drei Jahrzehnte zurückliegt und der nie restlos aufgeklärt werden konnte.

Der Politiker ist unangekündigt gekommen. Er sitzt unter dem Sonnendach einer Hütte auf dem Campingplatz. Sie gehört dem ehemaligen Stasi-Agenten Aribert F., der heute vor 30 Jahren Dombrowskis Freund Bernd Moldenhauer erdrosselt haben soll, auf einem Rastplatz in Hessen nahe der damaligen Zonengrenze. Der 75-Jährige, der 1981 wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, trägt ein rotes ärmelloses Shirt und eine orangefarbene Turnhose. Mit seiner großen Brille und dem fast kahlen Kopf erinnert er mehr an den Dalai Lama als an einen Gewalttäter. Neben ihm sitzt seine Frau und hört aufmerksam zu. Ihr Gatte redet ohne Unterlass und verbreitet seine Version der Geschichte. Dieter Dombrowski, ehemaliger DDR-Häftling und nach seinem Freikauf im Westen von Stasi-Spitzeln umzingelt, fällt es sichtlich schwer, den Worten des früheren Ost-Agenten Glauben zu schenken.

Der Fall, der an diesem schwül-heißen Nachmittag an einem Gartentisch verhandelt wird, ist von historischer Bedeutung. Ließ der DDR-Geheimdienst Regimegegner liquidieren? Wurde Bernd Moldenhauer das Opfer eines Auftragsmordes? Laut den Prozessunterlagen hatte Aribert F. nacheinander vor Polizisten, einem Staatsanwalt und vor Gericht erklärt: "Er, F., sei allein mit Moldenhauer im Auto gewesen und habe ihn im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR erdrosselt, nachdem Moldenhauer stundenlang im Auto geschlafen habe." Doch später widerrief F. seine Angaben. Als er schließlich in Haft saß, erhielt seine Ehefrau von der Stasi insgesamt 54 000 D-Mark. Schweigegeld?

Bis heute rätseln DDR-Forscher, was an jenem 15. Juli 1980 wirklich geschah. Sicher ist: Aribert F. fährt an diesem Dienstag im Auftrag der Stasi nach Heilbronn, wo Bernd Moldenhauer lebt. Der Bauarbeiter, den der SED-Staat nach einer missglückten Republikflucht ins Zuchthaus gesteckt hatte, war 1973 von der Bundesregierung freigekauft worden. Er ist voller Hass auf alles, was er für sozialistisch hält - und gilt bald als einer der radikalsten Köpfe in westdeutschen Menschenrechtsorganisationen. Mit spektakulären, bisweilen militanten Aktionen gegen die Machthaber im Osten bringt er diese gegen sich auf. Er steigt nach 21 Uhr in den VW Golf von Aribert F. Der Busfahrer arbeitet damals schon seit rund sieben Jahren als Agent und hat dafür mehrere Zehntausend D-Mark kassiert. Moldenhauer ahnt davon nichts.

Die beiden fahren über Bad Hersfeld in Richtung DDR. Kurz vor der Grenze wendet Aribert F. und steuert den nächsten Rastplatz an. Spätestens dort wird Moldenhauer laut Ermittlungsergebnis erdrosselt, mit der Kordel seiner Parka-Kapuze und in wehrlosem Zustand. Bei der Obduktion können keine Medikamente nachgewiesen werden, die Alkoholkonzentration in seinem Blut beträgt aber 1,51 Promille. Dabei hatte Moldenhauer laut Zeugenaussagen vor Fahrtbeginn einen nüchternen Eindruck gemacht.

Lastwagenfahrer entdeckt Leiche

Einen Tag später entdeckt ein Lastwagenfahrer zufällig im Gebüsch neben dem Rastplatz die Leiche. Die Fahnder haben rasch eine heiße Spur; sie führt zu Aribert F., mit dem Moldenhauer zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Nur drei Tage nach dem Mord wird er verhaftet. Doch in seinen Vernehmungen präsentiert er den Ermittlern immer neue Versionen des Tatgeschehens. Mal gibt er an, aus Habgier getötet zu haben. Dann erzählt er von ihm unbekannten Männern, die den Mord begangen haben sollen. Am plausibelsten klingt seine hartnäckig wiederholte Aussage, er habe im Stasi-Auftrag gehandelt. Doch die Ermittler glauben ihm nicht. In Zeiten der Entspannungspolitik und der "friedlichen Koexistenz" von Ost und West halten sie es offenbar für undenkbar, dass die Stasi töten lässt. Im Urteil heißt es: "Das Tatmotiv ist unaufklärbar."

Heute, 30 Jahre später, könnte Aribert F. offen reden. Er hat seine Strafe längst verbüßt; wegen derselben Tat kann er kein zweites Mal angeklagt werden. Doch was der sonnengebräunte Rentner am Campingtisch berichtet, erinnert mehr an einen schlecht konstruierten Kriminalroman. Er spricht wieder einmal von mehreren Männern, die angeblich während eines Zwischenstopps in Frankfurt am Main in sein Auto gestiegen seien. F. sagt, sie hätten Moldenhauer irgendwann während der Fahrt getötet. "Ich habe das nicht mitbekommen", behauptet Aribert F., obwohl das Opfer neben ihm auf der Beifahrerseite saß. Auf dem Rastplatz seien die wahren Täter dann überraschend in ein anderes Fahrzeug umgestiegen und verschwunden. Er habe seinen Beifahrer angestoßen, und "auf einmal, zack, fiel Moldenhauer zur Seite". Die Leiche habe er ins Unterholz gezerrt. Warum er die Polizei nicht alarmiert hat, sondern seelenruhig durch die DDR nach West-Berlin gefahren ist und sich schlafen gelegt hat, lässt Aribert F. offen.

