Erinnerungen an die Haft

"Das Arbeitslager war wie eine kleine DDR"

Hans-Eberhard Zahn wurde 1953 als junger Student in Ost-Berlin verhaftet. Sieben Jahre verbrachte er in Haft, auch in Hohenschönhausen.

Im November 1953 wurde der FU-Student Hans-Eberhard Zahn (Jahrgang 1928) in Ost-Berlin von der Staatssicherheit festgenommen. Die folgenden sieben Jahre verbrachte er in verschiedenen DDR-Haftstätten, darunter auch im „ArbeitslagerX“ in Hohenschönhausen. Ende 1960 entlassen, beendete Zahn sein Studium und arbeitete jahrzehntelang an der Freien Universität. Heute führt er Besucher durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Mit Zahn sprach Sven Felix Kellerhoff.

Morgenpost Online: Wie kam es zu Ihrer Festnahme?

Hans-Eberhard Zahn: Die letzten Minuten der Freiheit werde ich nie vergessen: Ganz arglos und fröhlich kam ich mit meinem Motorroller nach Ost-Berlin gefahren. Das ging ja damals, es gab noch keine Mauer. Was ich nicht wusste: Man hatte meinen Freund bereits am Vormittag verhaftet, weil er, wie ich erst nach meiner Entlassung erfuhr, für eine der vielen „Agentenzentralen“ gearbeitet haben soll. Und da fing man dann Leute, die mit einem West-Motorroller unterwegs waren, selbstverständlich ab.

Morgenpost Online: Wie lief die Verhaftung selbst ab?

Hans-Eberhard Zahn: Zwei Männer in den berühmten Lederol-Mänteln traten auf mich zu: „Zeigen Sie mal Ihren Ausweis.“ Bevor ich mich versah, hatte man mir schon den Ausweis entrissen. Einer war schon hinter mich getreten, riss meine Hände nach hinten. Handschellen schnappten zu. „Sie sind vorläufig festgenommen. Bei Widerstand schießen wir scharf.“ Diese Worte waren für mich die Überschreitung der Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit.

Morgenpost Online: Sie saßen zuerst bei der Stasi in Prenzlauer Berg, später in anderen Gefängnissen. Wie kamen Sie nach Hohenschönhausen?

Hans-Eberhard Zahn: Im September 1958 wurde ich nach fast fünf Jahren Haft aus Bautzen abtransportiert. Zusammen mit sechs anderen Gefangenen fuhr man uns stundenlang durch die Gegend, bis wir plötzlich aussteigen mussten. Wir fanden uns inmitten einer Schar von braun gebrannten, lächelnden Leuten in relativ gepflegter Gefangenenkleidung wieder. „Willkommen bei uns im Lager“, begrüßte man uns.

Morgenpost Online: Das war das Haftarbeitslager?

Hans-Eberhard Zahn: Ja, genau. Wachttürme und hohe, stacheldrahtbewehrte Begrenzungsmauern waren zu sehen – aber die Wachmannschaft hielt sich außerhalb der Mauern auf, die Gefangenen blieben unter sich, bewachten sich selbst, wie sich bald herausstellte.

Morgenpost Online: Also alles halb so schlimm?

Hans-Eberhard Zahn: Nein, keineswegs. Solche „positiven“ Gedanken begannen sich spätestens dann zu verflüchtigen, als der Häftlings-„Lagerleiter“ mich Neuankömmling zu sich befahl und sagte: „Hier kannst du deine Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache DDR stellen und hast gute Aussichten, vorzeitig entlassen zu werden.“ Aber er fügte gleich hinzu: „Irgendwelche Hetzereien und negative Diskussionen dulden wir hier nicht.“ Das waren deutliche Worte. Die Botschaft lautete: Wer sich anpasst, der darf erträglich leben, wer wider den Stachel löckt, dem geht es schlecht. Heuchelei wurde belohnt, Aufrichtigkeit bestraft. Das Haftarbeitslager war nichts anders als eine kleine DDR.

Morgenpost Online: Und Sie haben aufbegehrt?

Hans-Eberhard Zahn: Man warf mir vor, in einem Brief an meine Mutter „provoziert“ zu haben. Also bekam ich zehn Tage verschärften Arrest. Eine Zellentür wurde aufgeschlossen; dahinter lag so etwas wie eine finstere Höhle. Man stieß mich hinein. Ein grelles Licht über der Tür wurde eingeschaltet. Ich befand mich in einem fensterlosen Betonsarg, einen Meter breit, zwei Meter hoch, drei Meter lang. Es gab einen Kübel, aber sonst keine Sitzgelegenheit, denn die Holzpritsche war hochgeklappt und mit einem Vorhängeschloss gegen die Benutzung während des Tages abgesichert. Man konnte entweder in der Enge wenige Schritte hin und her laufen, oder man konnte in einer Ecke auf dem Betonboden kauern.

Morgenpost Online: Schrecklich.

Hans-Eberhard Zahn: Ja. Und dann erfuhr ich, dass meine Freundin sich das Leben genommen hatte. Der Wärter warf meinen letzten Brief an sie in die Zelle, darauf stand: „Empfänger verstorben“. Sie hatte sich, wie ich erst nach meiner Entlassung erfuhr, auf dem S-Bahnhof Jungfernheide das Leben genommen. Ich war froh, als ich kurz darauf aus Hohenschönhausen wieder in ein „normales“ DDR-Gefängnis gebracht wurde.

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