IM "Günter Frank" spricht nicht gerne über Moldenhauer

Dieter Dombrowski hört ruhig zu. Er kannte Moldenhauer gut, organisierte mit ihm Protestaktionen. Nach dem Fall der Mauer erfuhr er aus Unterlagen der Birthler-Behörde, wie wertvoll Aribert F. für das Ministerium für Staatssicherheit war. Seine Akte (Deckname: IM "Günter Frank") umfasste ursprünglich bis zu 4500 Seiten. Vermutlich Ende 1989 sind wichtige Dokumente - besonders jene, die Auskunft über das Tatgeschehen geben könnten - offenbar gezielt vernichtet worden. Sein Führungsoffizier war ausgerechnet jener Mann, der auch ausgestiegene RAF-Terroristen in die DDR holte und mit neuen Identitäten ausstattete: Harry Dahl, Leiter der für "Terrorismusabwehr" zuständigen Abteilung XXII. Nach der Wiedervereinigung warf ihm ein ehemaliger Stasi-Kollege vor, im August 1983 in einen Sprengstoffanschlag auf das französische Kulturhaus "Maison de France" in West-Berlin mit einem Toten und vielen Verletzten verwickelt gewesen zu sein.

"Für Dahl war Bernd Moldenhauer Staatsfeind Nr. 1", sagt Aribert F. Er selbst teilte laut Stasi-Akten diese Meinung und schwärzte ihn "als einen der übelsten, skrupellosesten und gefährlichsten Feinde der DDR" an. Diese Einschätzung wäre jedenfalls ein starkes Motiv für einen Auftragsmord gewesen. Hinzu kommt: Im Sommer 1980 hatte Moldenhauer ein "ganz großes Ding" vor. Angeblich plante er, an der Bernauer Straße in Berlin gleich mehrere Hundert Meter der Mauer wegzusprengen. Das wäre um die Welt gegangen. Musste Moldenhauer deshalb sterben? Er wurde "wahrscheinlich von einem Inoffiziellen Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes ermordet", heißt es in einem vom Bundestag veröffentlichten Tätigkeitsbericht der Birthler-Behörde.

Noch heute reagiert Aribert F. gereizt, wenn er den Namen des Opfers hört. Er lässt kein gutes Haar an Moldenhauer. Obwohl F. selbst einmal in der DDR inhaftiert gewesen war, hielt er später in der Bundesrepublik das SED-Regime für die bessere Gesellschaft. Er wollte sogar zurück in den Osten. Als er das einem Stasi-Offizier erzählte, sagte der: "Wir tragen Ihnen nichts nach, aber Sie haben zunächst noch etwas gutzumachen." Fortan arbeitete F. als Inoffizieller Mitarbeiter im Westen. Auch nach seiner Haftentlassung im Juli 1987 traf er sich noch rund ein Dutzend Mal in konspirativen Wohnungen der Stasi in Ost-Berlin: "Das letzte Treffen hatte ich am 15. Oktober 1989."

Während Aribert F. redet und redet, serviert seine Frau Wasser. Sie spricht nicht gern über die Vergangenheit. "Warum wollen Sie denn an dem alten Zeug rumrütteln?", fragt sie Dieter Dombrowski. Bereits vor zehn Jahren hatten sie sich schon einmal gesehen. Die damalige Begegnung war einem Zufall geschuldet, das Ehepaar F. wollte sich in der Bürgersprechstunde des Politikers wegen eines Problems auf dem Campingplatz beraten lassen. "Wir kamen auch auf unsere ähnlich verlaufenen Biografien und den Fall Moldenhauer zu sprechen", erinnert sich Dombrowski. "Ich erzählte, dass wir gemeinsam das Büro der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot am Bahnhof Zoo zugemauert hatten, um auf die Unfreiheit im Osten aufmerksam zu machen." Dann sei er auf das tragische Schicksal seines Freundes zu sprechen gekommen und darauf, dass ein Täter damals verurteilt wurde. Da sei Aribert F. der kalte Schweiß auf die Stirn getreten, und er habe gesagt: "Ich bin dieser Mann." Seine Frau soll hinzugefügt haben: "Der Moldi hat es doch verdient."

Dombrowski ging das bizarre Treffen nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder dachte er in den vergangenen Jahren darüber nach, noch einmal das Gespräch zu suchen. Als dieses beendet ist, steht Dombrowski noch lange in der Gluthitze vor dem Eingang des Campingplatzes und grübelt. Er lässt die letzten drei Stunden Revue passieren und versucht, seine Gedanken zu ordnen. Seine Enttäuschung kann er nicht verbergen. Die Wahrheit über den Tod seines Freundes, so befürchtet er, wird der Täter wohl mit ins Grab nehmen.

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